Inhalt / Kritik

Der Giftanschlag von Salisbury

„Der Giftanschlag von Salisbury“ // Deutschland-Start: 10. Juni 2021 (Arte)  // 11. Juni 2021 (DVD/Blu-ray)

Als der frühere russische Doppelagent Sergej Skripal (Wayne Swann) und seine Tochter Julia (Jill Winternitz) am 4. März 2018 auf einer Parkbank in Salisbury bewusstlos zusammenbrechen, stehen die Ärzte zunächst vor einem Rätsel. Erst bei genaueren Untersuchungen stellt sich heraus, dass die zwei Opfer eines Giftanschlags wurden, vermutlich ausgeführt von russischen Agenten. Die Angst ist groß bei den Menschen, schließlich weiß niemand, wie und wo sie mit dem tödlichen Gift in Kontakt gekommen sind. Während Tracy Daszkiewicz (Anne-Marie Duff), die Leiterin des örtlichen Gesundheitsamts, trotz fehlender Kenntnisse für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen soll, gibt es mit dem Kriminalbeamten Nick Bailey (Rafe Spall) ein drittes Opfer. Und es wird nicht das letzte bleiben …

Erinnerung an einen heimtückischen Mordversuch

Dass unliebsame Personen vom russischen Geheimdienst gerne mal vergiftet werden, um sich ihrer zu entledigen, ist nicht wirklich ein Geheimnis. Der spektakuläre Anschlag auf den Oppositionspolitiker und Dissidenten Alexei Nawalny ist schließlich auch Monate später immer noch für die eine oder andere Schlagzeile gut. Im Vergleich ist der Anschlag in Salisbury mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok relativ schnell in Vergessenheit geraten. Dabei war dieser nicht weniger heimtückisch. Zudem hatte er weitreichende Folgen, zumindest für die Menschen vor Ort. Und eben diesen ist auch die britische Serie Der Giftanschlag von Salisbury gewidmet, wenn sie an die Ereignisse aus dem Jahr 2018 erinnert.

Tatsächlich spielen sowohl die Opfer wie auch die Täter in der Geschichte nur eine untergeordnete Rolle. Man erfährt zwar, wer die Skripals sind und ahnt, weshalb sie Putin ein Dorn im Auge sein könnten. Auch die Namen der mutmaßlichen Täter werden genannt. Beides wird aber sehr schnell abgehandelt und zu den Akten gelegt. Stattdessen konzentriert sich Der Giftanschlag von Salisbury weitestgehend auf die Figuren Daszkiewicz und Bailey, die beide auf ihre eigene Weise von der Sache eingeholt wurden. Die eine, weil sie gegen eine Gefahr kämpft, von der zu Beginn nicht einmal klar, worin sie genau besteht. Der andere, weil er selbst von dieser Gefahr getroffen wurden. Für beide ging das Leben im Anschluss nicht mehr so weiter, wie sie es mal kannten.

Gut gespieltes Drama

Das ist sehr gut von dem Ensemble gespielt. Anne-Marie Duff (Suffragette – Taten statt Worte) überzeugt als Gesundheitsexpertin, die über Monate hinweg alles für ihre Arbeit aufgeben musste und dabei ihre Familie vernachlässigt. Immer wieder lässt sie alles stehen und liegen und verzweifelt doch daran, dass sie letztendlich wenig ausrichten kann. Der von Rafe Spall (Trying) verkörperte Polizist geht nicht weniger zu Herzen, wenn zunächst nicht einmal sicher ist, ob er den Vorfall überleben wird. Und selbst danach ist er sichtlich von der Erfahrung gezeichnet, körperlich wie seelisch. Die große Aufmerksamkeit, die ihn von Seiten der Medien zuteilwird, verschlimmert die Situation noch weiter, sehnt sich Bailey doch einfach wieder nach der Normalität, die ihm genommen wurde. Der Giftanschlag von Salisbury ist an der Stelle durchaus auch eine Kritik an der Medienlandschaft, welche die Geschichte auszuschlachten versucht.

Es ist deshalb die menschliche Komponente, verbunden mit einer gemeinschaftlichen Schreckenserfahrung, welche Der Giftanschlag von Salisbury sehenswert macht. Neue Informationen hat die Serie hingegen nicht zu bieten. Auch das mit der Spannung ist so eine Sache. Anfangs wird hier zwar stark die Angst vermittelt, welche sich unter den Menschen breit macht. Man zittert hier geradezu mit, wenn offen bleibt, wen es sonst noch alles erwischen wird. Zumal die Art und Weise, wie die beiden vergiftet wurden, derart heimtückisch war, dass kaum etwas dagegen auszurichten ist. Und auch später wird noch einmal der Druck erhöht, wenn die Geschichte nach einer zwischenzeitlichen Ruhe wieder hochkocht.

Nur anfangs wirklich fesselnd

Ansonsten hält sich die Spannung bei Der Giftanschlag von Salisbury eher in Grenzen, vor allem wenn man den Ausgang der Geschichte bereits kennt. Die Serie ist eher leise angelegt, will aus dem Ganzen nicht das große Spektakel machen und die Opfer damit billig verhökern. Das ist einerseits löblich. Es kommt aber gerade in der zweiten Hälfte doch zu diversen inhaltlichen Wiederholungen, die es nicht unbedingt gebraucht hätte. Auch beim Schluss wusste man offensichtlich nicht so recht, was man tun sollte, da das Ereignis selbst keinen wirklichen Schluss vorweisen kann. Aber auch wenn die Serie im Laufe der vier Folgen etwas abbaut und nicht mehr ganz so fesselnd ist, lohnt es sich auf jeden Fall, hier einmal hineinzuschauen. Allerdings muss man sich darauf einstellen, im Anschluss die eigene Wohnung erst einmal nicht wieder verlassen zu wollen – zu gefährlich.

Credits

OT: „The Salisbury Poisonings“
Land: UK
Jahr: 2020
Regie: Saul Dibb
Drehbuch: Declan Lawn, Adam Patterson
Musik: Rael Jones
Kamera: Graham Smith
Besetzung: Anne-Marie Duff, Rafe Spall, Annabel Scholey, Wayne Swann, Jill Winternitz, Kiera Thompson, Stephanie Gil, MyAnna Buring, Sophia Ally, Johnny Harris, Stella Gonet, Darren Boyd

Bilder

Trailer

Kaufen / Streamen


Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Der Giftanschlag von Salisbury
„Der Giftanschlag von Salisbury“ rekonstruiert das Attentat von 2018 auf einen ehemaligen russischen Doppelagenten. Der Fokus liegt dabei aber weniger auf den beabsichtigten Opfern, sondern den Menschen, die dadurch ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das geht zu Herzen, auch wenn die Serie im weiteren Verlauf nicht mehr so fesselnd ist.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort