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Nona und ihre Töchter Arte

„Nona und ihre Töchter“ // Deutschland-Start: 2. Dezember 2021 (Arte)

Eigentlich war für Nona (Miou-Miou) die Familienplanung bereits abgeschlossen, seit einer ganzen Weile schon. Schließlich ist sie mittlerweile 70 Jahre alt, da denkt man über das Thema nicht mehr wirklich nach. Außerdem hat sie ja schon Kinder, drei Stück sogar: Manu (Virginie Ledoyen), Gaby (Clotilde Hesme) und George (Valérie Donzelli). 44 werden die drei nur wenige Minuten auseinander geborenen Schwestern bald. Umso größer ist der Schock, als sie erfährt, dass sie tatsächlich noch einmal schwanger geworden ist. Wie konnte das nur passieren? Und wie soll es jetzt weitergehen? Eine Abtreibung ist bei ihr keine Option, in ihrem Alter ist das Risiko einfach zu groß. Und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als das Kind doch noch auszutragen und sich dabei von der männlichen Hebamme Markus Paounoff (Barnaby Metschurat) tatkräftig unterstützen zu lassen …

Ein bisschen Spaß muss sein

Fans wissen es inzwischen natürlich längst: Donnerstagabend ist bei Arte immer Serienzeit, regelmäßig nimmt der deutsch-französische Fernsehsender dann neue und interessante Werke ins Programm. Dabei musste man zuletzt den Eindruck haben, dass ein erklärtes Ziel dabei ist, möglichst düstere Titel aufzutreiben. Ob nun die Endzeitdystopie Anna, die dramatische Vergangenheitsaufbereitung in Zimmer 301 oder die abgründige Krimiserie Guilt – Keiner ist schuld, das wurde teilweise schon richtig finster. Dass es auch anders geht, zeigt die deutsch-französische Coproduktion Nona und ihre Töchter. Denn bei der ebenso unerwarteten wie eigenartigen späten Schwangerschaft der Titelfigur darf das Publikum zwischendurch zur Abwechslung mal richtig lachen. Manchmal zumindest.

Das liegt natürlich maßgeblich an der grotesken Ausgangssituation. Wie oft hört man schließlich schon davon, eine 70-Jährige schwanger wird? Aber auch ihre erste ungewollte Schwangerschaft verlief etwas anders als bei den meisten, am Ende sprangen Drillinge heraus. Daraus lassen sich natürlich diverse Witze ziehen. Auch innerhalb von Nona und ihre Töchter tun sich die Leute schwer damit, das alles so wirklich zu glauben, zu bescheuert klingt das Ganze. Und das ist nur der Anfang: Ohne zu viel vorab verraten zu wollen, es finden sich noch einige weitere nicht ganz alltägliche Ereignisse, welche die Serie endgültig in Richtung Magischer Realismus wandern lassen. Waren die ersten Sonderbarkeiten zumindest nicht völlig unmöglich, wenngleich sehr unwahrscheinlich, da wird es auf einmal richtig abstrus, etwa bei der Bestimmung des Vaters.

Eine Frage der Selbstbestimmung

Gleichzeitig hat Valérie Donzelli, die hier Regie führte, das Drehbuch mitschrieb und eine der Hauptrollen übernahm, nicht die Absicht, die späte Schwangerschaft zu einer reinen Blödelnummer à la Junior zu machen. Verbunden mit den sonderbaren Ereignissen sind Überlegungen zu Selbstbestimmung. Die können in Nona und ihre Töchter allgemeiner Natur sein, wenn sich auch die drei Schwestern mit der Frage auseinandersetzen müssen, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen wollen. Teilweise hat das schon was von Coming of Age, einem etwas verspäteten zugegebenermaßen. Gerade die von Donzelli gespielte George, die mit über 40 noch immer daheim wohnt und nichts auf die Reihe bekommt, hat das mit dem Erwachsensein noch nicht ganz verinnerlicht. Die Erfahrung, jetzt noch einmal eine Halbschwester zu bekommen, löst in ihr wie auch den anderen einen  Nachdenkprozess aus.

Eine andere Form der Selbstbestimmung betrifft die der spezifisch weiblichen: Nona und ihre Töchter spricht viel von Körpern und dem Recht, über diesen selbst zu verfügen. Immer wieder kommt es zu Übergriffen, etwa im Zusammenhang medialer Präsenz oder wissenschaftlicher Forschung. Die an und für sich höchst private Schwangerschaft von Nona, sie wird von anderen für ihre eigenen Zwecke genutzt. Das macht die entsprechenden Leute nicht unbedingt zu schlechten Menschen. Solche gibt es in der Serie ohnehin nicht. Macken haben hier zwar praktisch alle, ohne aber dass sie dadurch böse würden oder an den Pranger gestellt werden müssten. Donzelli pflegt vielmehr eine offenkundige Sympathie diesen überwiegend schrulligen Figuren gegenüber und begleitet sie gern dabei, wie sie alle auf die eine oder andere Weise durchs Leben stolpern.

Auch ohne Fokus unterhaltsam

Durch die vielen Parallelgeschichten, welche die vier Frauen und deren Umfeld betreffen, fehlt es manchmal an einer klar zu erkennenden Richtung. Während sich die ersten Folgen noch klar auf die Schwangerschaft fokussieren, weiß man irgendwann im Laufe der neun Episoden umfassenden Staffel nicht mehr so recht, worum es dabei eigentlich gehen soll. Da geht schon ein wenig der rote Faden verloren. Insgesamt ist Nona und ihre Töchter aber wie die obigen Arte-Serien auch empfehlenswert. Donzelli hält schön die Mischung aus rein unterhaltsamen Momenten und solche, die nachdenklich stimmen, erzählt mit einer ebenso großen Selbstverständlichkeit von romantischen wie grotesken Momenten. Und auch das Ensemble, welches sich um die Grande Dame Miou-Miou (Abserviert – Strand, Spaß und Sonne!) schart, macht die Geschichte um die etwas andere Familie zu einer netten Abwechslung im Alltag.

Credits

OT: „Nona et ses filles“
Land: Frankreich, Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Valérie Donzelli
Drehbuch: Valérie Donzelli, Clémence Madeleine-Perdrillat
Musik: Philippe Jakko
Kamera: Irina Lubtchansky
Besetzung: Miou-Miou, Virginie Ledoyen, Valérie Donzelli, Clotilde Hesme, Michel Vuillermoz, Rüdiger Vogler, Christopher Thompson, Barnaby Metschurat, Léonie Simaga, Antoine Reinartz

Bilder

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Nona und ihre Töchter – Staffel 1
„Nona und ihre Töchter“ beginnt mit der absurden Situationen einer Schwangerschaft jenseits der 70 und hat auch darüber hinaus einige skurrile Einfälle. Diese werden zudem mit nachdenklicheren Momenten verbunden, bei denen es oft um das Thema Selbstbestimmung geht. Das ist unterhaltsam, auch wenn im weiteren Verlauf der Fokus etwas verloren geht und man nicht mehr genau sagen kann, worum es in der Geschichte eigentlich gehen soll.
7von 10
Leserwertung: (7 Votes)
7.4

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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