
Die vier Mädchen Lena, Leni, Eleyna und Lisann leben in einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche im Nordosten Baden-Württembergs. Die Gründe, weshalb sie von ihren Eltern getrennt wurden, sind unterschiedlicher Natur, führen zu Enttäuschung und Frust, der nicht selten in Wut umschlägt und die Betreuerinnen an ihre Belastungsgrenzen bringt. Über allem steht jedoch der Wunsch, irgendwann wieder nach Hause zurückkehren und gemeinsam mit den Eltern leben zu können.
Herzzerreißende Systemsprenger
Der Titel dieses Dokumentarfilms geht auf eine seiner Protagonistinnen zurück. Das Mädchen Leni bastelt in ihrer Freizeit an einem Buch, das sie Das fast normale Leben nennen möchte. Denn genau das ist es, was Leni und die übrigen Mädchen, die der Regisseur Stefan Sick in seinem Film porträtiert, führen: ein Leben, das von der Norm abweicht, dabei aber um größtmögliche Normalität bemüht ist. So weit das überhaupt geht. Denn Leni, die etwas älteren Lena und Lisann und die kleine Eleyna wurden von ihren Eltern getrennt und in einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort untergebracht. Stefan Sick hat sie über einen Zeitraum von zwei Jahren mit der Kamera begleitet.
Es handelt sich um den zweiten abendfüllenden Dokumentarfilm, bei dem Sick Regie geführt hat. Sein Debüt gab er mit Das innere Leuchten (2019). Die Doku kreiste um das Thema Demenz, lief bei der 69. Berlinale in der Sektion „Perspektive deutsches Kino“ und wurde für einen Grimme-Preis nominiert. Das fast normale Leben feierte beim DOK.fest München im Mai 2025 Premiere und erhielt dort den VFF-Dokumentarfilm-Produktionspreis. Ein relativer Neuling ist Sick übrigens nur auf dem Regiestuhl. Der 1981 geborene Filmemacher ist studierter Kameramann und hat bereits bei zahlreichen Dokumentarfilmen und jetzt auch bei Das fast normale Leben die Kamera geführt. Was sicherlich kein Nachteil war. Denn je kleiner die Crew vor Ort ist, desto intimere Momente sind möglich. Und Sicks neuer Film ist voll davon.
Fokus auf vier Mädchen
Manche Mädchen, allen voran Lena, geraten angesichts ihrer Lebensumstände wiederholt in Rage, was im schlimmsten Fall mit der Einweisung in die Psychiatrie endet. So brutal wie in Nora Fingscheidts Spielfilm Systemsprenger (2019) geht es zum Glück zwar nicht zu, aber die betreuenden Pädagoginnen sind mit ihrem Latein bisweilen am Ende. Inhaltlich erinnert Das fast normale Leben an einen anderen deutschen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2025: Im Prinzip Familie. Auch dessen Regisseur Daniel Abma hat eine Wohngruppe für Kinder und Jugendliche über einen längeren Zeitraum begleitet. In der Wohngruppe aus Abmas Doku leben allerdings keine Mädchen, sondern fünf Jungs. Und anders als Stefan Sick legt Abma seinen erzählerischen Fokus nicht ausschließlich auf die Kinder und Jugendlichen, sondern nimmt auch die Betreuer und Erzieherinnen sowie die Eltern der (in der Regel vernachlässigten) Kinder stärker in den Blick.
Die starke Fokussierung auf die vier Mädchen gepaart mit einer Laufzeit von mehr als zwei Stunden ist zugleich Stärke und Schwäche von Stefan Sicks Film. Einerseits gibt der Regisseur seinen Protagonistinnen ausreichend Raum, sich mit all ihren guten und schlechten Seiten vor der Kamera zu entfalten und dem Publikum die Gelegenheit, an den Fortschritten und Rückschlägen großen emotionalen Anteil zu nehmen. Denn mehr als einmal ist Das fast normale Leben einfach herzzerreißend. Der Nachteil an diesem verengten Blick und einem fast ausschließlich beobachtenden Modus ist allerdings, dass das Drumherum zu kurz kommt. Sowohl die jeweiligen Familienverhältnisse, die die Kinder erst in die Ausnahmesituation brachten, als auch die Arbeit der Betreuerinnen sowie deren pädagogische wie private Hintergründe bleiben recht diffus. Was unter anderem an der losen Narration des Films liegt, der beispielsweise keine klaren Tages- und Arbeitsabläufe in der Wohngruppe aufzeigt.
Harte Arbeit, hoffnungsfrohes Ende
Bei aller erzählerischen Schwäche wird eins glasklar: Wie hart und entbehrungsreich, gleichzeitig aber auch erfüllend und für die Gesellschaft von unschätzbarem Wert diese Arbeit ist. Zudem macht der Film deutlich, wie viel Eigenleistung von den Kindern kommt, die letzten Endes resilienter sind, als das in einer ideal verlaufenden Kindheit der Fall sein sollte. Wie in Daniel Abmas Im Prinzip Familie sind auch die Protagonistinnen in Stefan Sicks Das fast normale Leben, jede für sich genommen, ganz großartige Menschen, die das Pech haben, mit nicht so großartigen Eltern gesegnet zu sein. Doch die Art und Weise, wie sie damit umgehen und durch ihr „fast normales Leben“ navigieren, macht Mut und Hoffnung, dass sie ihr Leben auch in Zukunft meistern werden.
OT: „Das fast normale Leben“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Stefan Sick
Drehbuch: Stefan Sick
Musik: Karim Sebastian Elias
Kamera: Stefan Sick
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