Nicolas Vanier hat sich in den letzten Jahren einen Namen als Regisseur von Familienfilmen wie Belle & Sebastian, Paul und die Schule des Lebens und Der Junge und die Wildgänse gemacht. Dabei spielen oft Tiere und unser Umgang mit der Natur eine große Rolle. So auch bei Mein Freund Poly, das am 17. Juni 2021 im Kino startet. Basierend auf einer von Cécile Aubry erdachten Fernsehserie aus den 1960ern und einer anschließenden Romanreihe erzählt der französische Regisseur und Drehbuchautor von der Freundschaft zwischen einem Mädchen und dem Pony Poly. Wir haben uns mit dem Filmemacher über die Neuverfilmung, die Arbeit mit Tieren und Tierschutz unterhalten.

Wie kam es zu der Entscheidung, die Geschichte von Cécile Aubry noch einmal neu zu verfilmen?

Das war gar nicht meine eigene Entscheidung gewesen. Ich hatte erfahren, dass die Rechte verfügbar waren und man an einer Adaption fürs Kino arbeitete. Die hatte man mir angeboten, nachdem man mich für Belle & Sebastian kannte. Ich war auch gleich Feuer und Flamme, weil ich als Kind ein großer Fan der Fernsehserie war. Ich war damals auch schon der Natur sehr verbunden, weil ich auf dem Bauernhof meines Großvaters aufgewachsen bin, mit Hunden, Pferden und wilden Tieren. Später war ich auch mit Pferden viel in der Wildnis von Kanada oder Sibirien unterwegs. Ich hatte also sehr viel Erfahrung mit Tieren und habe gerade zu Pferden aufgrund meiner Abenteuer ein besonders enges Verhältnis. Dass ich diese Geschichte wieder für die große Leinwand drehen durfte, war deshalb ein großes Geschenk für mich.

Wie unterscheidet sich Ihr Film von der Serie aus den 1960ern?

Mein Freund Poly ist allein deshalb schon unterschiedlich, weil es sich um einen Kinofilm aus dem Jahr 2020 handelt. Wir hatten bei der Technik ganz andere Möglichkeiten, als das, was beim Fernsehen vor sechzig Jahren zur Verfügung stand. Außerdem wird eine Geschichte fürs Kino natürlich ganz anders geschrieben als für eine Serie. Wir haben nicht einfach die Geschichte von damals wiederholt, sondern diese neu zusammengebaut, interpretiert und modernisiert. Beispielsweise wurde aus dem kleinen Jungen bei uns ein Mädchen. Gleichzeitig wollten wir fortführen, was die Serie damals ausmachte und zu einem Erfolg machte. Wie bei Belle & Sebastian habe ich versucht die DNA beizubehalten, die Figuren, die Situationen. Und das Wichtigste dabei ist die Beziehung zwischen dem Kind und dem kleinen Pony.

In Ihren bisherigen Filmen haben Sie unter anderem mit Hunden und Vögeln gearbeitet. Bei Mein Freund Poly ist es nun ein Pony. Wie war die Arbeit im Vergleich zu den vorherigen Tieren?

Es macht tatsächlich einen großen Unterschied, ob man mit Hunden, Vögeln oder Pferden arbeitet. Da ist jedes Tier doch anders. Gemeinsam ist aber, dass die Arbeit mit Tieren nicht so funktioniert wie mit Menschen. Tiere sind keine Schauspieler, von denen man Geduld oder Präzision einfordern kann, auch wenn das bei einem Kinofilm oft notwendig ist. Da musst du mit einer positiven Grundeinstellung und viel Leidenschaft rangehen und einfach das annehmen, was das Tier mit sich bringt und es als eine Art Geschenk begreifen. Es kam auch schon vor beim Dreh, dass das Team einsatzbereit war und dennoch nichts machen konnte, weil Poly einfach keine Lust darauf hatte, was es gerade tun sollte. Wenn das geschieht, dann brauchst du Einfühlungsvermögen und musst dich an die Situation anpassen. Ein Tier spürt, wenn du ungeduldig bist und eine negative Einstellung hast. Klappt etwas nicht, musst du etwas Neues ausprobieren, um auf natürliche Weise zu dem gewünschten Ergebnis zu kommen. Natürlichkeit ist da einfach sehr wichtig, wenn du mit einem Tier arbeitest.

