Wer in ein Taxi steigt, tut das meist, weil er an einen bestimmten Ort will. Einfach nur darin ein bisschen herumzufahren und vom Zufall treiben zu lassen, das ist hingegen selten. Philipp Majer hat es getan und daraus einen Film gemacht. In World Taxi (Kinostart: 11. Juni 2020) begleitet er fünf Taxifahrer*innen auf der ganzen Welt – Deutschland, USA, Kosovo, Senegal und Thailand – hält ihre Geschichten und Gedanken fest, aber auch die Begegnungen unterwegs, und zeichnet damit ein vielfältiges Bild eines Berufes und der jeweiligen Gesellschaften. Wir haben uns mit dem Regisseur unterhalten und im Interview den Regisseur zu seinem Dokumentarfilm, den Dreharbeiten und Erkenntnissen befragt, welche die ungewöhnliche Weltreise ergeben hat.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Film übers Taxifahren zu drehen?
Ich war 2014 mit meiner Frau und unserer ersten Tochter in Amerika auf Verwandtenbesuch. Die leben in New Mexico, an der Grenze zu Texas, in so einer typischen Breaking Bad Wüstenlandschaft. Ich bin dort in der Gegend Taxi gefahren und habe dabei JJ kennengelernt. Das ist ein total charismatischer, herzlicher Typ, der mich beim Fahren total zugetextet hat. Der hat mir von Gott erzählt, von seinem Leben, davon, dass er mal im Knast war. Das fand ich total faszinierend und habe ihn deshalb gefragt, ob ich ihn ein bisschen mit der Kamera begleiten darf. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was ich damit anfangen soll. Ich dachte nur, das ist ein echt geiler Typ, den muss ich irgendwie mitnehmen. Zurück in Deutschland habe ich dann überlegt, was ich daraus machen kann und wollte zunächst ganz allgemein einen Film über Leute drehen, die andere transportieren. Das artete irgendwann aber irgendwann zu sehr aus, weshalb ich mich auf Taxifahrer und Taxifahrerinnen konzentriert habe. Klar hat mich dabei auch Night On Earth von Jim Jarmusch inspiriert. Ich habe mich aber nicht komplett daran angelehnt.

Und wie ging es weiter, nachdem die Entscheidung gefallen war? Wieso beispielsweise diese fünf Länder von den knapp 200, die es gibt?
Ich habe zunächst geschaut, wo ich Anknüpfungspunkte finde. In Prishtina im Kosovo habe ich beispielsweise vorher schon gedreht. Also bin ich wieder dorthin gefahren und war drei Tage in Taxis unterwegs, bis ich den geilen Mercedes von Destan gefunden und mich gleich in den verliebt habe. Im Senegal in Dakar habe ich vorher auch schon mal gedreht und habe über meine Cousine, die dort auch mal gelebt hat, und deren Freunde den Mamadou im Internet kennengelernt. Eigentlich wollte ich auch JJ in World Taxi haben. Aber bis ich endlich drehen konnte, war so viel Zeit vergangen, dass er schon kein Taxi mehr fuhr und ich jemand Neues suchen musste. Ich bin dennoch in der Gegend dort geblieben, weil ich die wie gesagt so toll fand. Bevor es los ging, habe ich mit allen auch immer wieder geskypt, um herauszufinden, ob das wirklich mit uns passt. Denn es sollte ja auch um die Menschen gehen.

Das heißt, es gab auch nur diese fünf?
Es gab nur diese fünf, ja. Das ist auch ein Credo von mir. Ich lehne es grundsätzlich ab, mit Leuten zu drehen, ohne zu wissen, ob ich das Material am Ende verwende. Aber das ist das Schöne an einem Dokumentarfilm: Du musst dich immer ein bisschen an die Begebenheiten anpassen und das verwenden, was du vorfindest. Mehr zu drehen, nur um am Ende jemanden rauszuschneiden, das wollte ich auf keinen Fall. Die menschliche Komponente und das Vertrauen spielen für mich eine enorm große Rolle, da will ich niemandem was vormachen.

Aber auch wenn du vorher mit ihnen gesprochen hast, wie konntest du wissen, ob daraus wirklich eine Geschichte wird? In World Taxi geht es ja nicht darum, einfach nur ein bisschen in der Gegend herumzufahren.
Gewusst habe ich es nicht so wirklich. Aber ich war schon vor dem Dreh immer ein, zwei Tage mit ihnen unterwegs, ohne die Kamera. Da checkst du dann schon, wie die so drauf sind, und ob du eher persönliche oder politische Dinge aus ihnen herauskitzelst. Ich wollte tatsächlich nicht nur einen reinen Unterhaltungsfilm machen, sondern wollte auch festhalten, wie es in den einzelnen Ländern aussieht, wie beispielsweise die politische Stimmung ist. Darauf habe ich beim Dreh ein bisschen Augenmerk gelegt. Als in Dakar beispielsweise die jungen Männer eingestiegen sind, habe ich sie gefragt, ob sie auch schon mal nach Europa gehen wollten, weil es aus Westafrika viele Flüchtlinge gab. Du kannst also natürlich schon die Gespräche und Erfahrungen etwas steuern. Gleichzeitig wollte ich aber nichts inszenieren. Das war mir extrem wichtig. Deswegen siehst du bei mir auch nie, wie die Leute einsteigen, da ich sie immer erst drinnen gefragt habe, ob es für sie okay ist, wenn ich sie filme.

