Regisseur Pablo Berger spricht mit uns über seinen Animationsfilm "Robot Dreams" (© Arcadia Motion Pictures)

Pablo Berger [Interview]

Kaum ein Film wurde letztes Jahr auf so vielen und so unterschiedlichsten Filmfesten gezeigt wie Robot Dreams. Nach der Premiere in Cannes lief der Animationsfilm bei uns unter anderem beim Fantasy Filmfest und dem Transit Filmfest. In Sitges erhielt der Titel sogar den Publikumspreis. Dabei ist die Geschichte eigentlich recht simpel. Basierend auf dem Kindercomic Robo und Hund: Wahre Freundschaft rostet nicht lernen wir einen Hund kennen, der sich einen Roboter zum Zusammenbauen bestellt, um nicht länger allein zu sein. Doch die wunderbare Freundschaft der beiden wird bald auf eine große Probe gestellt. Zum Kinostart des für einen Oscar nominierten Publikumslieblings am 9. Mai 2024 hatten wir die Chance, uns mit dem spanischen Regisseur Pablo Berger zu unterhalten und einige Fragen zu stellen.

Mit Robot Dreams hast du die Graphic Novel Robo und Hund von Sara Varon adaptiert. Könntest du uns etwas über die Entstehungsgeschichte des Films verraten? Wie bist du auf die Graphic Novel gestoßen?

Ich sammle Graphic Novels, die ganz ohne Wörter auskommen. Robo und Hund war damals ein großer Erfolg in den USA. Also habe ich es bestellt und gelesen. Ich habe es geliebt: Die Graphic Novel ist surreal, spaßig und einzigartig. Damals habe ich aber nicht darüber nachgedacht, einen Film daraus zu machen. Ich habe es nach dem Leser zurück ins Regal gestellt und stattdessen Blancanieves – Ein Märchen von Schwarz und Weiß und Abracadabra gemacht. Acht Jahre später habe ich es wieder gelesen und als ich am Ende angekommen war, hatte ich Tränen in den Augen. Das war mir noch nie bei einer Graphic Novel passiert. Also dachte ich: Da muss etwas Besonderes sein. Das lag sicher auch an den Umständen. Damals habe ich meinen besten Freund und meine Mutter verloren und ich habe viel über meine Beziehungen zu anderen Menschen nachgedacht. Da habe ich gemerkt, wie universell diese Geschichte ist. Wenn es mir so geht beim Lesen, wird es bestimmt auch vielen anderen so gehen. Da habe ich entschieden, daraus einen Film zu machen.

Robot Dreams ist dein erster Animationsfilm. Wie war die Erfahrung für dich?

Am Anfang war ich mir schon sehr unsicher, weil ich praktisch nichts über Animation wusste. Gleichzeitig war das für mich sehr aufregend, mich dieser neuen Herausforderung zu stellen. Als dann die Arbeit anfing, merkte ich, dass vieles doch ähnlich ist. Du arbeitest ja nicht alleine an einem Film. Das ist immer ein Team, mit dem du deine Idee umsetzt. Während ich bei Live Action aber zum Beispiel mit einem Kameramann oder einen Make-up Artist spreche, sind es bei einem Animationsfilm Künstler, die zeichnen. Die Art der Zusammenarbeit ist gar nicht so verschieden. In beiden Fällen bist du als Regisseur darauf angewiesen, dass du Leute hast, die wissen, wie man etwas macht. Ich muss als Regisseur nicht wissen, wie ich eine Kamera bediene, ebenso wenig, wie ich eine Figur animiere. Als Regisseur bin ich ein Geschichtenerzähler und muss wissen, was ich wie erzählen will. Meine Aufgabe ist es, zusammen mit anderen einen Weg zu finden, wie ich das umsetzen kann. Ein Unterschied ist jedoch, dass ein Animationsfilm deutlich länger dauert. Wenn der Dreh von einem Live-Action-Film zwei Monate dauert, sind es bei einem Animationsfilm zwei Jahre.

