Die Dokumentation Time, die seit 16. Oktober 2020 auf Amazon Prime Video verfügbar ist, stellt uns ein Ehepaar vor, das eine Bank ausrauben wollte. Während die Ehefrau nach einigen Jahren wieder aus dem Gefängnis entlassen wurde, wurde ihr Mann zu 60 Jahren verurteilt, ohne Möglichkeit auf Begnadigung. Regisseurin Garrett Bradley, die beim Sundance Film Festival 2020 dafür den Preis der besten Regie erhielt, zeigt in dem Film, wie Fox Richardson um die Freilassung von Robert kämpft, kombiniert dies mit zahlreichen Privataufnahmen, die während der Jahre der Abwesenheit gedreht wurden. Wir haben mit der Filmemacherin über ihr Werk gesprochen, aber auch darüber, was in den USA beim Thema Gefängnis und Gesetz schief läuft.

In deiner Dokumentation Time erzählst von dem Ehepaar Richardson, das für einen Banküberfall hart bestraft wurde. Wann und wie hast du von diesem Fall erfahren?
Ich habe einen Kurzfilm namens Alone gedreht, eine 13-minütige Dokumentation. Mit dieser hatte ich vor, eine Reihe generationenübergreifender Gespräche zwischen Frauen festzuhalten, die in der Situationen waren, dass Partner oder Familie im Gefängnis sind. Der Film sollte ihnen die Möglichkeit geben, sich auszutauschen und zu vernetzen. Während der Vorbereitung und Ausarbeitung des Konzepts kontaktierte ich eine Organisation namens FFLIC. Gina Womack, die diese Organisation mitbegründet hat und leitet, hat mich daraufhin an Fox Rich weiterverwiesen. Fox ist in den letzten Sekunden dieses Kurzfilms zu sehen. Während des Drehs habe ich sie näher kennengelernt und fühlte, dass es wichtig ist, diese Unterhaltung über Haft in den USA noch weiter auszubauen.

Was macht dieses Thema so wichtig?
Es ist wichtig, weil es so viele Menschen in den USA betrifft. Wir merken das nur nicht, weil es dabei um Macht geht und um Geld. Wir sollen es auch nicht merken: Es ist nach wie vor schwierig, in Gefängnisse zu gehen und die Zustände zu dokumentieren. Bei dem Thema wird sehr viel verschleiert. Beispielsweise sind derzeit offiziell 2,3 Millionen Menschen in den USA inhaftiert. Doch diese Zahl muss noch verdoppelt oder sogar verdreifacht werden, wenn man die Menschen hinzuzählt, die außerhalb des Gefängnis ihre Strafe verbüßen. Die meisten von uns sind also in der einen oder anderen Form von dem Thema betroffen, und sei es als Angehörige. Deshalb müssen wir dieses Thema ansprechen, wenn wir eine gerechte und transparente Gesellschaft sein sollen. Eine bessere Gesellschaft sein wollen, als es im Moment der Fall ist.

Was genau muss im Hinblick auf Gefängnisse und das Justizsystem geändert werden? Was stimmt dabei nicht?
Als die Europäer nach Amerika kamen, um die sogenannte neue Welt zu gründen, führte das zu einem Genozid an den Menschen, die bereits dort lebten. Zusätzlich brachten sie Menschen aus Afrika mit sich, die sie dort versklavten und zur Arbeit zwangen, weil sie anders nicht ihren Reichtum hätten anhäufen können. Sie wussten nicht, wie sie das auf eine gerechte und faire Weise hätten erreichen können. Als die Sklaverei abgeschafft wurde, trat an ihre Stelle das Gefängnissystem. Was wir heute erleben, ist die Fortsetzung industrialisierter Sklavenarbeit, basierend auf Gesetzen. Das System ist also dasselbe geblieben, es sieht jetzt nur anders aus.

