Kritik

Eine junge Frau macht sich auf den Weg nach Krakau, um dort ein paar Freunde zu besuchen. Es sollen unbeschwerte Tage in der polnischen Stadt werden und als man sich in dem Gemeinschaftszimmer in der Jugendherberge trifft, deutet alles darauf hin, dass schon am ersten Abend lange und ausgiebig gefeiert wird. Wenig später geht es auch schon ins Nachtleben und in einer der vielen Kneipen der Stadt wird weiter getrunken und gequatscht über die Liebe, vor allem aber das Leben und was danach kommt, wozu die Frau eine ziemlich feste Meinung hat. Ein Fremder, gekleidet in einen dunklen Kapuzenpulli spricht sie daraufhin an und es entwickelt sich eine lange Unterhaltung, es wird viel getrunken und gelacht und schließlich merkt die Frau, dass sie etwas für den Mann, den sie gerade erst ein paar Stunden kennt, empfindet. Als es dann weitergeht, erfährt sie, dass der Mann schon in wenigen Stunden den Flieger zurück in seine Heimat nehmen muss. Den beiden bleiben also nur ein paar Momente, um ihre Zweisamkeit auszukosten und nach einem kurzen Zögern beschließt die Frau, dass Hier und Jetzt mit diesem Mann zu nutzen und beide machen sich auf in die Nacht.

Interessantes Arrangement
Für ihre zweite Comic-Novelle The Right Here Right Now Thing wurde Paulina Stulin mit dem ICOM Independent Comic Preis 2015 in der Kategorie „Herausragendes Szenario“ ausgezeichnet. Wie bereits in ihrem ersten Comic Mindestens eine Sekunde bildet die Stadt Krakau den Hintergrund für eine Geschichte um die großen Themen des Lebens, in der viel philosophiert, geliebt und auch gefeiert wird. Vor allem sind es Intensität und das Zeitempfinden, welche The Right Here Right Now Thing eine Dringlichkeit gibt, nach der die Figuren Momente auskosten wollen, bevor diese verstreichen.

Augenscheinlich erscheinen die Momente, über die Stulin erzählt, banal zu sein, irrlichternde Momente im Leben ihrer Protagonistin, die zwar vieles in ihrem Leben arrangiert hat, aber irgendwie sich noch nicht so ganz festgelegt hat. In gewisser Weise gleicht eine solche Figur den Charakteren der deutschen Autorin Judith Hermann (Sommerhaus, später) in ihrer Feierlaune, aber auch ihrer Art, sich nicht festlegen zu wollen. Im Gegensatz aber zu diesen, entscheidet sich die Figur in The Right Here Right Now Moment für eben diesen einen Moment, nutzt diesen und erfährt, zumindest für eine Weile, ein hohes Maß an Intensität im Leben, was man auf ästhetischer Ebene an den starken Farben sieht sowie alleine am Ausmaß an Erfahrungen, welche sie innerhalb weniger Stunden sammelt.

Langweiliges streichen
Ähnlich den Before-Filmen eine Richard Linklater ist das Wissen um die geringe Zeit, die einem bleibt, Antriebsmotor für eine Akkumulation an Erfahrungen. Das Nachhinein, das Sinnieren über die Bedeutung dieser Momente kann später folgen, in Freude oder Reue münden, es zählt die Begegnung und das Auskosten der Zeit, die ohnehin viel zu schnell verstreicht für die Akteure in den Geschichten die Stulin erzählt. Das Prinzip, das man die Erlebnisse eines Lebens interessant arrangiert und alles Langweilige streicht, wie es die namenlose Protagonistin an einer Stelle beschreibt, gilt als Lebensmotto und in gewisser Weise als ein Gestaltungsprinzip der Geschichten, in denen die Figuren nach jener Intensität dürsten und sie nicht mehr loslassen wollen, auch wenn der Moment flüchtig zu sein scheint.

Credits

OT: „The Right Here Right Now Thing“
Land: Deutschland
Jahr: 2014
Text: Paulina Stutlin
Zeichnung: Paulina Stulin



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The Right Here Right Now Thing
„The Right Here Right Now Thing“ von Paulina Stulin ist eine kurzweilige Comic-Novelle über intensives Leben und Momente, und die Bereitschaft, diese zu nutzen. Das Erleben und die Zeit bilden wichtige Aspekte dieses Comics, der durch seine Unbeschwertheit und seine aus dem Leben gegriffenen Figuren überzeugt.
4.0Gesamtwertung

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