
Die Berliner Grundschullehrerin Lena (Thea Rasche) fährt mit ihrem Lebensgefährten Ole (Paul Boche) und dessen jüngerem Bruder Lasse (Tom Böttcher) übers Wochenende in deren Heimatdorf. Oles und Lasses Mutter will ihr leer stehendes altes Häuschen verkaufen und ihre Söhne sollen es für den Verkauf herrichten. Was wie eine winterliche Reise in die Vergangenheit der beiden Brüder beginnt, entwickelt sich nach und nach zum Horrortrip, je mehr Ole mit seinen Freunden von früher, allen voran dem aggressiven Henry (Felix Maria Zappenfeld), abhängt.
Improvisierte Landpartie
Die Liste von Thrillern über ungesunde Paarbeziehungen ist lang. Allein die 1980er und 1990er brachten Klassiker des Genres wie Eine verhängnisvolle Affäre (1987), Der Feind in meinem Bett (1991), Weiblich, ledig, jung sucht… (1992), Basic Instinct (1992) oder Enthüllung (1994) hervor. Auffällig an diesen Filmen ist, dass die Frau als Antagonistin überwiegt. Von der krankhaften Stalkerin bis zum männermordenden Vamp ist alles vertreten, was den Beziehungstaten im wahren Leben Hohn spricht. Spätestens seit der #MeeToo-Debatte hat sich der Wind jedoch gedreht. Filme wie Der Unsichtbare (2020), Promising Young Woman (2020), Alice, Darling (2022), Don’t Worry Darling (2022), Fresh (2022) oder Blink Twice (2024) rücken das Bild von der irren Femme fatale gerade und zeigen auf mal mehr, mal weniger realistische, fantastische und verspielte Art auf, dass sich eher die Frauen vor den Männern hüten müssen als umgekehrt.
Wenn das deutsche Thriller-Drama Darlings nun also damit wirbt, „verborgene Machtmechanismen zwischen Männern und Frauen und eskalierende Gewalt in Liebesbeziehungen“ sowie „die zerstörerische Wirkung von patriarchalem Verhalten“ zu thematisieren, dann sind die Erwartungen so hoch, wie die eingangs erwähnten filmischen Vorläufer hochwertig. Doch sie werden maßlos enttäuscht. Was zum einen daran liegt, dass Darlings mehr Drama als Thriller ist. Zum anderen liegt es am geringen Budget, das keinerlei Schauwerte zulässt, und am Entstehungsprozess. Denn Darlings wurde mit nur 20 Seiten Drehbuch und viel Improvisation umgesetzt.
Leerlauf, Langeweile und Unglaubwürdigkeit
Die Improvisation ist ein zweischneidiges Schwert, das sich vor allem in Komödien bewährt hat. Einige der größten Szenen der Filmgeschichte, etwa Julia Roberts‘ ansteckendes Lachen in der Romcom Pretty Woman (1990), als ihr von Richard Gere gespieltes Gegenüber eine Schmuckschatulle unerwartet zuklappt, standen nicht im Skript. Am Ende blieb die Szene im Film und zählt zu den ikonischsten aus Roberts‘ Karriere. Einen kompletten Film überzeugend zu improvisieren, kommt hingegen einem Ding der Unmöglichkeit gleich. Auch in Darlings überwiegen die negativen Seiten der Improvisation die positiven.
In den besten Momenten wirken die Figuren und Dialoge natürlich, scheint deren Alltag aus dem Leben gegriffen und wird beinahe dokumentarisch dargeboten. Auf der Kehrseite schlagen Langeweile, Leerlauf, Einfallslosigkeit und Unglaubwürdigkeit zu Buche, was die Dialoge, die Dramaturgie, die Inszenierung und die Entwicklung der Figuren anbelangt. Improvisierte Gespräche sind eben selten so pointiert wie gut geschriebene. Dass sich die Figuren angesichts eines zunehmend verstörenden Verhaltens lieber anschweigen, als über dieses Verhalten zu reden, erscheint unrealistisch. Und wenn schließlich selbst der freundlichste und friedfertigste Mann sexuell übergriffig und gewalttätig werden muss, nur um ins vorgefertigte Erzählmuster der toxischen Männlichkeit zu passen, dann unterminiert der Film seine eigene Aussagekraft. Als feministischer Verbündeter wäre dieser Mann, der selbst ein Opfer des Patriarchats ist, überzeugender gewesen, als stattdessen vom Opfer zum Täter zu werden.
Richtig schlimm wird es schließlich ganz am Schluss, wo es eigentlich spannend zugehen sollte. Ein Thrill will sich aber beim besten Willen nicht einstellen. Was unter anderem daran liegen könnte, dass die zwei Frauen mit ihrem Auto im Rückwärtsgang (!) bei gefühlter Schrittgeschwindigkeit vom Hort des Schreckens fliehen. Beim Kinopublikum löst das keine Gänsehaut, sondern allenfalls ein Schmunzeln aus. Warum das Regie- und Drehbuchduo Lea de Boor und Steffen Maurer das Auto in ihrem Skript nicht in Fahrtrichtung eingeparkt hat, um am Ende der Handlung Vollgas geben zu können, bleibt ein Rätsel.
OT: „Darlings“
Land: Deutschland
Jahr: 2024
Regie: Lea de Boor, Steffen Maurer
Drehbuch: Lea de Boor, Steffen Maurer
Musik: Robert Zimmermann
Kamera: Manuel Ruge
Besetzung: Thea Rasche, Paul Boche, Tom Böttcher, Felix Maria Zappenfeld, Ina-Lene Dinse
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