In seinem vierten Spielfilm Careless Crime, der dieses Jahr im Orrizonti-Wettbewerb in Venedig vertreten war, erzählt Shahram Mokri eine Geschichte, die auf einer wahren Tragödie, einem Anschlag auf ein Kino im Iran aus den 70er Jahren, basiert. Im Interview erzählt uns der iranische Regisseur mehr über den Hintergrund seines Films, dessen Erzählstil und über seine Zusammenarbeit mit der Besetzung von Careless Crime.

Dein Film basiert auf einem Ereignis aus den 70ern, welches sich in deiner Heimat abspielte. Kannst du uns etwas über dieses Ereignis erzählen und warum es für Careless Crime relevant ist?
Das ist eine Geschichte, die für mein Land sehr wichtig ist, besonders für die Filmkunst im Iran. Wenn man Filmliebhaber ist oder in der Filmindustrie arbeitet, hat man bestimmt schon einmal von der Tragödie des Cinema Rex gehört, einem Kino, welches von Gegnern des Schah in Brand gesetzt wurde, was viele Menschen das Leben kostete.

Als ich vor ein paar Jahren wieder über dieses Ereignis nachdachte, kam ich auf die Idee, dies könnte ein interessantes Licht auf den Iran und dessen Gesellschaft heute werfen. Indem ich die Geschichte dann in die Gegenwart verlegte, wollte ich der Frage nachgehen, ob diese Charaktere und diese Folge von Ereignissen auch heute noch vorkommen könnten.

Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich über die Verbindung von Geschichte und Zeit nachdenke. Diese Gedanken wollte ich in Careless Crime verarbeiten, den man auf der einen Seite als eine Art Nacherzählung der Ereignisse rund um das Cinema Rex und die Brandstiftung sehen kann, aber dann auch als ein Nachdenken über den Iran heute.

Hat das, was du gerade erklärt hast, auch damit zu tun, dass Careless Crime eigentlich, wie du in deinem Regiestatement sagst, ein Film über das Kino ist und weniger einer über die Ereignisse, auf denen er basiert?
Wenn man sich auf meinen Film einlässt, wird man sich insgesamt viermal in einem Film in einem anderen Film wiederfinden. Das erste Mal passiert dies, wenn Faraj zu Anfang das Filmmuseum besucht und sich den Stummfilm dort ansieht, der eigentlich eine filmische Nacherzählung der Tragödie des Cinema Rex ist. Schon da wird die Bedeutung dieses Ereignisses für das Kino an sich deutlich. Später sieht man einige Szenen eines sehr bekannten iranischen Films mit vielen großen Stars, der auch in gewisser Weise dieses Ereignis reflektiert.

Schlussendlich ist da auch noch Careless Crime, was auch der Titelt des Films ist, den die Figuren im Film im Kino sehen wollen und der einen Geschichte über drei Soldaten erzählt, die in der Wüste wegen einer Autopanne nicht weiter können. Sobald die Kamera gewisse Punkte oder immer wiederkehrende Symbole in der Geschichte zeigt, welche diese Ebenen miteinander verbinden, wie den Hirsch, merken wir schnell, dass die Geschichte, die des Films und die wirkliche, sich verändert. Das ist immer ein Hinweis darauf, dass wir auf die Vergangenheit aus der Perspektive des Kinos schauen.

Generell ist die Vermischung verschiedener narrativer Ebenen was Careless Crime sehr interessant gemacht. War dieser Weg für dich die logische Herangehensweise bei diesem Projekt oder hat sich dieser Weg erst mit der Zeit ergeben?
Um ehrlich zu sein, ich denke, es ist der beste Weg oder zumindest der einzig möglich, um diese Geschichte zu erzählen, gerade, wenn es darum geht, die Verbindung von Zeit und Geschichte zu eruieren wie es in Careless Crime stattfindet. Bereits in meinen vorherigen Arbeiten habe ich diese Verbindung versucht zu erforschen und wollte dies mit meinem vierten Spielfilm fortsetzen.

Nur um es klarzustellen, dies war eine künstlerische Entscheidung und hatte nichts damit zu tun, dass ich den iranischen Zensoren aus dem Weg gehen wollte.

