Kritik

The Cleansing

„The Cleansing – Die Säuberung“ // Deutschland-Start: 4. Juni 2020 (DVD/Blu-ray)

Im 14. Jahrhundert wütet die Pest durch ganz Europa, immer mehr Menschen infizieren sich mit der unheilbaren Krankheit. Darunter befindet sich auch die Mutter der jungen Alice (Rebecca Acock), die alles dafür tut, um sie gesund zu pflegen. Doch das Dorf zeigt weder Gnade noch Geduld, vor ihren Augen wird die kranke Frau ermordet. Aber auch Alice selbst muss nun befürchten, dafür hart bestraft zu werden, sie versteckt und die Krankheit verheimlicht zu haben. Sie sei eine Hexe, davon ist der Priester (Rhys Meredith) überzeugt, umso mehr, da sie sich weigert zu sprechen und auf die Vorwürfe zu reagieren. Nur in letzter Sekunde gelingt es ihr, dem sicheren Tod zu entkommen und findet Zuflucht bei einem geheimnisvollen Heiler (Simon Nehan) im Wald …

Frauen haben gefälligst das zu machen, was ihnen gesagt wird – das ist eine Auffassung, die leider selbst im Jahr 2020 noch von manchen Teilen der Bevölkerung geteilt wird. Zwar werden derart barbarische Foltern, wie sie Alice am Anfang von The Cleansing – Die Säuberung zu ertragen hat, heute eher selten angewendet. Dass der Priester sich aber an ihr vergehen will und aus Wut über ihre Zurückweisung sie als Hexe brandmarken will, doch, das weckt unschöne Erinnerungen an gewisse Vorfälle, die in den letzten Jahren nicht nur im Showgeschäft aufgedeckt wurden. Die vermeintlich vom Teufel besessene junge Frau, sie ist eine kaum versteckte Referenz an die #MeToo-Bewegung der letzten Jahre.

Ja, und bist du jetzt ne Hexe oder nicht?
Anstatt dies aber in einem zeitgenössischen Setting zu durchleuchten, folgt The Cleansing – Die Säuberung lieber diversen Genrevertretern. Der bekannteste ist sicherlich The Witch, aber auch die Serie Luna Nera fällt einem an der Stelle ein. In all den Fällen ging es Historiendramen, ging es um die Unterdrückung von Frauen – und um die Frage, ob es Magie und Hexerei gibt. Zu Beginn scheint hier noch der Fall klar zu sein: Wie beim Serienkollegen wird eine junge Frau, die sich ein wenig mit natürlicher Heilkunde auskennt, als diabolische Hexe dargestellt, die im Geheimen allen Menschen etwas Böses will und dafür hart bestraft werden muss. Mindestens mit dem Tod, vielleicht auch ewiger Verdammnis.

Hier jedoch bleibt lange offen, was Sache ist. Es ist nicht einmal ganz klar, worauf die Geschichte nun hinauslaufen soll. Das kann ganz spannend sein: Geschickt eingesetzt packt eine solche grundsätzliche Ungewissheit die Neugierde des Publikums, das allein schon deshalb dran bleibt, um eine Antwort auf eigene Fragen zu bekommen. Geschickt ist jedoch keine Bezeichnung, die man unbedingt auf die Umsetzung von Regisseur Antony Smith anwenden müsste. Im Gegenteil: Von Subtilität hält der walisische Filmemacher so rein gar nichts. Vor allem der Einsatz der auf furchtbar dramatisch gemünzten Musik ist derart offensiv, dass die Nerven tatsächlich in Anspruch genommen werden. Nur leider nicht auf die erhoffte Weise.

Wirre Visionen im Wald
Ein bisschen besser sieht es im Bereich der Optik aus. Grundsätzlich orientiert man sich hier an der Genrekonvention, Wälder möglichst düster und unübersichtlich aufzuzeigen, als ein Ort der Bedrohung. Immerhin gibt es aber ein bisschen Farbeinsatz, The Cleansing – Die Säuberung verkommt im Gegensatz zu so manchem Historienwerk der letzten Zeit nicht zu einer Abarbeitung der Graupalette. Natur darf hier unheimlich sein und trotzdem noch nach Natur aussehen. Der Kompromiss geht in Ordnung, ebenso die Darstellung diverser halluzinatorischer Momente – die Protagonistin trägt sicher nicht ohne Grund den Namen der berühmten Titelfigur aus Alice im Wunderland. Bewusstseinserweiternde Mittelchen gibt es hier auch, auf sprechende Kaninchen oder riesige Raupen muss man hingegen verzichten.

Wundern darf man sich aber durchaus, vor allem über die ungelenken Versuche, zwischendrin doch mal eine Wendung einzubauen. Die Absicht war da gut, das Ergebnis ist es nicht. Eigentlich ergibt das so gar keinen Sinn, was sich Drehbuchautor David Shillitoe da zusammengeschrieben hat, die Belohnung für die langen Passagen ohne nennenswerte Handlung führen höchstens zu weiteren Fragen. Insgesamt hätte The Cleansing – Die Säuberung auch einfach konsequenter sein müssen, fokussierter, anstatt Alice und damit das Publikum ewig im Wald herumirren zu lassen. Obwohl der Film eigentlich gar nicht so lang ist, ein bisschen mehr als anderthalb Stunden, so richtig gut gefüllt ist das nicht. Trotz der Sympathien, die man der Idee als solchen entgegenbringt, lohnenswert ist der meist langweilige, auch nicht sonderlich mitreißend gespielte Horrorthriller nicht.

Credits

OT: „The Cleansing“
Land: UK
Jahr: 2019
Regie: Antony Smith
Drehbuch: David Shillitoe
Musik: Shaun Moseley
Kamera: Andrew Lewis
Besetzung: Rebecca Acock, Rhys Meredith, Simon Nehan

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The Cleansing – Die Säuberung
„The Cleansing – Die Säuberung“ beginnt als eine Art historischer #MeToo-Beitrag, wenn eine unwillige junge Frau als Hexe gebrandmarkt werden soll. Später wandelt der Film irgendwo im Horrorthrillerbereich herum, lässt offen, ob es übernatürliche Elemente gibt, aber auch was er eigentlich will. Da gibt es zwar sympathische Ansätze, die Ausgestaltung ist aber trotz fehlender Subtilität recht langweilig.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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