In dem Drama Proxima: Die Astronautin erzählt Alice Winocour die Geschichte der Astronautin Sarah (Eva Green), die für eine Marsmission ihre Tochter Stella (Zélie Boulant-Lemesle) zurücklassen muss und zwischen zwei Welten hin und her gerissen ist. Zum Kinostart am 24. Juni 2021 haben wir uns mit der Regisseurin und Drehbuchautorin über den Film, die Rolle von Müttern und schwierige Trennungen unterhalten.

Wie und wann bist du auf die Idee für den Film gekommen?

Das ist schon eine ganze Weile her. Ich war fasziniert von der Idee einer Astronautin und fuhr deshalb zum Europäischen Astronautenzentrum in Köln, um mich mit den Menschen dort zu unterhalten. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nichts über das Thema. Ich war auch kein Fan von Filmen, die im Weltraum spielen. Aber ich fand es spannend, von einer Frau zu erzählen, die ihre Tochter zurücklassen muss. Ich wollte eine Liebesgeschichte daraus machen und zeigen, was es für Astronauten bedeutet, von ihrer Familie und der ganzen Erde getrennt zu werden. Denn da ist eine Parallele zwischen diesen beiden Trennungen. Und die wollte ich aufzeigen.

Und wie lange hast du an dem Stoff gearbeitet?

Gar nicht so wahnsinnig lange. Anderthalb Jahre ungefähr. Aber es war ein seltsamer Prozess. Manchmal ist es so, dass du dich bei einem Film zwei oder drei Mal mit Spezialisten triffst, um dich mit ihnen über das Thema auszutauschen, und ansonsten einfach drauflos schreibst. Bei Proxima war die Zusammenarbeit viel enger. Ich habe sehr viel Zeit in Köln oder auch an anderen Orten verbracht und habe mir zeigen lassen, was es heißt, sich für den Weltraum vorzubereiten. Es war schon interessant, diese physische, harte, zum Teil schmerzhafte Arbeit zu sehen und wie zerbrechlich der menschliche Körper letztendlich ist. Unser Körper wurde für ein Leben auf diesem Planeten geschaffen und nicht für eins im Weltraum. Und das sollte das Publikum auch erfahren. Es war mir schon sehr wichtig, in dem Film realistisch vorzugehen und die Herausforderungen deutlich zu machen.

Am Ende des Films zeigst du Bilder realer Astronautinnen. Doch auch wenn sich die Situation im Laufe der Zeit geändert hat, gibt es nach wie vor sehr viel weniger Frauen als Männer in diesem Bereich. Woran liegt das?

Es ist gar nicht so, dass das Auswahlverfahren für Frauen schwieriger wäre als für Männer. Es gibt nur einfach weniger Frauen, die sich dafür bewerben. Die Frage ist daher: Warum gibt es weniger Kandidatinnen als Kandidaten? Ich denke, dass das viel mit Selbstzensur zu tun hat. In der Gesellschaft gibt es noch immer die Vorstellung, dass Frauen sich zwischen ihrer Familie und ihrem Beruf zu entscheiden haben. Dass sie nicht beides haben können. Bei Männern ist das anders. Für sie ist es genauso hart, die Familie zu verlassen. Aber die Verantwortung für die Familie wird dann doch noch eher bei der Frau gesehen. Proxima sollte deshalb auch zeigen, wie schwierig es für Frauen ist, sich an eine Welt anzupassen, die von Männern für Männer erdacht worden ist. Die Raumanzüge wurden beispielsweise für Männer designt. Männer haben breitere Schultern, Frauen haben breitere Hüften. Trotzdem müssen Frauen mit diesen Anzügen arbeiten und sich anpassen. In dem Film zeigen wir, dass Frauen dabei erfolgreich sein können. Sarah kämpft dafür, ihren Lebenstraum zu erfüllen und ist dadurch auch ein Vorbild für ihre Tochter, selbst wenn sie diese dabei zurücklassen muss.