Mein Freund Poly kritisiert, wie in dem Zirkus Tiere misshandelt werden. Über dieses Thema wurde in den letzten Jahren oft diskutiert. Ist das Konzept eines Zirkus‘ heute noch angemessen? Wir könnte ein solcher Zirkus aussehen?

Es stimmt, dass das Publikum von heute nicht mehr sehen will, wie exotische Tiere gegen ihren Willen zu irgendwelchen Kunststücken gezwungen werden, wie wir es in Mein Freund Poly zeigen. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Was nach wie vor geht sind Kunststücke, bei denen die Tiere auch tatsächlich Lust haben mitzumachen. Manche wollen ja mit den Menschen zusammenarbeiten. Das kann zum Beispiel bei Hunden oder Pferden der Fall sein. Die anderen sollte man einfach in Ruhe lassen. Glücklicherweise gibt es aber eine weltweite Übereinkunft, dass man nicht mehr Tiger, Löwen, Elefanten oder Bären irgendwie anketten und mit Peitschen antreiben sollte.

Wie sollte man außerhalb eines Zirkus‘ den Menschen Tiere näherbringen?

Unser Verhältnis zu Tieren sollte sich auf eine natürliche Weise entwickeln. Du siehst manchmal, gerade in den Städten, weniger auf dem Land, wie Tiere als Menschen wahrgenommen werden. Das ist in meinen Augen gefährlich. Ein Tier sollte an seinem Platz bleiben und den Respekt erhalten, den es verdient. Die Würde des Tieres sollte unbedingt bewahrt werden. Das gilt für unsere Haustiere. Das gilt für Nutztiere und die Art und Weise, wie diese gehalten werden. Und es gilt besonders für Wildtiere, die gerade auf erschreckend schnelle Weise dabei sind, aufgrund des menschlichen Verhaltens zu verschwinden. Wir müssen uns endlich bewusst werden, dass wir unbedingt die Biodiversität unseres Planeten, zu der wir selbst gehören, bewahren müssen.

Tierschutz spielt in Ihren Filmen eine große Rolle. Allgemein wurde in den letzten Jahren viel darüber diskutiert, dass sich bei unserem Umgang mit Tieren etwas ändern muss. Hat es Ihrer Meinung nach Fortschritte gegeben?

Auf jeden Fall. Da tut sich einiges, da wird schon Schritt für Schritt die Situation verbessert. Es muss aber noch sehr viel mehr getan werden, da wartet noch unglaublich viel Arbeit auf uns, gerade auch im Hinblick auf die angesprochenen Nutztiere. Es braucht dafür insgesamt ein weltweites Bewusstsein, wie wir uns Tieren gegenüber zu verhalten haben, ob nun bei den Nutztieren oder den Wildtieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass so viele Arten für immer verschwinden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mein Freund Poly Nicolas Vanier

Zur Person
Nicolas Vanier wurde am 5. Mai 1962 in Dakar, Senegal geboren. Er war schon früh ausgiebig in der Natur unterwegs. So durchquerte er mit 20 zu Fuß Lappland. Später reiste er mit Pferden und Hunden unter anderem durch den Norden Amerikas und Sibirien und hielt seine Erfahrungen in Dokumentarfilmen und Büchern fest. 2004 erschien mit Der letzte Trapper sein erster Spielfilm. Darin erzählte er von dem Leben in den kanadischen Rocky Mountains. Sein erfolgreichster Film war bislang die Kinderbuchverfilmung Belle & Sebastian (2013), die in Frankreich drei Millionen Kinozuschauer hatte und zwei Fortsetzungen nach sich zog.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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