Kritik

Srbenka

„Srbenka“ // Deutschland-Start: 29. Oktober 2020 (Kino)

In Kriegen ist es oft nicht ganz leicht festzulegen, wer Täter und wer Opfer ist, ob es eine gute und eine schlechte Seite gibt. Ein Beispiel hierfür ist Aleksandra Zec. Als Kroaten und Serben 1991 in den Krieg zogen, wurde dabei auch das in Kroatien lebende serbische Mädchen und dessen Eltern ermordet. Die Täter wurden zwar geschnappt, aber nie verurteilt. Bis heute ist das mit Kontroversen verbunden, eine Auseinandersetzung mit dem Verbrechen ist in Kroatien schwierig, die sich als Ziel serbischer Gewalt im Recht sahen. Der Tod der Familie sei zwar eine Tragödie, aber kein Grund, die Täter zu kriminalisieren – so zumindest die Ansicht in nationalistischen Kreisen, die schon die Idee einer Diskussion als eine Zumutung empfinden.

Ein Tod über die Geburt hinaus
Oliver Frljić ist einer derjenigen, die sich dennoch an eine Diskussion wagen. Genauer inszenierte er ein Theaterstück zu dem Thema, das sich mit dieser traurigen Vergangenheit beschäftigt. Dabei ist es nicht allein diese Vergangenheit, die ihn umtreibt, sondern die Frage nach den Folgen der damaligen Taten. Viele der Schauspieler und Schauspielerinnen seines Werkes sind zu jung, um die damaligen Ereignisse miterlebt zu haben. Und doch sind diese noch immer zu spüren, in dem schwierigen Verhältnis zwischen Kroaten und Serben. An einer Stelle in Srbenka erzählt ein Mädchen, das erst 2001 geboren wurde, wie sie in der Schule ihre serbische Herkunft verschweigt, aus Angst vor der Reaktion.

Allgemein geht es in dem Dokumentarfilm, der den Entstehungsprozess des Stückes begleitet, oft um Vorurteile und Bilder, die man voneinander hat. Frljić zwingt dabei nicht nur das Publikum dazu, über diese Vorurteile nachzudenken. Auch dem Ensemble wird einiges abverlangt. Eine Szene zeigt, wie die Schauspieler und Schauspielerinnen in die Rolle derjenigen schlüpfen sollen, die Kritik an eben dieser Auseinandersetzung üben. Und eine davon redet sich dabei dermaßen in Rage, dass man als Zuschauer auf einmal ganz steif vor Schreck wird. Einer ihrer Kollegen ist anschließend so mitgenommen, dass er erst einmal aussteigt – er sei noch nicht so weit.

Hört mich an, ich schreie!
Überhaupt: Srbenka ist ein lauter Film. Als wolle Regisseur Nebojsa Slijepcevic beweisen, wie emotionsgeladen das Thema ist, hat er auffallend viele Szenen genommen, in denen wild herumgeschrien wird. Dabei sieht man nicht immer wie im obigen Fall, wer das gerade ist. Manchmal wird einem auch nicht klar, in welchem Kontext das gerade geschieht. Aber auch so führt das zu einer regelmäßigen Anspannung und einer leicht traumatisierenden Erfahrung. Selbst wer nicht aus einem der beiden Länder kommt, vielleicht bislang auch keinen Zugang zu dem Thema hatte, spürt doch, mit welchen Emotionen das alles verbunden ist. Emotionen, bei denen bald auch schon nicht mehr ganz klar ist, wie viel davon gespielt, wie viel gefühlt ist – und ob es überhaupt einen Unterschied macht.

Dann und wann baut Slijepcevic ein paar Texttafeln ein, damit Außenstehende wenigstens eine Ahnung davon haben, worum es in dem Inferno eigentlich geht. Aber dabei bleibt er sparsam. Experten zur Historie oder dem Verhältnis kommen ohnehin nicht zu Wort. Stattdessen bleibt er nahe bei dem Theaterstück, zeigt Kunst als wichtiges Mittel, um sich dem Unausgesprochenen zu nähern, vielleicht auch als eine Art Selbsttherapie. Das ist als Erfahrung sehr spannend, zwischen Anregung und Zumutung, lässt einen im Anschluss etwas hilflos und ausgelaugt zurück, während die Schatten der Vergangenheit langsam vorüberziehen.

Credits

OT: „Srbenka“
Land: Kroatien
Jahr: 2018
Regie: Nebojsa Slijepcevic
Drehbuch: Nebojsa Slijepcevic
Kamera: Nebojsa Slijepcevic

Bilder

Trailer

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Dok Leipzig 2018

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Srbenka
„Srbenka“ verfolgt die Entstehung eines Theaterstücks, das sich eines kontroversen Themas im kroatisch-serbischen Konflikt annimmt. Das ist spannend, aber auch schmerzhaft, eine emotionale Tour de force, bei der die Schauspieler und Schauspielerinnen alles geben und sich dabei der Schatten der Vergangenheit bewusst werden, die selbst auf denen liegen, die eigentlich zu jung dafür sind.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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