Dennoch ist Careless Crime, wie du gerade eben noch einmal betontest, ein Spiegel des heutigen Irans und seiner Gesellschaft. Kannst du das etwas genauer erklären?
Es geht mir nicht nur um den Iran, sondern um eine kollektive Erfahrung des gesamten Mittleren Ostens, denn viele Länder blicken in ihrer Geschichte auf ähnliche Tragödien wie die des Cinema Rex zurück. Die Polizei ließ in einer Stellungnahme nach dem Ereignis mitteilen, dass dieses ein Teil eines großen Plans war und noch mehr Anschläge geplant waren, was sehr widersprüchlich ist zu den bekannten Fakten. Befasst man sich mit dem Fall genauer, sieht man, wie viel alleine auf Zufall basiert, beispielsweise, dass die Türen des Kinos nicht funktionierten oder blockiert waren. Es gab also keinen Plan.

Anstatt einer genauen Untersuchung uferte die Diskussion um den Fall aus in der einer medialen Schlammschlacht, bei der sich jede Institution in einem guten Licht zeigen wollte und eine andere dafür diskreditieren wollte. Dies ist so typisch für vieles, was damals und jetzt auch wieder in vielen Ländern des Mittleren Ostens abläuft.

Es ist so wie mit den drei Soldaten in Careless Crime, die in der Wüste eine Fliegerbombe finden. Anstatt sich um diese potenzielle Gefahr zu kümmern, verlieren sie sich und streiten sich letztlich um Detailfragen. Da große Ganze erschließt sich ihnen nicht.

Kannst du uns noch etwas zur Besetzung deines Films sagen? Gerade Schauspieler wie Razieh Mansouri und Mohammed Sareban fand ich persönlich toll in ihren Rollen.
Danke, das bedeutet mir viel. Careless Crime ist Mohammeds zweiter Film, er hat auch schon einmal in einem Kurzfilm mitgespielt, aber das ist schon eine Weile her und es war nur eine kleine Rolle. In Careless Crime ist er ein essenzieller Teil der Besetzung, was für ihn eine ganz neue Erfahrung war. Übrigens mag Mohammed im Kino noch kein Star sein, aber in der iranischen Theaterwelt ist er einer der bekanntesten und gefragtesten Darsteller.

Bei Razieh war es ähnlich, denn auch sie hatte nur in einer kleinen Rolle in einem Kurzfilm mitgespielt, bevor sie für Careless Crime zusagte.

Eine Sache, die auch in Careless Crime am Rande angesprochen wird, ist, dass man im Kino meiner Heimat immer dieselben Gesichter, immer dieselben Stars sieht. Viele der Produktionen aus dem Iran sehen deswegen nicht nur ähnlich aus, sondern hören sich daher auch ähnlich an. Mir ist es immer wichtig, neue Talente, vor und hinter der Kamera, zu unterstützen, weshalb man in meinen Filmen immer wieder neue Gesichter und Talente entdecken kann. Manche von ihnen haben schon etwas Filmerfahrung und manche, wie Mohammed, kommen vor allem aus der Welt des Theaters.

Was kannst du uns zu neuen Projekten sagen, an denen du gerade arbeitest?
Nasim Ahamadpour, mit dem ich an dem Drehbuch zu Careless Crime gearbeitet habe, und ich arbeiten gerade an einem Projekt, einer Geschichte über eine Gruppe alter Männer, die campen geht. Da im Iran kulturelle Projekte immer unsichere Investitionen sind und die Lage durch die Pandemie noch verschlimmert wird, ist noch unklar, wann wir mit dem Filmen beginnen können. Sobald diese Krise überwunden ist, werden wir alles daransetzen, das Projekt weiter zu verfolgen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Shahram Mokri

Zur Person
Shahram Mokri wurde 1978 in Kermanshah, Iran geboren. Nachdem er das Soureh College in Teheran absolviert hatte, stürzte er sich in die Arbeit beim Film und Fernsehen, drehte bis heute acht TV-Dramen, zwei TV-Serien und führte bei über 20 Kurzfilmen Regie. Für seinen zweiten Spielfilm Fish & Cat wurde er auf den 70. Filmfestspielen in Venedig mit dem prestigeträchtigen Orrizonti-Preis geehrt.



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Shahram Mokri [Interview]
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