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Patrick

„Patrick“ // Deutschland-Start: 15. Juli 2021 (Kino)

Ganze zwei Mal lächelt Patrick (Hugo Fernandes) in 104 Minuten. Sonst bleibt sein Gesicht hart, verschlossen, abweisend. Im Blick des schlaksigen 20-Jährigen mit der „Mädchenfrisur“, wie seine Kumpels spotten, mischen sich Traurigkeit und Wut, Trotz und Schüchternheit. Aktuell lebt der junge Mann in einer Pariser Luxuswohnung mit einem deutlich älteren Liebhaber. Als einmal eine zu laute Party in der großzügigen Wohnung feiert, kommt die Polizei. Sie findet nicht nur Drogen, sondern auch kinderpornografische Bilder auf Patricks Laptop. Die Aufnahmen zeigen dessen eigenen Missbrauch. Mit acht Jahren wurde der Junge, der damals Mario hieß, aus seinem portugiesischen Heimatdorf von einem Pädophilen verschleppt. Unter der Bedingung, dass Patrick nach Portugal zu seiner Familie zurückkehrt, gesteht ihm die Polizei bezüglich der Drogendelikte mildernde Umstände zu.

Täter und Opfer

Normalerweise fiele die Identifikation mit einer solchen Opferfigur nicht schwer. Aber Patrick/Mario ist auch Täter. Er verführt minderjährige Mädchen, filmt sie beim Sex und verkauft die Aufnahmen an ein Pornoportal. Warum er das tut, wo er doch selbst als Kind in pädophilen Filmen zu sehen ist, bleibt unklar. Der junge Mann, der sich peinlich jedes Körperhaar wegrasiert, ist ebenso verstockt wie schweigsam. Von außen betrachtet, erscheint er trotz seiner zerbrechlichen Physiognomie und Mädchenhaftigkeit als Halbkrimineller mit einem Hass auf Frauen und einem Hang zu plötzlichen Gewaltausbrüchen.

Gefühlt 80 Prozent des Films spielen nicht in Pariser Innenräumen, sondern im ländlichen Portugal. Hier öffnen sich die Bilder, zuweilen verlässt die Kamera sogar das Gesicht des Protagonisten, von dem sie zuvor wie magisch angezogen schien. Patricks Mutter Laura (Teresa Sobral) kommt ins Bild, eine schwer gezeichnete, nur mit Antidepressiva überlebende Frau, die ihren Sohn aufzumuntern versucht: „Wir schaffen das schon“. Außerdem trifft der Heimkehrer auf seine skeptische Tante Helena (Carla Maciel) und Cousine Marta (Alba Baptista), eine Sandkastenfreundin, die ihn mit ihrer Liebe retten will. Aber irgendwie scheint an dem jungen Mann alles abzuprallen. Gedankenverloren starrt er ins Leere, innerlich abgestorben und ohne Gefühlsregung außer der inneren Wut, die sich unübersehbar in seinen Augen spiegelt – ein merkwürdiger Kontrast zu dem warmen Licht der neuen Umgebung, dem leuchtenden Grün, dem ländlichen Haus, umgeben von Gärten und Wald.

Die Suche nach der Identität

Ganz bewusst hat der in Portugal als Schauspieler bekannte Regisseur Gonçalo Waddington (Jahrgang 1975) den Entführungsfall nicht mit faktensammelnder Recherche hinterlegt, beruft sich nicht auf authentische Berichte wie etwa dem von Natascha Kampusch. Er will den Fokus auch gar nicht auf die Gefühle während der Missbrauchsjahre legen, sondern auf die Identitätsverwirrung danach. Was wiegt schwerer, die acht unbeschwerten Kinderjahre oder die zehn Jahre danach? Aber dieser Konflikt bleibt verborgen hinter dem unbewegten Gesicht von Patrick/Mario, er versteckt sich in einem Gefühlsvakuum.

Das ist naturgemäß schwer zu verfilmen. Und so belässt es der Film bei Andeutungen und Symbolen, bei schönen Bildern, die Heilung versprechen, aber nichts bewirken. Ob ein Mensch, der derartiges durchmachen musste, tatsächlich so stumm und unzugänglich agieren muss, bleibt spekulativ. Die Lücken in der Erzählung scheinen den Zuschauer aufzufordern, eigene Mutmaßungen anzustellen. Aber weil die Hauptfigur nicht wirklich durchdacht ist, bleibt am Ende nur eine schön bebilderte Leere.

Credits

OT: „Patrick“
Land: Portugal, Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Gonçalo Waddington
Drehbuch: Gonçalo Waddington
Musik: Bruno Pernadas
Kamera: Vasco Viana
Besetzung: Hugo Fernandes, Alba Baptista, Teresa Sobral, Carla Maciel, Miguel Herz-Kestranek

Bilder

Trailer

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Patrick
„Patrick“ ist der Versuch, eine Kindesentführung aus der Sicht des Opfers zu erzählen. Aber trotz einfühlsam komponierter Bilder und dem Bemühen der Kamera, in Gesichtern zu lesen, löst das Debüt von Gonçalo Waddington nicht die eigenen Ansprüche ein.
5von 10

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