Inhalt / Kritik

Hey there Seni Buldum Ya!

„Hey there!“ // Deutschland-Start: 13. März 2021 (Mubi)

Wie viele andere Städte auf der Welt ist auch in Istanbul aufgrund der Corona-Pandemie das öffentliche Leben größtenteils zum Erliegen gekommen. Während sich jedoch die meisten Menschen per Home Office über Wasser halten, haben die Trickbetrüger Felek (Serkan Keskin) und Kerim (Bülent Emin Yarar) einen Plan ausgeheckt, um die Lage zu ihrem Vorteil zu nutzen. Über ihre eigenen Rechner hacken sie sich in die Computer anderer Bürger ein und geben sich als Abgeordnete einer geheimen Division der Regierung aus, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen wegen nicht geahndeter Vergehen anzuklagen und zur Kasse zu bitten. Zwar ist Felek anfangs noch skeptisch, ob die Masche funktioniert. Doch trotz einiger Rückschläge häuft sich mit der Zeit eine hohe Summe auf Kerims Konto an, wovon er Felek aber nur einen kleinen Teil und schließlich gar nichts mehr abgibt. Da Felek den Großteil der Arbeit übernimmt, steigert sich sein Ärger über die Situation. Schließlich bringt die Begegnung mit Nurperi (Nihal Yalcin), einer jungen Frau, die auf Feleks Betrugsversuch nicht hereinfällt, die Wende in seinem Leben. Denn mit der Zeit verliebt er sich in sie und will nach dem Lockdown mit ihr eine gemeinsame Zukunft starten. Doch dafür bedarf es Geld, sodass er von nun an seinen Opfern nicht nur eine noch höhere Summe abknöpfen will, sondern diese auch auf Nurperis Konto sehen möchte.

Therapie und Selbstdarstellung

Wir schreiben das Jahr 2021 und während es in einigen Teilen der Welt dank einer erfolgreichen Impfkampagne danach aussieht, dass man irgendwann einmal das Ende der Pandemie erreicht, liegt das öffentliche Leben noch weitestgehend darnieder. Auch die Kulturschaffenden, zu denen der türkische Filmemacher Reha Erdem zählt, such nach Mitteln und Wegen, nicht nur wieder Geld zu verdienen, sondern überhaupt arbeiten zu können und ihre Kunst, trotz der schwierigen Auflagen und social distancing, aufzuführen. In seiner Komödie Hey There!, welche exklusiv beim Streaming-Anbieter MUBI anläuft, thematisiert Erdem nicht nur formal, sondern auch inhaltlich die Themen, welche in Zeiten des Lockdowns viele Menschen mehr denn je beschäftigen.

Die Idee, die missliche Lage des Lockdowns und der Online-Treffen via Zoom oder anderer Programme als erzählerisches wie auch formales Mittel im Film zu nutzen, brachte bereits Werke wie den recht unterhaltsamen Found-Footage Horrorfilm Host von Rob Savage zutage. Erdem geht es aber weniger um Effekte oder darum, einen lupenreinen Genrefilm zu machen, sondern vielmehr um eine Bestandsaufnahme der Folgen einer mittlerweile schon monatelangen Beschäftigung mit sich selbst. Seine Figuren, die beiden Betrüger wie auch die potenziellen „Opfer“, haben gemein, dass sie nach einem Kontakt, auch wenn dieser nur per Computer ist, lechzen. Sie erscheinen verloren in ihren eigenen vier Wänden und sind es leid, sich die Zeit zwischen Home Office-Sitzungen (sofern es diese gibt), mit irgendwelchen Tätigkeiten zu füllen, die eigentlich nicht wirklich notwendig sind. Der Bildschirm, durch welchen die Figuren einander und die Zuschauer sie beobachten, wird zu einem Sinnbild für eine Art Kokon, aus dem sie sich sehnen auszubrechen und in welchem das Gespräch, auch wenn es sich um eine Betrugsmasche handelt, zu einer willkommenen Ablenkung wird.

Dabei ist zu betrachten, dass Feleks Gesprächspartner aus allen sozialen Schichten kommen. Nicht nur betrifft die Situation sie alle, sondern ihnen allen ist die Sehnsucht nach einer Form der Interaktion ins Gesicht geschrieben. Erdems Drehbuch zeigt dies mit einer gehörigen Portion Ironie, beispielsweise, wenn jemand Feleks Betrugsversuch nicht nur als Ablenkung sieht, sondern diesen als einen Therapieersatz begreift. Die eigentliche Absicht, das Geld anderer zu erbeuten, vermischt sich mit dem Eindringen in die Privatsphäre, in jene Blase des Selbst, die für Felek mit der Zeit fast noch wichtiger zu werden scheint als die billige Abzocke, welche man bereits nach wenigen Momenten als solche enttarnen kann, wenn man es darauf anlegt.

Die Geheimnisse der Anderen

Auch wenn die pandemiebedingte Form des Spielfilms etwas eintönig ist auf die Dauer, bemühen sich Erdem und seine Darsteller redlich, viel aus diesem herauszuholen. Besonders auffällig ist die ungebremste Spielfreude der Schauspieler, die Hey There! nicht nur sehr unterhaltsam werden lässt, sondern die einzelnen Unterhaltungen wirken lässt wie Segmente innerhalb eines Episodenfilms. Indem das eigentlich Private nach Außen gekehrt wird und damit im Zentrum der Handlung steht, sind es nun die Verfehlungen oder Peinlichkeiten im Lebenslauf, über die man am liebsten schweigen möchte. Doch gerade diesen bilden die Faszination und naturgemäß das Fundament für den Betrug, bringen die Verwundbarkeit der Figuren zutage, doch auch exhibitionistische Tendenzen, wie beispielsweise bei einer Frau, die sich wenig daran stört, dass Felek ihr droht, sondern im Gegenteil noch ganz andere schockierende Fakten aus ihrem Leben ausplaudert, was wiederum Felek seine Maskerade als Beamter vergessen lässt und ihn zum staunenden Zuhörer macht.

So vermischen sich in Hey There! Elemente der Komödie, zeigt sich eine Romanze, aber auch ein Drama über Vernachlässigung und ein Aufbegehren gegen das Begrenzen der Privatsphäre. Zwar können nicht alle Interaktionen oder Episoden gleichermaßen überzeugen, doch die Vielfalt des Ausdrucks und die bereits erwähnte Spielfreude der Darsteller der Figuren retten hier vieles, sodass man sich mehr als einmal dabei ertappt, dass man sich, wie die Charaktere auch, die Grenzen des Bildschirms wegwünscht und einander begegnen kann, auch wenn die Realität vielleicht ungewollte Überraschungen birgt.

Credits

OT: „Seni Buldum Ya!“
Land: Türkei
Jahr: 2021
Regie: Reha Erdem
Drehbuch: Reha Erdem
Kamera: Reha Erdem
Besetzung: Serkan Seskin, Ezgi Mola, Taner Birsel, Esra Bezen Bilgin, Ecem Uzun, Nihal Yalcin

Trailer

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Hey There!
"Hey There!" ist eine Komödie, die in ihrer Handlung eine Vielfalt anderer Genres und Geschichten beherbergt. Regisseur Reha Erdem nutzt die Auflagen der Pandemie, um eine Vielzahl von Episoden über die Sehnsüchte der Menschen zu erzählen, die der Lockdown in den Menschen weckt, von dem Verlangen nach Interaktion bis hin zu einer Bühne für die Darstellung des Selbst. Das pandemiebedingte Format mag zwar nicht besonders ansprechend sein, aber der Unterhaltung schadet dies nicht.
7von 10

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