
Als auf einem Bergpass eine Leiche gefunden wird, stellt das die Polizei gleich vor mehrere Probleme. Nicht nur, dass diese auf bizarre Weise in Szene gesetzt wurde. Wer macht so etwas nur? Die Tote wurde außerdem direkt an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich abgelegt, weshalb beide Länder auch bei der Ermittlung zusammenarbeiten müssen. Der österreichische Inspektor Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) hätte darauf gut und gern verzichten können. Er lässt seine deutsche Kollegin Ellie Stocker (Julia Jentsch) auflaufen. Aber die Geschichte lässt ihn nicht los, denn kurze Zeit später wird eine zweite Leiche gefunden, die ebenfalls zur Schau gestellt wird. Und das dürfte nur der Auftakt sein, denn jemand ist fest entschlossen, die Gesellschaft für ihre Sünden zu bestrafen, und wird so als Krampus-Mörder zur Mediensensation …
Abgründe im deutschen Fernsehen
Manche werden sich mit Wehmut daran erinnern: Es gab eine Zeit, als Sky Deutschland darum bemüht war, hochkarätige Serien zu produzieren, wie man sie im deutschen Fernsehen so nicht fand. Neben den Vorzeigetiteln wie der Neuinterpretation Das Boot und der Zeitreise Babylon Berlin gab es Geheimtipps wie den Mystery-Horror Hausen um unheimliche Vorkommnisse in einem Mietshaus. Und auch Der Pass fand zahlreiche Fans. 2018 an den Start gegangen, wurde die deutsch-österreichische Coproduktion gleich zweimal fortgesetzt, bis sie 2023 ihren Abschluss fand. Und noch immer schwärmen manche von dieser Mischung aus Krimi und Thriller, die uns gleichzeitig hoch hinauf nimmt, in die verschneiten Berge, und in die tiefen Abgründe der menschlichen Seele.
Dabei ist das Szenario von Der Pass an und für sich nicht wirklich originell. Es gibt nicht eben wenige Krimis, bei denen ungleiche Ermittelnde aus verschiedenen Gegenden zusammenkommen müssen, um gemeinsam einen Fall zu lösen. Neben der beliebten Stadt-Land-Thematik – jemand aus der Großstadt muss in der Provinz mithelfen – finden sich auch immer wieder Beispiele für grenzüberschreitende Kooperationen. Speziell Die Toten vom Bodensee bietet sich als Vergleich an, schließlich ermittelt auch bei der 2014 gestarteten Krimireihe ein deutsch-österreichisches Team. Die Idee eines selbstverliebten Serienmörders, der seine Opfer inszeniert, gab es auch immer mal wieder. Hannibal ist da eine naheliegende Referenz.
Atmosphärisch und stark gespielt
Doch Der Pass ist eben mehr als das zugrundeliegende Szenario. Und er ist mehr als der klassische Whodunit, der er zunächst zu sein scheint. So wird relativ früh verraten, wer der Täter ist. Die Serie fährt anschließend zweigleisig, erzählt auf der einen Seite von den Ermittlungen, auf der anderen Seite von den Untaten von Gregor Ansbach (Franz Hartwig), der ebenso akribisch wie brutal vorgeht. Das könnte ein Publikum irritieren, das eigentlich zum Rätseln einschaltet. Doch das eingespielte Team von Cyrill Boss und Philipp Stennert (Hagen – Im Tal der Nibelungen), Serienschöpfer und Regisseure, interessiert sich stärker für die Figuren und ihre Geschichten, wenn wir Polizei und Killer im Laufe der Zeit immer näher kennenlernen. Hinzu kommt der gesellschaftliche Aspekt, wenn der Killer Entwicklungen anprangert. Auch die Medienlandschaft wird vorgeführt, die diese Morde für sich ausschlachtet.
Das klingt sensationalistisch, vielleicht auch belehrend. Und doch ist Der Pass weder das eine, noch das andere. Ganz ruhig nimmt uns die Serie mit auf eine Reise in die Dunkelheit, in der es vor ambivalenten Figuren nur so wimmelt. Sie alle haben irgendwie zu kämpfen, mal beruflich, mal privat. Dabei darf es tragisch werden, frustrierend – und sehr hässlich. Das steht in einem starken Kontrast zu den teils atemberaubend schönen Landschaftsaufnahmen, die das Publikum während der Reise durch die Berge spendiert bekommt. Das trägt zur Atmosphäre bei, die zusammen mit den Figuren die große Stärke der Serie ausmachen. Das Ergebnis ist eine Serie, bei der man es nicht eilig haben darf oder konstante Hochspannung erwarten sollte. Ein langsames Abgleiten in eine Schattenwelt, in der einem zwar vieles bekannt vorkommt, die einem aber trotz allem in Erinnerung bleibt – nicht zuletzt wegen eines starken Ensembles.
OT: „Der Pass“
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2018
Regie: Cyrill Boss, Philipp Stennert
Drehbuch: Cyrill Boss, Philipp Stennert, Mike Majzen
Idee: Cyrill Boss, Philipp Stennert
Musik: Jacob Shea
Kamera: Philip Peschlow
Besetzung: Julia Jentsch, Nicholas Ofczarek, Lucas Gregorowicz, Martin Feifel, Franz Hartwig, Hanno Koffler, Lukas Miko, Natasha Petrovic
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