Warum ist es denn für sie so wichtig, Teil dieser Mission zu sein? Die Entscheidung fällt ihr ja nicht leicht.

Es ist einfach der Traum ihres Lebens, auf den sie viele Jahre hingearbeitet hat. Interessant ist dabei, dass die Tochter das verstanden und akzeptiert hat. Am Ende des Films hat sie ihren Frieden damit gemacht. Sie weint auch nicht, im Gegensatz zu anderen, weil sie weiß, wie wichtig das ist, was ihre Mutter da tut. Wenn Sarah zum Schluss in den Weltraum fliegt, dann ist das auch für Stella eine Befreiung und die Aufforderung, ihren eigenen Weg zu finden. Ich habe den Film auch für meine eigene Tochter gedreht und denke, dass wir mit diesem eine Geschichte erzählen, die für die ganze Familie wichtig ist.

Denkst du, dass es einen Unterschied für das Kind macht, ob es der Vater oder die Mutter ist, die weggeht?

Am Anfang sieht es in Proxima so aus, dass der Vater nicht in der Lage sein wird, sich um das Kind zu kümmern. Dass er ihr nicht genug Aufmerksamkeit entgegenbringt. Doch mit der Zeit sehen wir, dass der Vater sehr gut damit klar kommt. Er macht das vielleicht anders, als es die Mutter gemacht hätte. Aber er macht es großartig. Frauen müssten sich vielleicht auch einfach von dem Druck lösen, die perfekte Mutter zu sein. Dann ist das weder für sie noch für die Kinder gut.

Wenn schon nicht perfekt, wie müsste eine gute Mutter sein? Was ist ganz allgemein die Aufgabe von Eltern?

Das ist eines der zentralen Themen in dem Film. Die Gesellschaft verlangt von dir, immer für die Kinder da zu sein und sie zu umsorgen. Dabei gibt es viele Mütter, die sich nicht mit dieser Rolle identifizieren und sich deshalb schuldig fühlen. Das bedeutet aber nicht, dass sie keine guten Mütter sind. Es gibt viele verschiedene Arten, eine Mutter zu sein. Wir erzählen die Geschichte einer Mutter, die Schwierigkeiten mit ihren Gefühlen hat. Wenn Sarah in diesem Exoskelett herumläuft, dann ist sie kein wirklicher Mensch. Aber je mehr sie trainiert, in einer anderen Welt zu leben, umso menschlicher wird sie letztendlich. Umso emotionaler wird sie auch.

Proxima: Die Astronautin

Szene aus „Proxima: Die Astronautin“: Sarah (Eva Green) und Tochter Stella (Zélie Boulant-Lemesle) stehen vor einer schwierigen Trennung. (© Koch Films)

Es ist ja nicht nur Sarah, die unbedingt Teil dieser Mission sein will. Viele Geschichten handeln von unserem Wunsch, durchs All zu reisen. Warum sind wir von dem Weltraum und der Reise zu fremden Planeten so fasziniert?

Es ist kein Zufall, dass es in den letzten Jahren so viele Filme gegeben hat, in denen die Menschen auf andere Planeten fliegen. Uns treibt die Sorge um, dass unsere Erde aufgrund des Klimawandels über kurz oder lang nicht mehr bewohnbar ist. Da fantasieren wir davon, die Erde einfach zu verlassen und auf andere Planeten zu fliegen. Wir träumen von einer Welt ohne die Sorgen, die wir hier haben. Leider sind wir aber nur für das Leben auf der Erde geschaffen. Wir können außerhalb kaum atmen, unsere Zellen altern schneller. Schlimme Dinge geschehen mit unserem Körper. Wir verlieren unser Gleichgewichtsgefühl. Der Film soll deshalb auch die Erde feiern und deren Schönheit. Wenn Astronauten im Weltraum sind und die Erde inmitten dieser Dunkelheit sehen, bekommen sie eine ganz andere Perspektive. Wenn du auf dem Mond bist, kannst du die Erde ja noch sehen. Aber wenn du erst einmal zum Mars reist, bist du nur noch von Dunkelheit umgeben. Das Training von Astronauten hat deshalb auch eine psychologische Komponente, wenn sie lernen müssen, sich von der Erde zu lösen, die für uns eine Art Mutter ist.

