Kritik

„The Apartment – Willkommen im Alptraum“ // Deutschland-Start: 15. Oktober 2020 (DVD/Blu-ray)

Für Sarah (Nicole Brydon Bloom) scheint ein Traum wahr geworden zu sein: Sie darf tatsächlich die Wohnung in der schicken Anlage beziehen! Sicher, dass sie keine Haustiere mitnehmen darf, ist weniger schön, da sie ihren Kater nun heimlich hinein schmuggeln muss. Ansonsten gibt es aber keinen Grund zur Klage. Die Anlage ist schick und gemütlich, die Bewohner und Bewohnerinnen sind ausgesprochen nett, empfangen sie mit offenen Armen. Nur die eigenartigen Geräusche, die sie jede Nacht hört und die aus den Rohren zu kommen scheinen, verunsichern sie. Was hat es mit denen auf sich? Und warum scheint außer ihr niemand diese zu hören? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Doch sie fällt ganz anders aus als gedacht …

Eine (zu) perfekte Wohnanlage
Wenn in Filmen etwas den Anschein hat, es sei zu schön, um wahr zu sein, dann wird diese Vermutung – abgesehen von den Hochglanz-Liebeskomödien – bald auch bestätigt. Selbst wer bei The Apartment – Willkommen im Alptraum den Titel noch nicht als Warnung auffasst, der wird spätestens nach ein paar Minuten misstrauisch. Die Anlage ist so makellos, so schick und ordentlich zurecht gemacht, dass man schon aus Prinzip das Schlimmste erwartet. Es dauert dann auch nicht lange, bis die ersten Makel sichtbar bzw. hörbar werden, als diese eigenartigen Geräusche Sarah die Nachtruhe rauben. Und dann wäre da noch das Gefühl, dass da jemand oder etwas ist, der die junge Frau belauert, welches für einen leicht erhöhten Puls sorgt.

Etwas überraschend ist The Apartment – Willkommen im Alptraum aber weder klassischer Haunted House Horror, was bei einem Setting in den Hollywood Hills reizvoll gewesen wäre, noch handelt es sich um einen Paranoia-Thriller. Stattdessen hat Regisseur und Drehbuchautor David Marmor einen Abgrund geschaffen, der von einer sehr irdischen Natur ist – doch nicht weniger schrecklich. Diese Wendung kommt tatsächlich überraschend, steht dabei aber nicht im Mittelpunkt seines Films. Dafür geschieht diese viel zu früh. Wichtiger ist ihm vielmehr, die Reaktionen von Sarah zu zeigen und dabei etwas ganz Grundsätzliches über die Menschen und ihr Verhältnis untereinander zu sagen.

Zwischen Gemeinschaft und Einsamkeit
Wenn die Figuren zu Beginn nicht mehr sind als oberflächliche Stereotype, dann ist das ausnahmsweise mal nicht unbedingt ein durch mangelndes Schreibtalent verursachtes Manko. Vielmehr geht es Marmor darum, die Austauschbarkeit der Menschen zu veranschaulichen und wie schnell diese in bestimmte Rollen gezwungen werden können. Aber auch der Gegensatz des Individuellen und des Gemeinschaftlichen wird thematisiert. Wenn The Apartment – Willkommen im Alptraum auf dem Cover mit Midsommar vergleichen wird, dann ist das qualitativ zwar gewagt. Inhaltlich gibt es aber tatsächlich Gemeinsamkeiten zwischen dem gefeierten Horrorwerk und diesem Titel hier.

Gemeinsam ist beiden beispielsweise, dass sie eher über die Atmosphäre arbeiten als über die Handlung. Das soll nicht bedeuten, dass in The Apartment – Willkommen im Alptraum nichts geschieht. Das tut es durchaus, eine Zeit lang ist der Film sogar überraschend brutal. Aber diese Phase ist eher kurz. Und während man Marmor durchaus anrechnen muss, dass er sich auf diesen Elementen nicht ausruht, es fehlt im Anschluss dann doch etwas. Worauf das Ganze hinauslaufen wird, ist zu dem Zeitpunkt klar. Statt wirklicher Spannung ist dann erst einmal Warten angesagt, wenn die Szenen in geringer Variation wiederholt werden. Nur selten kommt es dann noch zu den im Titel versprochenen Alptraummomenten, etwa beim Schicksal einer älteren Mitbewohnerin.

Hinzu kommt, dass der Film weder bei den schauspielerischen Leistungen noch der visuellen Inszenierung Nennenswertes leistet. Das Potenzial der Surrealität, welches bei der Wohnanlage so offensichtlich ist, wird nur ungenügend genutzt. Insgesamt reicht es bei The Apartment – Willkommen im Alptraum deshalb nur fürs Mittelfeld. Immerhin: Marmor zeigt bei seinem Spielfilmdebut, dass er interessante Geschichten zu erzählen hat und das Genreumfeld auch mal anders zu nutzen gewillt ist. Er zeigt uns eine Welt, die vertraut und fremd in einem ist, die von Einsamkeit und Entfremdung geprägt ist, von der Sehnsucht, einen Platz zu finden. Eine Welt, die so einladend und warm erscheint, bei der am Ende aber alles anders ist, als es nach außen hin den Anschein hat.

Credits

OT: „1BR“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: David Marmor
Drehbuch: David Marmor
Musik: Ronen Landa
Kamera: David Bolen
Besetzung: Nicole Brydon Bloom, Giles Matthey, Taylor Nichols, Naomi Grossman

Bilder

Trailer

Filmfeste

Fantasia Film Festival 2019

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

The Apartment – Willkommen im Alptraum
„The Apartment – Willkommen im Alptraum“ beginnt damit, dass eine junge Frau in eine schöne Wohnanlage zieht, dort aber feststellt, dass vieles nicht so ist wie gedacht. Der Film erzählt dabei eine interessante Geschichte, die deutlich relevanter ist, als es anfangs den Anschein hat. Bei der Umsetzung hapert es aber zuweilen, es entsteht keine wirkliche Spannung.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort