Panik Panique TV Fernsehen arte
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Panik

Inhalt / Kritik

Panik Panique TV Fernsehen arte
„Panik“ // Deutschland-Start: 8. Februar 2022 (arte)

Als in einer französischen Kleinstadt die Leiche einer Frau gefunden wird, ist die Bevölkerung in heller Aufruhr. Wer könnte sie nur ermordet haben? Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, der seltsame Eigenbrötler Herr Hire (Michel Simon) muss es gewesen sein. Denn der ist den Leuten sowieso nicht geheuer. Wenn es nach ihnen ginge, hätte man ihn schon längst davongejagt. Die Ablehnung macht ihm aber nicht sonderlich viel aus, er kann mit den meisten Menschen ohnehin nichts anfangen. Doch dann erspäht er im Haus gegenüber die hübsche Alice (Viviane Romance), die gerade aus dem Gefängnis gekommen ist, und entwickelt rasch Gefühle für sie. Nur ist da auch noch ihr Freund Alfred (Paul Bernard), der selbst Verbrechen nicht abgeneigt ist …

Ekstase statt Angst

Ein bisschen irreführend ist der Titel Panik ja schon. Eigentlich würde man hier erwarten, dass nach dem Mord an einer Frau die Bevölkerung der Kleinstadt sich verbarrikadiert, aus Angst, die nächsten sein zu können. Schließlich weiß niemand, wer hinter dem Verbrechen steckt und ob derjenige noch einmal zuschlagen könnte. Das ist schon in einer Großstadt ein mulmiges Gefühl. Aber hier, wo jeder jeden kennt? Undenkbar! Stattdessen scheinen die Figuren die Situation aber geradezu zu genießen. Anstatt sich ihrem Schrecken hinzugeben, wird getuschelt und geratscht und fleißig spekuliert. Schließlich passiert hier endlich mal was, worüber man sich austauschen kann. Die tote Frau ist ein willkommener Anlass für ein bisschen Nervenkitzel.

Auch sonst folgt Panik nicht den Erwartungen, die man an den Film haben könnte. Zumindest anfangs ist der Gedanke naheliegend, dass es inhaltlich darum geht, die Identität des Mörders herauszufinden. Umso mehr, da die Romanvorlage von Georges Simenon (Das blaue Zimmer, Le Train – Nur ein Hauch von Glück) stammt, dem Autor des berühmten Jules Maigret, Held zahlreicher Krimis. Stattdessen wird aber recht früh verraten, wer das Verbrechen begangen hat. Zumindest das Publikum wird aufgeklärt. Die Polizei selbst tappt zwar weiterhin im Dunkeln, rückt aber auch über weite Strecken in den Hintergrund. Es spielt einfach keine Rolle, was sie macht, da sie auf den Ausgang der Geschichte keinen wirklichen Einfluss hat. Was passiert, das passiert.

Hilflos dem bösen Ende entgegen

Damit hat der Film eine ähnlich fatalistische Stimmung wie Pépé le Moko – Im Dunkel von Algier, ein weiteres Krimidrama von Regisseur Julien Duvivier. Während dort der Protagonist aber zum Opfer seiner eigenen Gefühle wird, die ihn zielsicher ins Verderben führt, da ist die Bedrohung in Panik zweifacher Natur. Auch hier ist es einerseits eine Femme Fatale, die den Helden ins Unglück stürzt. Aber es kommt eben noch die Bevölkerung der Kleinstadt hinzu, die ihren großen Anteil am Geschehen hat. Während beim oben genannten Titel das Viertel ein eigener Charakter war, der still, aber doch maßgeblich alles beeinflusst, da sind es hier die Menschen des Ortes. Die sind zwar deutlich unterschiedlich und mit eigenen Eigenschaften und Besonderheiten ausgestattet. Gefährlich werden sie aber in Kombination, wenn aus den sich ständig streitenden Individuen eine Horde wird, die sich gegenseitig aufstachelt.

Die Spannung besteht in Panik deshalb nicht darin, wer der Mörder ist und ob der eventuell noch ein weiteres Mal zuschlagen könnte. Vielmehr entwickelt die Geschichte eine gefährliche Eigendynamik zwischen Hire, dem Verbrecherpaar und den sonstigen Menschen, bei der gezittert werden darf, was am Ende dabei passiert. Eine tatsächliche Überraschung ist dieses nicht. Vielmehr sieht man das alles kommen. Das ändert aber nichts an der Wucht der Ereignisse. Es ist vielmehr sogar die Unausweichlichkeit, wenn sich alles erst einmal in Gang gesetzt hat, die einen mitnimmt. Hilflos sieht das Publikum zu, wie die Lage immer weiter eskaliert, das Opfer aber nicht realisiert, was da genau geschieht.

Zwischen Freude und Abgrund

Das ist dann auch der eine Kritikpunkt, den man dem Film machen könnte: Die Passivität ist nicht so recht plausibel. Die Glaubwürdigkeit des Krimidramas ist nicht die höchste. Dafür ist dieses packend in Szene gesetzt. Vor allem der ständige Kontrast zwischen dem Jahrmarkt, der immer wieder gezeigt wird, in all seiner Freude und Unbeschwertheit, und den grausamen Vorgängen hinter den Kulissen hinterlässt großen Eindruck. Panik ist ein düsteres Werk, das Jahrzehnte später noch immer sehr sehenswert ist. Einen Einblick in die menschlichen Abgründe bietet, der nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat, mit all seinen brutalen bis grotesken Auswüchsen. In deren Mittelpunkt: der Schweizer Schauspieler Michel Simon, der seine Figur mit einer Mischung aus Naivität, Warmherzigkeit und Spott spielt. Mögen muss man seinen Hire nicht. Vergessen wird man ihn aber ebenso wenig.

Credits

OT: „Panique“
Land: Frankreich
Jahr: 1946
Regie: Julien Duvivier
Drehbuch: Charles Spaak, Julien Duvivier
Vorlage: Georges Simenon
Musik: Jean Wiener
Kamera: Nicolas Hayer
Besetzung: Viviane Romance, Michel Simon, Lita Recio, Paul Bernard, Lucas Gridoux, Max Dalban

Bilder

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„Panik“ ist ein eindrucksvolles Krimidrama um einen Mord in einer französischen Kleinstadt und einen Außenseiter, der zwischen die Fronten gerät. Die Spannung besteht nicht in der Suche nach dem Täter, da das Publikum früh alles weiß. Vielmehr ist der Film die Geschichte einer zunehmend eskalierenden Situation, was mit einer deutlich fatalistisch-tragischen Stimmung einhergeht.
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