Kritik

Occidental

„Occidental“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Das Hotel Occidental liegt in einem abgelegenen Stadtteil von Paris, in dem, wie in ganz Frankreich, derzeit heftige Ausschreitungen stattfinden und die Polizei praktisch im Dauereinsatz ist. Also ob dies nicht schon schlimm genug fürs Geschäft wäre, checken mit Giorgio (Paul Hamy) und Antonio (Idir Chender) noch zwei Gäste ein, die in den Augen Dianas (Anna Ivacheff), der Inhaberin der Hotels, Ärger bedeuten. Während Rezeptionistin Romy (Louise Orry-Diqéro) das Gehabe ihrer Chefin als bloße Missgunst und Paranoia abtut, ist Diana nach wie vor misstrauisch und meint hinter den Neuankömmlingen, die noch dazu die Hochzeitssuite gebucht habe, stecken Diebe, die das Hotel und dessen Gäste bestehlen wollen. Als dann auch noch die Handtasche eines Gastes verschwindet, reicht es Diana und sie ruft die Polizei. Als diese schließlich eintrifft, klärt sich nach einiger Zeit der Umstand, da die Tasche wieder auftaucht. Dennoch ist Diana alles andere als zufrieden und macht sich schließlich selbst auf die Suche nach belastendem Material, während die beiden Männer sich in Sicherheit wiegend dem eigentlichen Anlass ihres Besuches nachkommen.

„Dein Herz ist korrupt.“
Nach einer Reihe von Kurzfilmen, die zum Teil vieler Installationen und Ausstellungen wurde, drehte der französisch-algerische Künstler Neïl Beloufa mit Occidental seinen ersten Spielfilm, den er größtenteils selbst finanzierte. Wie er in Interviews anlässlich der Präsentation von Occidental auf der 67. Berlinale sagte, wollte er die Grundregeln des Mediums Film mit jenen Prinzipien vereinen, die seine Arbeit seit langem definieren, beispielsweise, dass der Zuschauer, trotz des Vorhandenseins eines Narrativs, dennoch die Möglichkeit der Distanz hat und so die Mechanismen hinter dem Werk erkennt. Das Ergebnis ist eine Geschichte, die sich formal zwischen Experimentalfilm, Drama sowie Komödie bewegt und die Rolle von Autorität in unserer Welt thematisiert.

Autorität tritt in vielfacher Weise in Occidental auf. Zum einen sind es Personen wie die Polizisten, die für eine Form der staatlichen Ordnung stehen, doch dann auch Haltungen wie die Dianas, die sich als Besitzerin eines Hotels nicht nur in einer Autoritätsposition befindet, sondern auch von Vorbehalten und einem gewissen Beschützerinstinkt geprägt ist. Die Idee von Unordnung versetzt sie in Unruhe, weshalb sie, sicher von ihrem Büro aus, ihre Angestellten und das sonstige Geschehen im Hotel durch die verschiedenen Kameras überwacht. Darüber hinaus maßregelt sie ihre Angestellten regelmäßig, was wiederholt zu Konflikten mit anderen Gästen und Figuren wie der eher liberalen, aber auch etwas naiven Romy führt.

Über seine Charaktere und deren Verhaltensweise zeigt Beloufa einen Querschnitt verschiedener Geisteshaltungen und Lebensweisen in einer Gesellschaft. Von den Gutmenschen bis hin zu den dekadenten, stets in Partylaune verharrenden Charakteren, die ohne Berührungspunkte mit den Konflikten des Lebens durch die Welt schreiten. „Dein Herz ist korrupt“ heißt es an einer Stelle im Film, was in mehr als nur einer Hinsicht sinnbildlich für viele der Missverständnisse und Katastrophen stehen kann, die den Charakteren widerfahren und eine echte Kommunikation verhindern.

Unter der Oberfläche
Auf ästhetischer Ebene gleicht Beloufas Spielfilm in vieler Hinsicht jenen Installationen, wie man sie in Museen für zeitgenössische Kunst sieht. Fast schon etwas bühnenhaft wirkt die Inszenierung an vielen Stellen, was im Kontext der Absicht des Regisseurs als jenes distanzschaffende Mittel gesehen werden kann. Die Inszenierung bleibt somit immer transparent, auch in der finalen Eskalation, die sich bereits durch das ständig präsente Lärmen der Demonstrationen vor den Türen des Hotels ankündigt.

Durch subtile Mittel verweist Beloufa auf die Anspannung sowie die Korruption dieses Hotels, was nicht länger mehr ein Ort außerhalb des Geschehens vor dessen Türen ist, sondern zu einem Austragungsort wird. Ein abgehangener Stern oder eine fehlende Handtasche zeigen auf, das hier etwas nicht stimmt, das unter der Oberfläche etwas Essenzielles zu Bruch gegangen ist, dessen Fehlen nun dabei ist, das System an sich auszuhöhlen.

Credits

OT: „Occidental“
Land: Frankreich
Jahr: 2017
Regie: Neïl Beloufa
Drehbuch: Neïl Beloufa
Musik: Alexandre Geindre, Grégoire Bourdeil
Kamera: Guillaume le Grontec
Besetzung: Idir Chender, Anna Ivacheff, Paul Hamy, Louise Orry-Diqéro, Hamza Meziani, Brahim Tekfa

Trailer

Filmfeste

Berlinale 2017
Toronto International Film Festival 2017

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Occidental
„Occidental“ von Neïl Beloufa ist eine interessante, teils sehr provokante Mischung aus Experimentalfilm, Drama und Komödie. Mittels einer abstrakt wirkenden Inszenierung gelingt es Beloufa den Finger auf Konflikte zu legen, die innerhalb einer Gesellschaft für einen Mangel an Kommunikation und für Eskalation sorgen.
7von 10

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