In ihrem Dokumentarfilm Himmel über dem Camino – Der Jakobsweg ist Leben! begleiten Fergus Grady und Noel Smyth eine Gruppe von Leuten, die gemeinsam den Jakobsweg gehen und dabei auch diverse Schicksalsschläge zu verarbeiten lernen. Zum Kinostart am 29. Juli 2021 haben wir uns mit den beiden Regisseuren über den Film, den Aufbau von Vertrauen und künftige Projekte unterhalten.

Wie seid ihr auf die Idee für den Film gekommen?

Noel Smyth: Fergus hatte vorgeschlagen, einen Film über den Camino-Weg zu machen. Wir hatten vorher zusammen an einem Kurzfilm gearbeitet, hatten aber beide Lust, auch mal an einem größeren Werk zu arbeiten. Ich wusste selbst über den Camino nicht allzu viel. Aber meine Frau war ihn schon einmal gelaufen zehn Jahre zuvor und erzählte mir immer davon, wie sehr diese Erfahrung ihr Leben verändert hat. Und da ich von vielen gehört hatte, denen es ähnlich gegangen ist, schien mir das ein perfektes Thema für unseren Film zu sein. Dabei waren wir aber völlig offen, was am Ende dabei rauskommen würde. Wir wollten eine Geschichte erzählen, die irgendwie bewegt und inspiriert, etwas Herzerwärmendes.

Fergus Grady: Uns hat die Idee Gefallen, von einer Reise zu erzählen, die etwa einen Monat dauern würde. Der Rahmen sollte dabei der Weg sein, den wir selbst ablaufen wollten. Anfang und Ende des Films sollten also mit dem Anfang und Ende des Weges übereinstimmen. Wir haben dann auch tatsächlich innerhalb von 42 Tagen alles gefilmt. Das Schneiden hat später aber recht lange gedauert.

Und wie habt ihr eure Protagonisten und Protagonistinnen gefunden?

Fergus Grady: Wir haben ein ziemlich weites Netz gespannt, zum Beispiel durch das Schalten von Anzeigen, um die richtigen Leute zu finden. Wir fanden es dabei interessant, Menschen aus Australien und Neuseeland zusammenzubringen und einen gemeinsamen Weg laufen zu lassen. Dabei wollten wir zum einen jeweils aus den größeren Städten jemanden finden. Natürlich mussten aber auch die Leute und ihre Geschichten interessant sein. Da waren dann welche mit traumatischen Erfahrungen und Schicksalsschlägen dabei. Der Film sollte aber nicht von diesen handeln, sondern wie sie durch den Weg wieder zu sich finden und ihren Schmerz verarbeiten.

Diese Geschichten, die sie erzählen, sind dabei schon sehr persönlich. Wie schwierig war, ein solches Vertrauensverhältnis aufzubauen, dass sie diese Geschichten auch erzählen?

Fergus Grady: Wir haben uns natürlich viel Zeit mit allem gelassen und sich gar nicht davon ausgegangen, dass die Leute sich vor der Hälfte des Weges öffnen würden. Wir kannten die Leute ja auch nicht wirklich. Das erste Mal, dass wir alle getroffen haben, war bei einem Abendessen am Tag, bevor wir losgelaufen sind. Aber sie waren von Anfang an sehr offen und hatten auch keine Probleme damit, vor der Kamera zu reden. Vielleicht haben uns auch die gemeinsamen Anstrengungen beim Laufen zusammengeschweißt, weil die ersten Tage schon recht hart waren.

Seid ihr dabei je an dem Punkt gewesen, an dem ihr euch gefragt habt, ob die Geschichten nicht zu persönlich sind, um sie mit Außenstehenden zu teilen?

Fergus Grady: Es gab auch schon Momente, bei denen klar war, dass wir jetzt die Kamera ausschalten und den Leuten die Zeit geben, sich wieder zu fangen. Wir haben auch nicht alles in den Film getan, was in diesen Wochen geschehen ist. Aber es gab da schon viel Vertrauen zwischen uns, das wir gemeinsam während des Weges aufgebaut haben. Sie wussten, dass wir ihre Geschichten mit Respekt erzählen würden.

Und habt ihr mit ihnen dann nach dem Weg noch einmal darüber gesprochen, was am Ende in den Film kommt? Habt ihr euch da irgendwie abgesprochen?

Fergus Grady: Wir haben uns einige Monate nach dem Weg noch einmal getroffen. Das war eine ganz besondere Erfahrung, bei der wir uns dann gegenseitig auf den neuesten Stand bringen konnten. Die anderen hatten bislang ja auch noch nichts mit Filmen zu tun. Wir haben uns ihn dann alle zusammen bei einem privaten Screening angeschaut, was wirklich für alle sehr schön war. Glücklicherweise mussten wir danach auch nichts ändern. Wir hatten ihren Segen.

Habt ihr denn noch immer Kontakt mit ihnen?

Noel Smyth: Ja, sehr oft sogar! Wir reden immer wieder miteinander und haben auch eine Facebook-Gruppe. Einige von ihnen sind auch bei der Präsentation des Films dabei gewesen, zum Beispiel bei der Premiere in den USA oder auch der Tour durch Australien. Wir haben schon eine enge Freundschaft während des Projekts aufgebaut.

