Inhalt / Kritik

Hotel du Nord

„Hôtel du Nord“ // Deutschland-Start: 1948 (Kino)

Gerade hatten sie sich an dem großen Tisch im Foyer des Hotels im Nordosten von Paris niedergelassen, um eine Erstkommunion zu feiern, da treffen zwei neue Gäste ein, auf der Suche nach einem Zimmer. Zum Feiern zumute ist dem Paar aber nicht. Vielmehr haben Renée (Annabella) und Pierre (Jean-Pierre Aumont) den Willen zum Leben verloren, sehen keinen anderen Ausweg aus ihrer prekären Lage, als gemeinsam Selbstmord zu begehen. Die kleine Waffe haben sie bereits dabei, sind entschlossen, bis zum Äußersten zu gehen. Doch die Geschichte nimmt einen anderen Verlauf, nicht zuletzt wegen Herrn Edmond (Louis Jouvet), einem Zuhälter, der ebenfalls im Hôtel du Nord wohnt …

Der Alltag der Straße

Weg von der verkopften Kunst, hin zu den Menschen – das war das Ziel des poetischen Realismus. Diese im Frankreich der 1930er und 1940er verbreitete Strömung verfolgte das Ziel, das Leben der einfachen Menschen zu zeigen, vor allem solcher in schwierigen Verhältnissen. In Hôtel du Nord, dem vierten Film des Regisseurs Marcel Carné (Thérèse Raquin – Du sollst nicht ehebrechen), gibt es von denen nicht gerade wenige. Während der Aufhänger des Films das Paar ist, das sich vor lauter Verzweiflung töten will, tummeln sich drumherum noch eine Reihe weiterer Gestalten aus dem eher einfachen Volk. Jede davon mit eigenen Geschichten und Nöten, Hoffnungen und Sehnsüchten, zufällig gestrandet im titelgebenden Hotel. Da treffen Zuhälter auf Polizisten, Prostituierte auf kleine Mädchen.

Der Film basiert dabei auf dem gleichnamigen, 1929 veröffentlichten Roman von Eugène Dabit, der darin eigene Erfahrungen niederschrieb. Seine Eltern hatten das namensgebende Hôtel du Nord besessen, welches sich am Kanal Saint-Martin in Paris befand. Dieses konnte für die Dreharbeiten dann zwar nicht verwendet werden, stattdessen drehte man in einer nachgebauten Fassung im Studio. Dennoch gelingt es Carné, hier einen Mikrokosmos zu erschaffen, dem man fast uneingeschränkt abnimmt, dass er real sein könnte. Die gut ausgearbeiteten Figuren erwachen auch dank eines talentierten Ensembles zum Leben, man hat das Gefühl, es hier mit komplexen, teils widersprüchlichen Menschen zu tun zu haben.

Tragik in jedem Zimmer

Natürlich hat Hôtel du Nord dabei einen Hang zum großen Drama. Vor allem das tragische Paar, geeint in der gegenseitigen Liebe ebenso wie in ihrer gemeinsamen Verzweiflung, entspricht nicht unbedingt dem Ideal des alltäglichen Lebens. Gleichzeitig ist die Geschichte natürlich nicht die tiefgründigste. Es geht in dem Film weniger darum, etwas Relevantes über die Welt zu sagen oder eine in welcher Form auch immer spannende Handlung voranzutreiben. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die wechselseitigen Beziehungen, die von Einsamkeit, Neid und Perspektivlosigkeit geprägt sind. Wir begegnen Menschen, die eine tief sitzende, unerfüllte Sehnsucht in sich tragen und nach einem Weg suchen, diese doch noch zu erfüllen. Dass das schwierig ist, steht außer Frage. Der Film etabliert gleich zu Beginn eine düstere, melancholische Atmosphäre, die bis zum Schluss beibehalten wird.

Gerade das Ende ist es dann auch, welches in Erinnerung bleibt, unterstreicht noch einmal die Hoffnungslosigkeit und die Unausweichlichkeit der Ereignisse. Zusammen mit den schönen Bildern, welche den Film in die Noir Richtung schleichen lassen, gibt es daher genügend Gründe, warum man auch mehr als 80 Jahre später noch einmal im Hôtel du Nord absteigen kann. Im Vergleich zu anderen Werken von Carné mag die gesellschaftliche Komponente schwächer ausgeprägt sein, wenn es dann doch mehr um die Emotionen der Figuren geht. Ihm ist aber ein interessanter Querschnitt geglückt, ein Sammelsurium von Verlierern und Verliererinnen, die im Schatten der Stadt der Liebe ihren Weg suchen, sich dabei verwirren und finden, treffen und verfehlen und dann doch wieder hinterfragen, was zuvor gewesen ist und in Zukunft sein soll.

Credits

OT: „Hôtel du Nord“
Land: Frankreich
Jahr: 1938
Regie: Marcel Carné
Drehbuch: Henri Jeanson, Jean Aurenche
Vorlage: Eugène Dabit
Musik: Maurice Jaubert
Kamera: Armand Thirard, Louis Née
Besetzung: Annabella, Jean-Pierre Aumont, Louis Jouvet, Arletty, Bernard Blier, Paulette Dubost, Andrex

Trailer

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Hôtel du Nord
„Hôtel du Nord“ erzählt von mehreren Leuten im titelgebenden Hotel in einem Arbeiterviertel in Paris. Das Ergebnis ist ein Mikrokosmos höchst unterschiedlicher Menschen am Rande der Gesellschaft, die oft vergeblich nach dem Glück suchen und teilweise selbst am Tod noch scheitern.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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