In seinem Film The Hidden City begibt sich Victor Moreno unter die Oberfläche Madrids, nimmt seinen Zuschauer mit auf eine Reise durch Versorgungstunnels, die Kanalisation und stillgelegte U-Bahn-Linien hin zu einer neuen, anderen und damit einer vor den Augen verborgenen Stadt. Im Rahmen des Filmfests Hamburg nahm sich der Regisseur Zeit für ein Interview über die Hintergründe seines Films, die schwierigen Dreharbeiten und das Bild der Stadt in der heutigen Zeit.

Die versteckte Stadt im Film ist ein sehr besonderer Platz. Welche Menschen haben Sie dort getroffen? Welche Orte haben Sie gesehen? Auf was darf sich der Zuschauer des Films einstellen?

The Hidden City zeigt einen Ort, der uns sehr nah ist, aber den wir so nicht kennen oder wahrnehmen: den Untergrund der Stadt. Ich erforsche gerne Orte, die so nah bei uns sind, die wir aber meisten meiden in unserem Alltag. In meinen vorherigen Arbeiten wie Edificio España oder Holidays versuche ich immer diese Grenze unserer alltäglichen Wahrnehmung zu überschreiten, damit wir diese „neue“ Welt entdecken, unsere Wahrnehmung und unser Leben eventuell anders definieren.

In The Hidden City wollte ich den Untergrund der Stadt zeigen, einen Ort, den man nicht sehr oft in Filmen sieht. Ich wollte eine neue, erfundene Welt zeigen, weswegen ich diesen Ort eher als eine Art Raumschiff gesehen habe, welches ich dann auskundschaften und entdecken konnte.

Diese versteckte Stadt wirkt damit fast so wie ein Negativ zu der Stadt an der Oberfläche. Wie in der Fotografie.

Das stimmt.

In Ihrem Statement zu The Hidden City erklären Sie, die Idee zu diesem sei zurückzuführen auf ein Konzept des französischen Philosophen Michel Foucault. Können Sie das etwas näher erläutern?

Das Konzept der Heterotopie ist eines, welches Foucault in meinen Augen nicht weit genug entwickelte. Er hat es im Rahmen vieler Interviews und Konferenzen erwähnt, hat aber nie ein Buch über dieses geschrieben. Das ist sehr schade, denn dieses Konzept hätte weiter verfolgt, weiter interpretiert werden müssen.

Für mich war der Teil des Konzeptes relevant, in dem es um Plätze geht, die in unserer Welt sind, aber die wir nicht wahrnehmen. Dennoch kann man anhand dieser Orte eine mögliche Zukunft für uns ablesen. Hierbei geht es weniger um eine Utopie oder eine Dystopie, denn in der Heterotopie geht um etwas, das es jetzt gibt und wir als eine Art Projektionsfläche unserer unmittelbaren Zukunft begreifen können.

The Hidden City ist in meinen Augen nicht nur ein Film über diese unbekannten, versteckten Orte, sondern auch über dieses lange Schweigen, welches ihre Kamera des Öfteren einfängt. In unserer modernen Welt gehen wir diesem Schweigen aber lieber aus dem Weg, verstecken es unter dem Lärm unserer Zeit. Was hat es mit diesem Schweigen in The Hidden City auf sich?

In The Hidden City steht die eindringliche, sensorische Erfahrung des Zuschauers im Vordergrund. Der Zuschauer soll weniger verstehen, sondern den Film fühlen, denn dieser ist in erster Linie auf unser Unterbewusstsein ausgerichtet. Diese Art der Erfahrung, dieses Erleben ist mir wichtiger als das intellektuelle Erfassen.

Die Bilder und der Ton sind natürlich essenzielle Elemente eines Filmes wie The Hidden City und damit auch dieser audiovisuellen Erfahrung. José Ángel Alayón, der sowohl Kameramann als auch einer der Produzenten von The Hidden City ist, und ich haben auf der Bildebene vor allem mit Dunkelheit gearbeitet. Für die Orte, die der Film zeigt, ist die Dunkelheit ein fundamentaler Bestandteil. Wir wollten auf eine zutiefst menschliche Reaktion anspielen, das Erleben eines Mysteriums, die Frage nach dem, was geschieht. Der Zuschauer fühlt sich in dieser Dunkelheit fast wie in einer anderen Dimension, in der jeder Lichtschimmer eine neue Offenbarung darstellt.

Was den Ton anbelangt, wollten wir uns weniger auf Dialoge verlassen, näher mit der Musik arbeiten als einem Narrativ. Indem wir Umgebungsgeräusche aufnahmen, wollten wir den Film für den Zuschauer auch zu einem auditiven Erlebnis machen.

Wichtig ist aber, dass man sich bei dem Film entspannt, denn in all der Dunkelheit haben wir immer die Augen offen gehalten nach Schönheit. Und wir haben sie auch gefunden. Der Zuschauer kann sie nun selbst für sich entdecken.

Wie haben die Zuschauer denn bis jetzt auf den Film reagiert? Was haben Sie erlebt oder Ihnen zurückgemeldet?

Die Reaktionen der Zuschauer sind immer sehr interessant. Ich merke während des Films und im Publikumsgespräch, welche Verbindung die Menschen zu The Hidden City aufgebaut haben. Die meisten Zuschauer lassen sich auf die Erfahrung des Films ein, auf die Reise, zu der sie der Film einlädt. Manche lassen sich auch gar nicht erst auf den Film ein, was auch okay ist. Ich versuche aufrichtige Filme zu machen, die eine gewisse Persönlichkeit haben, wenn man das so sagen kann.

