Kritik

Der Alte und die Nervensäge

„Der Alte und die Nervensäge“ // Deutschland-Start: 11. Dezember 2020 (Das Erste)

Wilhelm Schürmann (Jürgen Prochnow) steht kurz vor seinem 75. Geburtstag, Grund zum Feiern hat er aber keinen. Denn so langsam macht sich sein Alter bemerkbar, alle nerven sie ihn mit irgendwelchen Regeln, die er einhalten soll. Als seine Tochter Bettina (Katja Studt) ihm auch noch das Autofahren verbieten will und er zu ihr ziehen soll, reicht es ihm endgültig. Nichts wie weg! Dabei läuft ihm der 16-jährige Ausreißer Felix (Marinus Hohmann) über den Weg, der ebenfalls genug von seiner Familie hat. Eher widerwillig lässt sich Schürmann darauf ein, den Teenager in seinem geliebten Camping-Oldtimerbus mitzunehmen. Gleichzeitig machen sich dessen alleinerziehende Mutter Ines (Karolina Lodyga) und Wilhelms Sohn Martin (David Rott) auf die Suche nach den Flüchtenden …

Hauptsache unterwegs!
Der Weg ist das Ziel: Bei Roadmovies kommt es relativ selten darauf an, wohin die Protagonisten und Protagonistinnen unterwegs sind. Der Endpunkt ist meistens nur der Anlass dafür, dass sich die Figuren näherkommen und dabei das eine oder andere Abenteuer erleben. Der Alte und die Nervensäge ist da nicht wirklich anders. Zwar wird hier anfangs erwähnt, welchen Ort Wilhelm aufsuchen will. Aber das geschieht so beiläufig, dass man es schon wieder vergessen hat, wenn man dort am Ende der anderthalb Stunden ankommt. Wichtiger ist in dem Zusammenhang schon, woher die zwei kommen. Der Film ist weniger eine Reise als vielmehr eine Flucht, die zwei wollen in erster Linie etwas hinter sich lassen.

Dabei handelt es sich grob gesagt um die Familie, mit der beide so ihre Schwierigkeiten haben, vor allem mit der Bevormundung durch dieselbe: Wilhelm und Felix werden jeweils vor vollendete Tatsachen gestellt, ohne eine eigene Meinung vertreten zu dürfen – worauf sie verständlicherweise wenig Lust haben. Diese im Grundsatz ähnliche Erfahrung ist es dann auch, die beide anfangs zusammenführt und die mit der obligatorischen Annäherung endet. Der Alte und die Nervensäge macht aus den zweien zunächst eine Zweckgemeinschaft und Komplizen, später darf es mehr werden, wenn dann nach all dem Trubel doch noch Zuneigung und Gefühle entstehen.

Das hat man in dieser oder ähnlicher Form natürlich schon häufig gesehen. Drehbuchautorin Nadine Schweigardt, die hiermit ihr Debüt abliefert, scheut das Risiko, irgendwo anecken zu wollen, das Publikum zu fordern oder zumindest zu überraschen. Anders als das ebenfalls austauschbare Pohlmann und die Zeit der Wünsche, welches eine Woche zuvor auf dem Sendeplatz Endlich Freitag im Ersten lief, kann sich Der Alte und die Nervensäge aber schon sehen lassen. Der Film ist in emotionaler Hinsicht zurückhaltender und damit glaubwürdiger, man nimmt den beiden Figuren wenigstens ab, dass sie sich aufgrund der Erfahrungen tatsächlich mögen. Er ist vor allem deutlich unterhaltsamer.

Der übliche Spaß
In erster Linie ist das Jürgen Prochnow (Leanders letzte Reise, Das Boot) zu verdanken, der als knochiger, überaus renitenter Opa natürlich auch die dankbarste Rolle hat. Sein Wilhelm darf anfangs jeden anmotzen, der das Pech hat, ihm über den Weg zu laufen, der Schauspielveteran mimt an diesen Stellen mit sichtlichem Vergnügen den Kotzbrocken, der schon so viel erlebt hat, dass er keinen Anlass sieht, es anderen irgendwie recht machen zu müssen. Sowas funktioniert immer gut, Der Alte und die Nervensäge ist da keine Ausnahme. Nachwuchsschauspieler Marinus Hohmann (Als Hitler das rosa Kaninchen stahl) hat da in einem direkten Duell natürlich keine faire Chance, schlägt sich aber achtbar genug, um nicht einfach von seinem berühmten Kollegen aus dem Film geschubst zu werden.

Das Zwischenmenschliche funktioniert da, der Film geht auch ein wenig zu Herzen, ohne dabei gleich so aufdringlich und manipulativ werden zu müssen, wie man es bei TV-Produktionen oft erleben muss. Dennoch wäre da natürlich deutlich mehr drin gewesen. Der Alte und die Nervensäge investiert kaum etwas in die Figuren, die Witze sind alle irgendwie schon mal da gewesen. Es ist nicht einmal so, dass die zwei in irgendwelche überraschenden Situationen geraten, was ebenfalls oft ein wichtiger Bestandteil solcher Roadmovies ist. Dadurch ist die Komödie zwar einerseits charmant und geeignete Freitagabendunterhaltung zum Abschalten. Trotz des markanten Gesichts von Prochnow fehlen dem Film aber die Konturen, an die man sich im Anschluss erinnern würde oder müsste.

Credits

OT: „Der Alte und die Nervensäge“
AT: „Opa hat die Schnauze voll“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Uljana Havemann
Drehbuch: Nadine Schweigardt
Musik: Dirk Leupolz
Kamera: Mathias Prause
Besetzung: Jürgen Prochnow, Marinus Hohmann, David Rott, Karolina Lodyga, Katja Studt, Christian Erdmann

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Der Alte und die Nervensäge
Ein motziger Rentner und ein rebellischer Teenager haben beide die Schnauze voll von ihrer Familie und hauen deshalb gemeinsam mit dem Campingbus an. „Der Alte und die Nervensäge“ nimmt die üblichen Versatzstücke einer Roadmovie-Komödie und vermeidet es, irgendwo mal einen neuen Weg einschlagen zu wollen. Das Ergebnis ist wenig spannend, teilweise aber zumindest unterhaltsam, was vor allem an Jürgen Prochnow als renitentem Opa liegt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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