Kritik

Freie Räume Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung

„Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung“ // Deutschland-Start: 24. September 2020 (Kino)

Es liegt schon ein bisschen in der Natur der Sache, dass sich junge Menschen irgendwann gegen ihre Eltern auflehnen, nicht das übernehmen wollen, was ältere Generationen ihnen vorsetzen. Schließlich geht es darum, sich selbst zu finden und einen Platz für sich auf dieser Welt zu bestimmen, der einem selbst gehört. Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung erzählt von einem solchen Platz, und das sogar wortwörtlich: Der Dokumentarfilm reist mit uns ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit, als in Deutschland der Ruf nach Jugendzentren laut wurde, in denen auch wirklich Jugendliche das Sagen haben. Die Kommunen sollten Räume zur Verfügung stellen, am besten auch noch finanziell unterstützen, sich ansonsten aber aus allem raushalten.

Viele Positionen in einem Raum
Das mag man nun unverschämt finden oder mutig, war aber seinerzeit die Folge einer weitreichenden Umwälzung innerhalb der Gesellschaft: Die 68er wollten eben nicht einfach nur ein bisschen an den Bedingungen herumschrauben. Sie wollten eine echte Revolution, vieles ganz anders machen als ihre Eltern. Die Geschichte der Jugendzentren ist dabei nur zum Teil eine politische, wie im Laufe der Dokumentation deutlich wird. Es ging nicht allen darum, die Welt zu verändern. Viele waren schon glücklich darüber, einen Ort zu haben, an dem man sich treffen konnte, um zu feiern, sich auszutauschen, vielleicht auch Musik zu machen, ohne Bevormundung, ohne dass dies gleich wieder eine kommerzielle Komponente haben sollte.

Das hört sich eigentlich ganz einfach an, ist es aber nicht. Die Vorkämpfer von damals, inzwischen im Rentenalter angekommen, erinnern sich in den Interviews an die Auseinandersetzungen mit den Städten und der Politik. Sie erinnern sich aber auch daran, dass eine Selbstverwaltung eigene Herausforderungen mit sich bringt. Die können ganz banaler Natur sein – wer macht eigentlich am Ende sauber? Aber auch grundlegende Richtungsentscheidungen standen auf dem Programm. Da eben jeder hier willkommen war, alle mitmachen durften, kam es zwangsläufig zu sehr unterschiedlichen Ansichten, was mit solchen Räumen anzufangen ist. Da waren Träumer am Start, Idealisten. Und solche, die sich einfach nur volllaufen lassen wollten.

Zwischen Zeitporträt und Generationenkontrast
Interessant ist Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung dann zum einen als eine Art Zeitporträt. Regisseur Tobias Frindt hat nicht nur die in Dokus vorherrschenden Interviewszenen zusammengestückelt, sondern fand auch jede Menge Archivmaterial, welches er mit diesen verbinden konnte. Auf diese Weise entsteht das Porträt einer kämpferischen, aber auch widersprüchlichen Jugend. Interessant ist aber auch die Entwicklung im Laufe der Zeit. Während der Dokumentarfilm den Fokus schon auf die Anfänge legt und aufzeigt, wie schwierig es war, diese Zentren überhaupt aufzubauen, wird chronologisch der weitere Verlauf gezeigt – bis zu heute.

Ein spannender Punkt: Jeder Jugendliche, so revolutionär er auch sein mag, wird älter, wird zu einem Erwachsenen, verliert irgendwann selbst den Bezug und den Anschluss zur Jugend. Doch wann gibt man das Zepter an die nächste Generation weiter? Wann merke ich, wann der Zeitpunkt dafür gekommen ist? Und was, wenn die nachfolgende Jugend sich überhaupt nicht mehr für deine Ideale und Kämpfe interessiert? Frint zeigt auf, dass bei aller universeller Gegenbewegung zum Alten die Richtung nicht einheitlich ist. Was früher mal wichtig war, ist es heute nicht mehr unbedingt. Wurde früher gegen institutionelle Unterdrückung gekämpft, so ist inzwischen das Thema Integration wichtiger. Ein eindeutiges Ende gibt es daher nicht, Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung ist nicht mehr als der Ausschnitt eines größeren Themas, der vor allem die Bewegung im Südwesten Deutschlands aufzeigt. Als solcher ist der Film aber sehr spannend, einerseits etwas nostalgisch, gleichzeitig aber von einer zeitlosen Relevanz, zwischen Aufbruch und Selbstfindung, zwischen Beteiligung und Flucht.

Credits

OT: „Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Tobias Frindt
Drehbuch: Tobias Frindt

Bilder

Trailer

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Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung
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Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung
„Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung“ zeigt auf, wie in den 70ern um selbstverwaltete Jugendzentren gekämpft wurde. Das ist sowohl als Zeitporträt spannend, gerade wegen der vielen Archivaufnahmen, aber auch als Anfangspunkt einer Entwicklung über die Jahrzehnte, wenn aus den Jugendlichen selbst die ältere Generation wurde, Ideale und Bedürfnisse sich wandelten.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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