Nie zu spät TV Fernsehen ARD Das Erste Mediathek
© ARD Degeto/Verena Heller Ghanbar

Nie zu spät

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„Nie zu spät“ // Deutschland-Start: 26. Februar 2022 (Das Erste)

Inhalt / Kritik

Paul (Heino Ferch) liebt die Frauen. Nur das mit den Beziehungen bekommt er nicht so wirklich hin. Zwei Ehen von ihm sind bereits gescheitert. Die dritte mit der deutlich jüngeren Susanne (Picco von Groote) kriselt ebenfalls schon. So war es eigentlich angedacht, dass der Endfünfziger in absehbarer Zeit in den Vorruhestand tritt und sich mehr um den gemeinsamen Sohn Franz (Jakob Josef Gottlieb) kümmert, damit Susanne mehr arbeiten kann. Aber dafür ist Paul viel zu gern Pilot, als einfach so aufzuhören. Ein Wort führt zum anderen, plötzlich ist Susanne weg und lässt ihn mit Franz allein. Und als wäre die Situation nicht auch so schon kompliziert genug, stehen plötzlich Jonas (Pablo Grant) und Rabea (Harriet Herbig-Matten) vor der Tür, die beiden Kinder aus den vorangegangenen Ehen …

Die erfahrene Unfähigkeit

Nur weil man etwas sehr lange oder sehr oft tut, heißt das nicht zwangsläufig, dass man darin auch gut sein muss. Das zeigen zu viele Menschen, die in ihren Jobs festkleben, wo sie eigentlich keinen Platz haben sollten. Ein anderes Beispiel, diesmal auf der zwischenmenschlichen Ebene, liefert der ARD-Film Nie zu spät. Zum dritten Mal ist Paul inzwischen verheiratet, von allen drei Frauen hat er ein Kind. Da sollte man doch meinen, dass er irgendwann gelernt hat, sich auch entsprechend zu verhalten. Drei Familien, das bietet genügend Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Aber nichts da, er taugt weder als Ehemann noch als Vater. Praktisch alle Szenen, in denen so etwas wie soziale Kompetenz gefragt wären, zeigen ihn als jemanden, der mit einfachsten Aufgaben überfordert ist.

Das provoziert natürlich diverse Fragen. Die wichtigste: Was genau sahen eigentlich die ganzen Frauen in ihm? Eine Antwort liefert der Film nicht. An Selbstbewusstsein mangelt es Paul dabei nicht. An positiven Charaktereigenschaften schon. Defizite im Zwischenmenschlichen zu haben, bedeutet natürlich nicht, dass man deswegen ein schlechter Mensch ist. Es bräuchte dann aber schon irgendetwas als Kontrast. Etwas, das ihn auszeichnet, sympathisch macht – oder wenigstens komplex genug macht, dass man Zeit mit ihm verbringen wollte. All das fehlt aber in Nie zu spät. Bis zum Schluss liefert der Film kein wirkliches Argument, weshalb man sich für einen Mann interessieren sollte, der einen abwechselnd langweilt und nervt.

Eine Entwicklung, die keine ist

Dabei ist der Film eigentlich als eine Geschichte über die Entwicklung eines Mannes gedacht. Da es sich um eine Produktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehens handelt, steht von vornherein fest, dass am Ende alles gut ausgehen muss und der reine Erzeuger in seine Vaterrolle hineinwächst. Das ist dann vielleicht nicht wirklich glaubwürdig, sich mit Ende 50 noch mal grundlegend zu verändern, ist dann doch eher die Ausnahme. Nie zu spät will aber kein Abbild der Realität sein, sondern ein bisschen versöhnlich-inspirierende Unterhaltung für den Samstagabend liefern. Das ist legitim, solange es gut gemacht ist. Das Problem: Nichts an diesem Film ist wirklich gut gemacht.

Selbst wenn man sich nicht daran stört, dass Paul ein wenig sympathischer Mensch ist, dessen Umgang für alle Beteiligten eine Zumutung ist – das Publikum inklusive –, hat Nie zu spät einfach zu wenig zu bieten. Die Entwicklung ist wenig überzeugend, auch wenn zum Schluss hin natürlich das Gegenteil behauptet wird. Der Protagonist bemüht sich zwar schon ein wenig, ohne aber dass man den Eindruck hat, dass er wirklich mehr verstehen würde. Bei den anderen Figuren sieht es nicht besser aus. Am meisten wurde noch in Jonas investiert, der immerhin noch durch Angstzustände und seinen Wunsch nach einem Philosophiestudium definiert wird. Das ist nicht viel, aber besser als nichts – und damit besser als die anderen. Man begnügte sich damit, eine möglichst diverse Patchwork-Familie entwerfen zu wollen, vergaß dabei aber die Arbeit an der Figurenzeichnung.

Und wo ist der Spaß?

Ebenso schlimm ist der Film im Hinblick auf seinen Humor. Offizielle handelt es sich hierbei um eine Komödie. Aber wie bei so vielen Produktionen in diesem Bereich weiß man das nur anhand des Presseheftes, was Nie zu spät als eine solche bezeichnet. Von den Szenen ausgehend würde man da nicht drauf kommen. Selbst wer sehr großzügig ist mit der Einordnung in dieses Genre, dürfte seine Schwierigkeiten für einen Beleg finden. Rund anderthalb Stunden dauert der Film, genug Zeit also, um den einen oder anderen Lacher zu erzeugen. Klappt aber nicht: Die Geschichte quält sich dem Ende entgegen, das Publikum soll selbst sehen, wo der Spaß herkommt. Zwar hat Heino Ferch mehrfach bewiesen, dass er in humorvollen Filmen überzeugen kann – etwa Wer einmal stirbt, dem glaubt man nicht oder Allmen und das Geheimnis der Erotik. Das hier ist keiner davon.

Credits

OT: „Nie zu spät“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Tomy Wigand
Drehbuch: Sarah Schnier
Musik: Rainer Bartesch
Kamera: Holly Fink
Besetzung: Heino Ferch, Picco von Groote, Pablo Grant, Harriet Herbig-Matten, Jakob Josef Gottlieb, Ines Honse, Sheri Hagen, Jale Arikan

Bilder

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Nie zu spät
Fazit
Drei Ehefrauen und drei Kinder und trotzdem zwischenmenschlich inkompetent: „Nie zu spät“ handelt von einem Mann, der endlich in seine Vaterrolle hineinwachsen soll. Dabei scheitert der Film sowohl an der Darstellung der Entwicklung wie auch am Versuch eines Humors. Offiziell ist das hier zwar eine Komödie, tatsächlich komisch ist hier aber nichts.
Leserwertung20 Bewertungen
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von 10