Kritik

In dem großen Roman des Österreichers Robert Musil Der Mann ohne Eigenschaften geht es um einen Protagonisten, der danach strebt, ein sinnvolles Leben zu leben, sowohl in privater und beruflicher wie auch emotionaler Hinsicht. Zusammen mit vielen anderen Künstlern aller Kunstformen definierte Musil die Moderne, die, trotz ihrer etwas vagen Bezeichnung, vor allem der Frage nachging, wie man in einem Zeitalter leben kann, welches sich durch eine Zunahme der Technisierung, der internationalen Konflikte und der Urbanisierung bestimmt. Musil, wie vielen seiner Zeitgenossen, ging es dabei auf der einen Seite um eben diese Themenfelder, aber vor allem um das Individuum, oder vielmehr, was oder wer genau denn ein moderner Mensch ist.

Über ein Jahrhundert später sind die Fragen immer noch aktuell und befassen abermals viele Künstler aller Richtungen, auch wenn sich das Gesicht dieser Konflikte vielleicht etwas geändert hat. Überall auf der Welt, gerade nach der Flüchtlingskrise im Jahr 2015, fragen sich viele Menschen, wie sie leben können und wollen, eine Existenz- und Identitätsfrage, deren Beantwortung noch lange nicht abgeschlossen ist. Eben jene Fragen stehen auch im Kurzfilm der Regisseurin Siwei Li, die seit nunmehr drei Jahren in Deutschland lebt und ihre Erfahrungen in Die Frau ohne Eigenschaften mit einfließen ließ. Der Kurzfilm, der auf dem diesjährigen Filmfestival Max Ophüls seine Uraufführung erfährt, versteht sich weniger als eine Chronik, sondern ist, wie im Programm des Festivals beschrieben, mehr eine Art filmischer Essay über Identität, der Diskrepanz zwischen öffentlichem und privatem Leben sowie der Umgang mit der Fremde.

Am liebsten zu Starbucks

Innerhalb der knapp elf Minuten des Filmes orientiert sich Li an einer Reihe von Stichpunkten oder Momenten, welche auf einen größeren Gesamtkontext verweisen. So beschreibt sie von ihrer Erfahrung mit Aspekten wie dem Einkaufen oder dem Gang in ein Café, was gleichzeitig zu einer Kollektiverfahrung wird, erfährt sie doch, wie dies von vielen anderen Menschen, die nach Deutschland einwanderten, geteilt wird. Der Supermarkt oder der Gang zum Wochenmarkt wird zu einem Austausch, nicht nur von Waren, sondern mit anderen Menschen, einer Erfahrung der Geselligkeit, wohingegen der Besuch eines Cafés als eher unangenehm wahrgenommen wird. Lieber gehe sie zu Starbucks, sagt Li im Voice-Over, gibt die Konformität eines Franchise-Unternehmens und sein fehlender Bezug zu jeglicher Kultur einen gewissen Komfort.

Nicht immer überraschen die Gedanken und Schlüsse, zu denen Li kommt, doch hat sie auch viel Überraschendes zu sagen. Die Bilder in Kombination mit ihrer Erzählstimme beschreiben jenes Schwanken zwischen einem Ankommen in diesem Land und der Gefahr des Abgewiesen Werdens, was sich in Zeiten der Corona-Epidemie noch verstärkt. Interessant und bis zu einem gewissen Teil auch sehr bitter wird es, wenn es gerade um diesen negativen Erfahrungen geht und wie Lis Umfeld auf diesen Erfahrungen reagiert. Mangelnden Empfindlichkeit beweisen die Grenzen des Einfühlungsvermögens, betonen aber gleichermaßen, wie schnell sich das Bild der Fremde ändern kann, was sich in der Ästhetik des Filmes ebenfalls niederschlägt.

Credits

OT: „Die Frau ohne Eigenschaften“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Siwei Li
Drehbuch: Siwei Li
Musik: Tingting Pang
Kamera: Siwei Li, Moritz Reitmann
Besetzung: Siwei Li



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Die Frau ohne Eigenschaften
„Die Frau ohne Eigenschaften“ ist ein sehr interessanter Kurzfilm über die Erfahrung von Fremde, über Identitäts- und Lebensfragen. Siwei Li gelingt in ihrem ersten Film ein überaus gedankenreicher Essay, bei dem vielleicht nicht alles neu ist, aber die Persönlichkeit und die Qualität der Erfahrungen wie auch der Bilder überzeugt.
6von 10

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