Mutter
© Tom Trambow
„Mutter“ // Deutschland-Start: 29. September 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Vom Mutterglück zu reden ist einfach. Aber wie steht es mit dem Zweifel, ob man vielleicht nicht doch besser kinderlos geblieben wäre? So etwas auszusprechen, ist immer noch tabu. Manche wagen nicht einmal, es sich einzugestehen. Aber die acht Frauen zwischen 30 und 75, die der Dokumentarfilmerin Carolin Schmitz ihre geheimsten Gedanken erzählt haben, brechen mit dem unausgesprochenen Verbot. Sie können es umso einfacher, als sie anonym bleiben dürfen hinter Gesicht und Körper der Schauspielerin Anke Engelke. Ein gelungenes Experiment im Niemandsland zwischen Spiel- und Dokumentarfilm.

Außergewöhnliche Offenheit

Eine Frau sitzt in der Badewanne und erzählt freimütig, sie sei frigide. Nicht nur das. Sie schildert auch in aller Offenheit, dass sie trotzdem Sex hat und wie unangenehm ihr das ist. Aber, so fährt sie fort, sie ist mit einem Mann zusammen, der sie „knacken“ will, also die Frigidität einfach übergeht und so lange auf ihr herumzuturnen beabsichtige, bis sich die körperlich-seelische Störung in Luft auflöst. Erzählt man so etwas vor laufender Kamera? Sollen das Abertausende Menschen sehen und dann, wenn sie einem auf der Straße begegnen, denken: Ach, war das nicht die aus dem Film über Freud‘ und Leid der Mutterschaft?

Vermutlich nicht. Und deshalb ist es die Schauspielerin Anke Engelke, die in der Badewanne sitzt und sich das Bekenntnis der frigiden Frau zu eigen gemacht hat. Die Bekennerin erscheint zwar im Abspann mit sieben anderen Frauen, die der Regisseurin Carolin Schmitz Interviews über ihre ambivalenten Erfahrungen als Mutter gaben. Dabei sind ihre Originalstimmen zu hören, die Schauspielerin bewegt dazu nur synchron ihre Lippen. Aber die Zitate sind nicht zuzuordnen, im gewissen Sinn bleiben die Mütter anonym. Es ist ein Schutz, der Räume öffnet für Dinge, die man sonst nicht ansprechen würde, nicht einmal seinen nächsten Vertrauten gegenüber.

So erfährt das Publikum zum Beispiel, dass der Kinderwunsch größer wurde als die Liebe zum Mann, dass die erste Woche mit dem Baby die glücklichste Zeit des Lebens war oder dass die vom Mann erzwungene zeitweise Trennung von den Kindern zu einer schweren körperlichen Krankheit der Mutter führte. Man erfährt aber auch von der Abneigung gegen die Deformation des eigenen Körpers, vom Verlust des eigenen Lebens und von einem regelrechten Hass auf die Fußballverrücktheit des 9-jährigen Sohnes.

Anke Engelke führt uns das in gewisser Weise so vor, als sei es eine einzige, durchlaufende Erzählung. Wir begleiten die Schauspielerin durch einen Alltag, der auf jede der zu Wort kommenden Frauen passen könnte: Einkaufen, Waschen, zur Arbeit gehen, das Haus in Ordnung halten. Andererseits macht die Mimin immer wieder auch klar, dass dies nicht ihr Leben ist, sondern das von ganz unterschiedlichen Frauen. Von solchen, die vier Kinder in viereinhalb Jahren bekamen, von Adoptivmüttern, von allein Erziehenden, von Berufstätigen und Hausfrauen.

Anke Engelke auf dem Bühnensofa

Einmal sitzt die Schauspielerin, die hier erfreulicherweise nichts von ihrem Image als Komikerin einfließen lässt, auf einem Sofa, als sie den Text der Frauen „spricht“. Plötzlich greift ein Regisseur ein, wir sehen eine Bühne. Das ist nicht die einzige Verfremdung, die klar macht: Hier geht es nicht um Anke Engelke. Aber auch nicht allein um die Einzelschicksale der acht Interviewten. Dadurch, dass die Geschichten der acht Frauen so intim und individuell sind, werden sie anschlussfähig für die Erfahrungen aller Mütter. Auf diese Weise ist Anke Engelke, die selbst drei Kinder hat, alles zugleich: die eine universelle Mutter, jede der acht Mütter, aber auch sie selbst als Kölnerin, die am Theater arbeitet.

Manchmal kann man die ineinander verschachtelten Stimmen der einzelnen Mütter gut auseinanderhalten, in anderen Momenten gelingt dies weniger. Aber das macht nichts. Denn der Film lädt das Publikum ein, sich treiben zu lassen und sich ein Gesamtbild der Mutterschaft zusammen zu puzzeln, gerade auch mit ihren tabuisierten Teilen.

Etwas Ähnliches ist Carolin Schmitz schon einmal gelungen, in ihren Porträts deutscher Alkoholiker (2010). Auch hier drang sie dank der zugesicherten Anonymität der Protagonisten beeindruckend tief in das Thema ein. Das aktuelle Experiment mit dem Überschreiten der Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm intensiviert diese Erfahrung noch einmal. Gesicht und Körper der Schauspielerin bieten sich den Zuschauerinnen als Projektionsfläche an. Und auch das männliche Publikum darf gebannt lauschen, was Frauen sonst höchstens ihrer besten Freundin beichten. Zur Konfrontation des Gehörten mit dem eigenen Leben laden der gemächliche, aber nicht spannungslose Rhythmus und die aufgeräumten, meist hell ausgeleuchteten Bilder von Kameramann Reinhold Vorschneider ein.

Credits

OT: „Mutter“
Deutschland 2022
Regie: Carolin Schmitz
Drehbuch: Carolin Schmitz
Kamera: Reinhold Vorschneider
Besetzung: Anke Engelke

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über Mutter erfahren möchte: Wir haben uns zum Kinostart des Dokudramas mit Regisseurin Carolin Schmitz und Hauptdarstellerin Anke Engelke zum Interview getroffen.

Carolin Schmitz / Anke Engelke [Interview]

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Mutter
Fazit
„Mutter“ gibt Frauen die Möglichkeit, über das zu sprechen, was oft unter den Tisch gekehrt wird. Dokumentarfilmerin Carolin Schmitz lotet die Bandbreite der Muttergefühle zwischen extremen Polen aus; vom unvergleichlichen Glück bis zur totalen Erschöpfung und Selbstaufgabe.
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