Die meisten scheinen den Film regelrecht zu lieben, wenn ich das so sagen kann, etwas Besonderes in ihm zu finden. Sie sprechen sehr lange über den Film, der beinahe so etwas wie eine Therapie für sie geworden ist oder einer Gruppenerfahrung, wenn sie anderen Zuschauern begegnen, die etwas Ähnliches gesehen oder erlebt haben während der Vorstellung. Darüber hinaus scheint der Film auch seinen nachhaltigen Effekt zu haben, besonders wenn man ihn am Tag sieht und nicht bei Nacht. Die Erfahrung aus dem dunklen Kino heraus ins Lichts des Tages zu gehen ist vergleichbar mit Hinausgehen aus diesen dunklen Tunneln und Schächten, die der Film zeigt.

So als würde man die Welt auf einmal mit anderen Augen sehen.

Ganz genau.

Man bekommt schon beim Ansehen des Films einen Eindruck von den Herausforderungen, die eine solche Produktion mit sich bringt. Können Sie uns etwas berichten über das Filmen von The Hidden City?

Es war sehr schwierig. Zunächst einmal haben wir fast ein Jahr nur damit verbracht, Drehgenehmigungen einzuholen bei unzähligen Ämtern und Behörden. Da wir das erste Team waren, welches dort unten filmen wollte, mussten wir immer wieder unser Projekt erklären, bis wir dann schließlich alle Genehmigungen zusammen hatten.

Dann hatten wir in etwa drei Monate Planung, während der wir festlegten, wann wir was filmen wollen. Der Untergrund Madrids ist riesig, sodass solche Entscheidungen unerlässlich waren. Eine große Hilfe waren für uns die vielen Menschen, die dort unten arbeiten, denn wir waren dort unten ganz ohne eine Karte unterwegs, nur damit beschäftigt interessante Orte für den Film zu finden.

Danach hatten wir zwei Monate Drehzeit, aber eigentlich war es weniger als das. Da viele der Tunnel, beispielsweise die U-Bahn-Tunnel am Tag in Betrieb sind, hatten wir meist nur zwei oder drei Stunden pro Tag, an denen wir filmen konnten. Das war natürlich sehr schwierig.

Neben dieses Zeitfaktors waren auch viele Drehorte problematisch zu filmen, da wir oft wenig Platz hatten, um uns zum Beispiel in einem Tunnel zu bewegen. Manchmal mussten wir viele Kilometer hintereinandergehen, mit sehr viel Equipment im Gepäck und in größtenteils totaler Dunkelheit. Aber letztlich mag ich es irgendwie, einen Film unter schwierigen Bedingungen zu drehen.

Erinnert mich spontan an die Herangehensweise eines Filmemachers wie Werner Herzog während eines Projektes wie Die Höhle der vergessenen Träume.

In gewisser Weise schon. Ich mag es, auf diese Weise Filme zu drehen. Natürlich schätze ich auch die Arbeit eines Werner Herzog sehr.

Jede Stadt hat ja einen bestimmten Charakter, der sich durch die Architektur, die Kultur und die Menschen definiert. Wie sieht es mit dem Untergrund einer Stadt aus? Kann man, Ihrer Meinung nach, etwas Ähnliches für dieses Negativ der Stadt sagen?

Ich finde schon. Für das Projekt fiel die Wahl auf Madrid, was nicht nur damit zu tun hat, dass ich dort lebe und arbeite, sondern auch mit einem wichtigen ästhetischen Faktor, denn die Stadt hat einen sehr modernen Untergrund. In den letzten 20 Jahren hat man vieles neu gebaut oder modernisiert dort unten.

Den Untergrund einer Stadt verbinden wir oft mit dessen Vergangenheit, aber diese Assoziation wollte ich durch die Wahl Madrids umgehen. Da wir, wie gesagt, auf der Suche nach einer neuen Sichtweise auf die Stadt waren, hätten diese Assoziationen gestört. Aufgrund dessen war der Untergrund Madrids perfekt für dieses Projekt, denn Aspekte wie das U-Bahn-System sind moderner, näher am 21. Jahrhundert, was in Städten wie New York nicht der Fall wäre. Da ich einen modernen Ort filmen wollten, einen der diese neue Welt dem Zuschauer eröffnen konnte, war Madrid der ideale Ort.

Zudem zeigt der Film Orte, die unerlässlich für das Funktionieren der Stadt sind. Diese Installation sind nötig für die Stadt und stellen möglicherweise eine Verbindung zu ähnlichen überall auf der Welt dar.

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

Zur Person
Victor Moreno wurde 1981 in Santa Cruz de Tenerife in Spanien geboren. In der spanischen Hauptstadt studierte Moreno Film und Philosophie an der renommierten Universidad Complutense. Schon während seines Studiums wirkte Moreno an vielen Projekten mit. Seine Dokumentarfilme wie Holidays (2010) oder Edificio España (2014) wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und auf internationalen Festivals ausgestrahlt. Darüber hinaus wurde seine Arbeit in Zeitschriften wie der Cahier du Cinema sowie im spanischen Fernsehen gezeigt.



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