Wie haben die Leute denn insgesamt so reagiert, als du sie gefragt hast? Wie viele haben ja gesagt, wie viele nein?
Die Quote war eigentlich relativ gut, 70/30, würde ich sagen. Das war kulturell jedoch schon unterschiedlich. Im Senegal hatte ich gar kein Problem. Im Kosovo auch nicht. In Thailand war das schwieriger, weil dort eine ganz andere Mentalität herrscht. Die Leute sind da etwas reservierter. In Deutschland gab es auch welche, die das nicht wollten.

Wie viel Filmmaterial hattest du dann am Ende?
Viel zu viel. Unmengen. Ich hatte extra nicht geschaut, wie viel es genau ist, um nicht vor dem Schneiden überwältigt zu werden. Dabei habe ich nur drei Tage pro Stadt gedreht, was eigentlich nicht viel ist. Aber ich habe ja auch in Ländern gedreht, wo ich die Sprache nicht gesprochen habe. Klar haben die Taxifahrer zwischendurch gesagt, worum es geht. Aber ich musste trotzdem das alles erst einmal grob übersetzen lassen, bevor ich es ordnen konnte. Das war alles schon ein riesiger Aufwand, zumal ich das Ganze auch selbst geschnitten habe. Zwischendurch habe ich immer wieder Freunde und Freundinnen eingeladen, sich das mit mir anzuschauen, weil du selbst gar nicht mehr den Abstand hast.

Wie lang hat der Schnittprozess am Ende dann gedauert?
Das dürften so zwei Monate gewesen sein.

Und hattest du beim Schneiden schon ein festes Ziel vor Augen? Nach welchen Kriterien hast du ausgesucht?
Ich hatte diese Idee der 24 Stunden und wollte auf diese Weise den Alltag zeigen, indem wir allen Fahrern und Fahrerinnen einen Tag lang folgen. Dadurch bist du natürlich limitiert, weil du kucken musst, dass das alles zeitlich passt und nicht zum Beispiel plötzlich Nachtaufnahmen zeigst. Ich hab deshalb viele geile Sachen rauslassen müssen, weil die nicht ins Konzept gepasst haben. Aber es hat sich schon gelohnt, weil du durch diese Gleichzeitigkeit auch direkt miteinander vergleichen kannst und Unterschiede siehst. Außerdem wollte ich diese Mischung aus Unterhaltung und Inhalt, da musstest du schon richtig jonglieren. Es kam da auch vor, dass du irgendwo eine Fahrt einschiebst, die eine andere dann redundant macht. Da musst du schon richtig viel planen. Bei mir hatte jeder Fahrer Post-its in einer eigenen Farbe, damit ich den Überblick behalte. Am Ende war es eine komplette Wand voller Post-its.

Diese Unterschiede, die du erwähnst hast, wie sahen die aus? Wie unterscheidet sich das Taxifahren in den einzelnen Ländern?
Es hat beispielsweise einen anderen Stellenwert in den verschiedenen Ländern. In Berlin und Bangkok ist es ein Luxusgut. Dort gibt es öffentliche Verkehrsmittel. Wer dann noch ein Taxi nimmt, tut das, weil er zu faul ist. In ärmeren Ländern fahren die Leute Taxi, die kein eigenes Auto haben. In den USA ist das auch so. Dort hat eigentlich jeder ein Auto, wenn nicht mehrere. Gemeinsam ist beispielsweise, dass die Fahrer und Fahrerinnen gern reden, auch weil sie viel allein unterwegs sind und einsam sind. Taxifahren ist wirklich ein harter Job. Man verdient nicht viel und muss viel arbeiten. Das ist eigentlich überall ähnlich. Taxifahrer sind oft auch ein ganz eigener Schlag Mensch und abenteuerlustig. Das musst du auch sein, weil du nie weißt, was als nächstes geschieht und wer zu dir ins Auto steigst.

Wie oft fährst du denn selbst noch Taxi?
Ich wohne in Saarbrücken. Das ist keine besonders große Stadt, da fahre ich eigentlich immer mit dem Rad. Taxi fahre ich in größeren Städten, wenn ich mich dort nicht auskenne. Und manchmal auch nach dem Feiern, wenn ich selbst zu faul bin. Insgesamt fahre ich schon sehr gerne Taxi. Heute fahre ich natürlich ganz anders als früher und fühle mich den Leuten immer verbunden. Ich erzähle denen dann auch immer gleich, dass ich einen Film übers Taxifahren gedreht habe.

Und wie geht es in Zukunft weiter? Woran arbeitest du?
Ein Dokumentarfilm, den ich für die ARD drehe. Darin geht es um ganz viele Jugendliche in Deutschland, aus den verschiedensten Regionen und sozialen Begebenheiten. Er soll wahrscheinlich im Herbst nächstes Jahr ausgestrahlt werden.

Philipp Majer

© Lukas Ratius

Zur Person
Philipp Majer wurde am 30. Mai 1982 in Rodalben geboren. 2010 drehte er seinen ersten Kurzdokumentarfilm Vierviertel über vier Menschen, die im Nauwieser Viertel in Saarbrücken leben. Sein erster längerer Film Smajl (2015) handelte von einem Gastarbeiter aus dem Kosovo, der für die Unabhängigkeit seines Heimatlandes kämpfte. Zuletzt dreht er den Dokumentarfilm World Taxi (2019), der auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis Deutschlandpremiere feierte und fünf Taxifahrer*innen in fünf Ländern bei ihrer täglichen Arbeit begleitet.



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Philipp Majer [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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