Dass sich etwas ändern muss, wurde in den letzten Jahren oft gesagt. Ein Bewusstsein hat sich also schon für die Problematik entwickelt. Hat sich aber auch was getan? Gibt es Fortschritte in der Hinsicht?
Es stimmt schon, dass sich das zu einem breit diskutierten Thema entwickelt hat. Aber da muss noch sehr viel mehr getan werden im Hinblick auf die bestehenden Gesetze und wie sich Menschen innerhalb dieses Systems bewegen können, wie sie innerhalb der Gefängnisse behandelt werden, wie sie trotz allem ihre Menschlichkeit bewahren können und wie sie ihre Beziehungen zu den geliebten Menschen daheim aufrecht erhalten können. All das muss dringend reformiert werden. Aber das Thema fängt nicht erst in den Gefängnissen an, sondern schon vorher bei der lokalen Politik, den Gesetzen und der Polizei. Bisher ist da konkret noch viel zu wenig geschehen. Was mich aber hoffnungsvoll stimmt, ist dass jetzt zumindest darüber gesprochen wird.

In den USA kommt noch hinzu, dass die Gesetze nicht unbedingt auf Bundesebene beschlossen werden, sondern Sache der einzelnen Staaten sind.
Absolut. Das ist sogar eine der größten Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben.

Du hättest aus dem Thema eine reguläre Dokumentation machen können über das Gefängnis- und Rechtssystem der USA. Stattdessen sind in Time aber sehr viele persönliche Aufnahmen der Familie Richardson, die das private Leben schildern. Weshalb hast du dich für diese Herangehensweise entschieden?
Du hast recht, es hätte viele Möglichkeiten gegeben, mich diesem Thema zu nähern. Eine wäre gewesen, dass ich mich stärker auf die historische Komponente beziehe, die ich vorhin angesprochen habe, und mit Zahlen und Statistiken arbeite. Mich als Filmemacherin interessiert aber vor allem, wie wir solche Themen und einem menschlichen Gesichtspunkt betrachten können, aus einer persönlichen und emotionalen Perspektive. Das kann man durchaus mit diesen Statistiken und Zahlen kombinieren, um auf diese Weise die Dringlichkeit des Themas aufzuzeigen. Die Familienvideos brachten für mich eine Menschlichkeit hinein, die ich selbst als Filmemacherin nie hätte anbieten können. Die ganze Vorgeschichte, wie Fox und die anderen die werden, die sie heute sind, und die Entwicklung im Laufe der Zeit führen dazu, dass man die Familie als Gesamtes kennenlernt.

Time zeigt durch diese Videos auch, was es für die Kinder bedeutet, ohne einen Vater aufzuwachsen. Sollte ein solcher Faktor bei der Rechtsprechung berücksichtigt werden?
Jeder Mensch, der eine ungerechte Strafe erhält, hat jemanden in seinem Leben, der von ihm abhängig ist. Das können Kinder sein oder Partner oder sonst jemand, der ihn liebt. Die Auswirkungen einer Strafe betreffen also immer andere Leute, was meiner Meinung nach tatsächlich berücksichtigt werden sollte. Das menschliche Leben erhält zu einem großen Teil seine Bedeutung durch die Beziehungen, die wir zu anderen haben. Wir sind soziale Wesen, die in eine Gemeinschaft eingebettet sind. Und du kannst nicht jemanden aus dieser Gemeinschaft nehmen, ohne dass dies Auswirkungen auf den Einzelnen, aber auch die Gemeinschaft hat. Das ist etwas ganz Grundlegendes, was in dem aktuellen System nicht genug berücksichtigt wird.

Garrett Bradley

Zur Person
Garrett Bradley wurde 1986 in New York City, USA geboren. Sie studierte zuerst Religion im Smith College und später Regie an der University of California, Los Angeles. Ihr erste Film Below Dreams feierte 2014 auf dem Tribeca Film Festival Premiere. Für Time gewann sie 2020 beim Sundance Film Festival den Preis für die beste Regie im Bereich Dokumentation. Ihre Filme wurden nicht nur auf Festivals und im Kino gezeigt, sondern waren auch Teil mehrerer Ausstellungen in Museen.



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Garrett Bradley [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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