Und hast du dir andere Animationsfilme zur Inspiration angeschaut?

Absolut! Ich liebe Animation, auch wenn ich vorher nie einen Animationsfilm gemacht habe. Ich wurde beispielsweise durch japanische Animationstitel beeinflusst, vor allem von Studio Ghibli. Ich habe die komplette Filmografie von Studio Ghibli in meinem Büro. Und nicht nur Hayao Miyazaki, sondern auch Isao Takahata. Ich habe sehe viel von diesen beiden gelernt, indem ich mir ihre Filme wieder und wieder angeschaut habe. Ihre Figuren sind einfach, dafür sind die Hintergründe sehr komplex und detailliert. Die Geschichten sind außerdem sehr erwachsen und emotional. Das Tempo ist gering. Das sind alles Elemente, wie du sie auch in Robot Dreams findest. Natürlich will ich mich nicht mit den beiden vergleichen. Miyazaki und Takahata sind Meister ihres Fachs, während ich nur ein Auszubildender bin. Aber ich denke, dass Leute, die Animes mögen, auch Robot Dreams mögen werden.

Ein Punkt, der anders ist: Es gibt in deinem Film keine Dialoge, womit du der Vorlage treu bleibst. Bei einem Live-Action-Film kannst du in einem solchen Fall darauf bauen, dass das Ensemble die Gefühle ausdrückt. Aber auch das gibt es bei dir ja nicht, du hast nur Bilder, um Gefühle zu vermitteln. Ist es einfacher oder schwieriger, wirklich nur durch Bilder zu sprechen?

Ich hatte vorher ja schon Blancanieves gedreht, wo es auch schon keine Dialoge gab. Das war eine sehr wertvolle und spannende Erfahrung für mich, bei der ich sehr viel gelernt habe. Und ich habe seither darauf gewartet, wieder etwas Ähnliches machen zu können. Natürlich ist Robot Dreams eine ganz andere Art Film. Du hast Animation, es ist in Farbe und du hast ein komplexes Sound Design. Es war komplexer als bei all meinen anderen Filmen vorher, weil ich auch versucht habe, dass sich der Film wie New York anhört. Das war eine große Herausforderung. Aber ich liebe das. Ich liebe es, nur durch Bilder Geschichten zu erzählen und denke, dass das Film zu einer einzigartigen Kunstform macht.

Wir haben über die Herausforderung gesprochen, einen Animationsfilm zu machen. Welche Herausforderungen gab es im Hinblick auf den Inhalt?

Eine Herausforderung war, aus der recht einfachen Geschichte der Graphic Novel einen kompletten Film zu machen. Hätte ich mich an die Vorlage gehalten und nur sie umgesetzt, hätte das vielleicht für einen Kurzfilm gereicht. Um einen Langfilm daraus zu machen, musste ich daher viele Elemente hinzufügen. Das Thema ist natürlich dasselbe. Und ich wollte auch dasselbe Gefühl erzeugen. Aber ich habe vieles erweitert. Wenn du dir den Anfang der Graphic Novel ansiehst, fängt das damit an, dass der Hund den Roboter per Post bekommt. Bei einem Film reicht das aber nicht. Du musst dort mehr über die Figur erzählen. Also zeige ich den Hund in seinem Alltag, zeige ihn in seiner Einsamkeit, wenn er andere Leute beobachtet, die alle jemanden haben. Das Publikum soll wissen, warum er überhaupt diesen Roboter bestellt. Ein anderer Faktor ist New York. In der Graphic Novel wird keine konkrete Stadt gezeigt. Ich habe daraus das New York der 1980er gemacht. Und auch beim Ende habe ich einiges hinzugefügt.

Du hast schon das veränderte Setting erwähnt. Warum hast du dich für das New York der 1980er entschieden anstatt zum Beispiel das Madrid der Neuzeit?