Wie viel Zeit habt ihr mit ihnen dann auf dem Camino verbracht?

Noel Smyth: Wir sind mit ihnen insgesamt 38 Tage gelaufen. Fergus und ich haben immer am Abend zuvor diskutiert, wem wir am nächsten Tagen folgen würden. Mit allen gleichzeitig zu laufen, wäre logistisch nicht möglich gewesen, auch weil jeder sein ganz eigenes Tempo hat. Es war sehr schön, so viel Zeit mit ihnen verbringen zu können. Das haben wir auch gemacht, wenn die Kameras nicht an waren. Wir haben in jeder Stadt, wo wir Rast gemacht haben, gemeinsam zu Abend gegessen, haben war getrunken oder auch einfach darüber geredet, was an dem Tag alles vorgefallen ist.

Wie lief denn die Zusammenarbeit als Co-Regisseure? Habt ihr alles gemeinsam gedreht oder euch abgewechselt?

Fergus Grady: Wir ergänzen uns sehr gut, weil jeder seine eigenen Stärken mitbringt. Dadurch konnten wir auch unabhängig voneinander arbeiten, ohne direkt Anweisungen geben zu müssen. Da konnte es schon mal vorkommen, dass ich gerade mit zwei Leuten unterwegs war, während Noel Landschaftsaufnahmen gemachten hat.

Noel Smyth: Es war alles nicht ganz einfach, weil wir ein so kleines Team waren: Fergus, ich und ein Produktionsassistent. Das heißt, wir mussten immer unsere Ausrüstung mit uns herumtragen. Aber es hat funktioniert. Jeder hat geschaut, was er Interessantes gefunden hat. Zum Beispiel hat Fergus abends reine Audio-Interviews geführt, ohne dass ich dabei sein musste. Wir haben recht schnell unser Tempo gefunden, mit dem jeder arbeiten konnte, und haben uns gegenseitig unterstützt. Später beim Schnitt mussten wir schon immer mal wieder diskutieren, weil wir zwar ähnliche Vorstellungen davon hatten, was wir erreichen wollten, uns aber beim Weg nicht einig waren. Dank unseres Cutters haben wir aber eine Lösung gefunden, mit der wir alle leben konnten.

Wie viel Material hattet ihr denn am Ende?

Noel Smyth: Das dürften so 100 Stunden Kamera- und Tonaufnahmen gewesen sein. Wir haben schon sehr viel aufgenommen, weil wir uns nicht zu sehr festlegen wollten, in welche Richtung das geht. Wir wollten das alles ein bisschen auf uns zukommen lassen. Außerdem war für uns klar, dass es keine Option geben würde, noch einmal zurückzukehren und weitere Aufnahmen zu machen. Also haben wir so viel aufgenommen wie möglich, um am Ende genügend Auswahl zu haben.

Auch wenn ein solcher Weg nur begrenzt planbar ist, habt ihr doch sicher bestimmte Erwartungen oder Hoffnungen gehabt, was ihr unterwegs erleben würdet.

Fergus Grady: Unser Ziel war es, dass alle ihre persönliche Camino-Erfahrung machen können. Deshalb wollten wir uns gar nicht einmischen oder auch versuchen, eine Richtung vorzugeben. Unser Ansatz war, uns so sehr wie möglich zurückzuhalten und einfache Beobachter zu sein. Wir hatten also kein Ziel in dem Sinne, sondern wollten wirklich nur festhalten, was unterwegs geschieht.

Noel Smyth: Später war die Trauer natürlich schon ein vorherrschendes Thema im Film. Das hatten wir so aber nicht geplant. Das hat sich einfach organisch so entwickelt.

Der Film erzählt davon, was der Camino für eure Protagonisten und Protagonistinnen bedeutet. Was bedeutet der Camino für euch?

Noel Smyth: Wir waren so sehr mit dem Film beschäftigt, dass wir den Camino an sich gar nicht so sehr erfahren konnten wie die anderen. Für uns war das eher eine filmische Reise als eine selbst erlebte.

Und würdet ihr ihn noch mal machen?

Fergus Grady: Auf jeden Fall. Ich musste zwischenzeitlich auch weg wegen anderer Jobs oder um Geld für den Film aufzutreiben. Dadurch fehlt mir ein Teil des Weges. Ich würde also noch mal hin, um meinen Stempel und das Zertifikat zu bekommen.

Was steht sonst in Zukunft an? Was habt ihr geplant?

Noel Smyth: Bei uns sind diverse Projekte in Arbeit. Eines davon ist in Neuseeland und hat wieder Trauer und Tod zum Thema und die Frage, wie Menschen damit umgehen. Das ist eine schöne kleine Geschichte über einen Club in Neuseeland, der seine eigenen Särge herstellt. Der Titel heißt deshalb auch The Coffin Club. Ein anderer Film handelt von einem Mann, der versucht, seine Frau und die vier Kinder aus einer berüchtigten Sekte herauszubekommen.

Vielen Dank für das Gespräch!



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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