Würdest du auf eine solche Mission gehen, wenn du die Möglichkeit hättest?

Auf keinen Fall, da ich viel zu klaustrophobisch für!  Ich habe schon meine Probleme, wenn ich in einen Fahrstuhl steige. Da bin ich für eine Raumfahrt kaum geeignet. Mir wurde zwar angeboten, an Bord eines speziellen Flugzeugs zu fliegen, um einmal Schwerelosigkeit erlebt zu haben. Aber ich hatte zu viel Angst davor.

In dem Film müssen Sarah und die anderen eine kleine Kiste packen, in die das Zeug tun sollen, das ihnen während der Reise am wichtigsten ist. Wenn du so eine Kiste packen solltest, was wäre in ihr?

Ich denke Bücher, Gedichte und Musik. Das ist ziemlich konventionell, ich weiß. Leider gibt es aber vieles, das du gar nicht einpacken könntest. All das, was uns zu Menschen macht. Manche haben mich dafür kritisiert, dass Sarah in dem Film irgendwann aus der Quarantäne ausbricht, um ihre Tochter zu sehen, so als wäre das nicht glaubwürdig. Dabei ist das sogar die glaubwürdigste aller Szenen. Viele Astronauten haben mir erzählt, dass sie aus der Quarantäne ausgebrochen sind, um ihre Familie sehen zu können. Eine Frau hat das an Halloween gemacht, um mit ihrer Tochter noch einmal von Haus zu Hause zu gehen und Süßigkeiten einzusammeln. Ein anderer ist ausgebrochen, um seinen Sohn zu sehen, der Krebs hatte und von dem er nicht wusste, ob er überleben würde. Ich habe viele solcher Geschichten gehört, die zeigen, wie schwierig es ist, sich von der Familie zu lösen. Und dann ist da immer auch die Gefahr, dass man von einer solchen Mission nicht lebend zurückkommt. Die Abschiedsbriefe, welche Sarah und die anderen für den Fall der Fälle schreiben müssen, die gibt es wirklich.

Letzte Frage: Welche Projekte stehen bei dir an? Proxima ist ja bereits von 2019.

Ich sollte eigentlich letzten Oktober mit dem Dreh eines neuen Films beginnen, den ich geschrieben hatte. Aber durch Corona wurde da nichts draus, weil die Schauspielerin, eine US-Amerikanerin, nicht nach Paris kommen konnte. Also musste ich die Geschichte umschreiben, damit eine Französin sie spielen kann. Gerade bin ich bei den Vorbereitungen, damit wir im September mit dem Dreh beginnen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Alice Winocour Proxima Interview

Zur Person
Alice Winocour wurde am 13. Januar 1976 in Paris geboren. Sie studierte zunächst Jura, bevor sie an die Filmhochschule La fémis wechselte, um dort Filmproduktion und Drehbuch zu studieren. Nach mehreren Kurzfilmen gab sie 2012 mit dem Drama Augustine ihr Spielfilmdebüt. 2015 folgte das Thrillerdrama Der Bodyguard – Sein letzter Auftrag. Bekannt wurde sie zudem durch das Drama Mustang um fünf türkische Schwestern, an dessen Drehbuch sie beteiligt war und hierfür auch einen César für das beste Drehbuch erhielt erhielt. Ihre dritte längere Regiearbeit Proxima: Die Astronautin feierte auf dem Toronto International Film Festival 2019 Premiere.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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