Ich habe selbst zehn Jahre in New York gelebt, das war in den 1980ern und 1990ern. Ich wollte etwas erzählen, das ich selbst kennengelernt habe und das es heute so nicht mehr gibt. Das New York der 1980er war ganz anders als das New York von heute. Damals, vor der Globalisierung, vor internetfähigen Smartphones, war New York das kulturelle Zentrum der Welt und das finanzielle Zentrum. Die Stadt war so vielfältig, das kannte ich von meiner Heimatstadt Bilbao nicht. Du hattest Menschen der unterschiedlichsten Hautfarben, Religionen und Kulturen. Es war eine absolut wilde Zeit. Ich fand die Idee spannend, das Publikum auf eine Zeitreise mitzunehmen und aus dem Film eine Zeitmaschine zu machen. An und für sich bin ich kein nostalgischer Mensch. Ich denke immer, dass mein bester Film der nächst ist. Aber ich habe schon nostalgische Gefühle für diese Stadt, in der ich meinen 20ern gelebt habe, wo ich das Filmemachen gelernt habe und auch zu einem Erwachsenen wurde.

Du hast eben von dem neuen Anfang der Geschichte gesprochen. In Robo und Hund gibt es diese Einsamkeit nicht, wie du sie beschreibst. Hast du das Gefühl, dass die Menschen heute einsamer sind? Schließlich sprichst du das heutige Publikum an, nicht das von damals.

Absolut. Natürlich hast du auch früher schon einsame Menschen gehabt. Aber ich denke, dass das heute sehr viel ausgeprägter ist. Das liegt auch daran, dass du heute oft keinen direkten Kontakt mehr brauchst. Ich bin nicht grundsätzlich gegen die Neuerungen in der Technologie. Aber wir haben uns doch durch sie auf viele Weise entfremdet. Du hast Videokonferenzen, soziale Medien, streamst Filme, anstatt ins Kino zu gehen. Das trägt alles dazu bei, dass du viel weniger Menschen triffst als früher. Unsere Gesellschaft trägt dazu bei, dass wir uns immer mehr isolieren, was dann eben auch zu mehr Einsamkeit führt. Mit Robot Dreams wollte ich daran erinnern, wie schön es ist, andere Leute zu sehen, ins Kino zu gehen, etwas trinken zu gehen. Einen Freund anzurufen, mit dem du schon lange nicht mehr gesprochen hast. Je älter ich werde, umso mehr lerne ich das zu schätzen und die kleinen Dinge im Leben.

Mit dem Film hast du viele Menschen berührt. Hast du das Gefühl, selbst durch den Film etwas gelernt zu haben?

Auf jeden Fall! Ich lerne immer durch meine Filme dazu. Als ich mit Robot Dreams durch die Welt gereist bin und bei den unterschiedlichsten Premieren war, habe ich versucht, eine Verbindung zu den Menschen aufzubauen. Mich an die Menschen zu erinnern, die mir so wichtig waren. In Bilbao kamen Leute aus meiner Schulzeit zu den Vorführungen. Leute, die ich so lange schon nicht mehr gesehen habe. Der Film hat mich dazu gebracht, mir vieles wieder bewusster zu werden und darüber nachzudenken, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Pablo Berger wurde 1963 in Bilbao, Spanien geboren. Er studierte an der New York University in Manhattan und unterrichtete später selbst an der New York Film Academy. Nachdem er 1988 seinen Kurzfilm Mamá drehte folgte 2003 sein erster Langfilm Torremolinos 73. 2012 erschien sein Schwarzweißmärchen Blancanieves – Ein Märchen von Schwarz und Weiß, welches auf Motiven von Schneewittchen basierte. 2017 kam seine Komödie Abracadabra heraus. Sein vierter Langfilm Robot Dreams feierte 2023 in Cannes Premiere.

 



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