Kritik

World Taxi

„World Taxi“ // Deutschland-Start: 11. Juni 2020 (Kino)

So ein Taxi ist normalerweise nur ein Mittel zum Zweck, um möglichst schnell, bequem und einfach an einen Ort zu gelangen. Doch manchmal ist so eine Fahrt doch mehr, das Taxi wird selbst zu einem Ort der Begegnung, an dem man viel über die Menschen und das Land lernen kann. So auch in World Taxi. Der Titel kündigt es schon ein bisschen an: Regisseur Philipp Majer nutzt dieses Fortbewegungsmittel, um auf der ganzen Welt unterwegs zu sein. Genauer hat es ihn in fünf Städte verschlagen, auf dem ganzen Globus verteilt. Bangkok in Thailand ist dabei, die Kosovo-Hauptstadt Prishtina, Dakar in Senegal, das texanische El Paso, auch Deutschland ist mit Berlin an dieser Rundreise beteiligt. In jeder dieser Städte begleitet der Regisseur Männer und Frauen, die mit dem Chauffieren anderer ihr Geld verdienen.

Bekannte Vorbilder
Ein Film über fünf Taxis, die in den unterschiedlichsten Ländern unterwegs sind: Das provoziert natürlich einen Vergleich mit Night On Earth von Jim Jarmusch. Im Gegensatz zur Indie-Ikone, die damals ihrer Fantasie des Alltäglichen freien Lauf lassen konnte, hat sich Majer jedoch reale Menschen ausgesucht und begleitet sie bei tatsächlichen Fahrten. Dem Unterhaltungswert hat dies jedoch nicht geschadet, da der deutsche Filmemacher doch eine Reihe interessanter Fahrer und Fahrerinnen ausgemacht hat, die ihm nicht nur gestatteten, die Kamera laufen zu lassen, sondern auch selbst freimütig aus ihrem Leben erzählen.

Tatsächlich ist World Taxi ein Film, der trotz seiner begrenzten Settings – ein Großteil der Szenen ist während der Autofahrten gedreht – ausgesprochen abwechslungsreich ist. Vergleichbar zu Taxi Teheran, ein semidokumentarisches Werk über Taxifahrten in der iranischen Hauptstadt, werden die Gäste zu einem Kaleidoskop ihrer Gesellschaft und der Zeit. Der Unterschied: Hier werden auch die Menschen hinter dem Steuer in dieses Abbild hineingezogen. Das Ergebnis ist weniger politisch als das, was Jafar Panahi seinerzeit gedreht hat. Wobei das Politische durchaus Gesprächsthema werden kann, etwa in Thailand, wenn der Fahrer über das Versagen der Elite spricht, oder im Kosovo die allgegenwärtige Korruption thematisiert wird.

Das Leben auf der Straße
Doch dazwischen tummeln sich eben auch sehr persönliche Schicksale, die mal auf der Rückbank, mal auf den Vordersitzen stattfinden. Die Fahrerin aus Berlin beispielsweise, die einzige Frau in der Runde, teilt ihre Gedanken über die Liebe, gewährt Einblicke, wie sehr ihr dieser harte Job zugesetzt hat, in dem sie immer wieder nach ihrer Nummern gefragt wird, doch das Telefon nie klingelt. World Taxi zeigt aber auch schöne Momente, skurrile, das Fahren kann mehr sein als nur ein Job, um die nächste Miete zu bezahlen. Immer wieder wird es hier sehr menschlich, da wird spekuliert, sich ausgetauscht – bis es wieder heißt bezahlen, aussteigen, Abschied nehmen. Aber da wartet schon der nächste Gast, die nächste Geschichte.

Daraus ergibt sich zwangsläufig nie etwas Größeres, World Taxi besteht aus Momentaufnahmen, die zwar etwas über das jeweilige Land aussagen, ohne dabei jedoch zu einem festen Schluss zu kommen. Aber das muss auch nicht. Der Dokumentarfilm, der unter anderem beim Max Ophüls Preis 2020 lief, ist selbst eine kurze Weltreise, die das Publikum mit vielen Eindrücken wieder nach Hause schickt und ein klein wenig den Horizont erweitert. Sie macht sogar selbst Lust darauf, wieder raus zu gehen, die Welt zu sehen, Menschen zu treffen und sich auszutauschen, Geschichten zu hören, die das Leben schreibt und dabei doch auch einzigartig sein können – und wenn es nur für die Dauer einer Taxifahrt hält.

Credits

OT: „World Taxi“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Philipp Majer
Musik: Tobias Göbel
Kamera: Philipp Majer

Bilder

Trailer

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World Taxi
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World Taxi
„World Taxi“ nimmt das Publikum mit auf eine kleine Weltreise, an Bord von fünf Taxis aus den unterschiedlichsten Ländern. Unterwegs mischt sich das Persönliche mit dem Politischen, wir erhalten Einblicke in fremde Gesellschaften, aber auch universelle Überlegungen. Das kommt zwangsläufig nirgends wirklich an, ist aber als schillerndes und abwechslungsreiches Kaleidoskop sehenswert.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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