Kritik

Die Fluegel der Menschen DVD

„Die Flügel der Menschen“ // Deutschland-Start: 28. Dezember 2017 (Kino) // 6. Juli 2018 (DVD)

Seitdem er seine Arbeit als Filmvorführer in seinem kleinen Dorf aufgeben musste, bleibt Centaur (Aktan Arym Kubat) nur noch das Familienleben und die wenigen Gänge zum Marktplatz bei Tag. Doch der Schein trügt, denn bei Nacht bricht er in die Reitställe der reichen Großgrundbesitzer und Farmer des Dorfes ein und stiehlt deren Rennpferde, bringt diese aber, nachdem er mit ihnen eine Weile durch die karge Landschaft geritten ist, wieder zurück. Zuletzt hat er das neue Rennpferd seines Halbbruders Karabay (Bolot Tentimyshov) gestohlen, der den bekannten Pferdedieb und Herumtreiber Sadyr (Ilim Kalmuratov) verdächtigt und verprügelt. Zwar taucht das Pferd nach wenigen Stunden, zur Erleichterung Karabays, wieder auf, jedoch ist Sadyr zutiefst gekränkt wegen der Demütigung durch Karabay und weil man nun im Dorf wieder über ihn zu tratschen begonnen hat. So schlägt Sadyr Karabay vor, er werde ihm helfen, den wahren Dieb zu finden, was ihm letztlich auch gelingt, doch nun sieht sich die Dorfgemeinde damit konfrontiert, Centaur zu bestrafen, was vor allem Karabay schwerfällt.

Das Paradox der Freiheit
Aktan Arym Kubat
(oder Aktan Abdykalykov) gehört zu den international bekanntesten Regisseuren Kirgisistans und hat für sein filmisches Werk schon eine Vielzahl von Preisen entgegennehmen dürfen. Alleine für Die Flügel der Menschen, der im selben Jahr auch der Oscar-Beitrag seines Landes war, wurde er auf der Berlinale 2017 mit dem renommierten CICAE Preis geehrt. Seine Filme, wie auch dieser, behandeln den Übergang der kirgisischen Gesellschaften und ihrer Traditionen ins 21. Jahrhundert, wobei Arym Kubat immer einen skeptischen Blick darauf wirft, was bei diesem Vorgang verloren geht und was er mit den Menschen macht.

So mancher Zuschauer wird sich an die Tradition des Heimatfilms erinnert fühlen, wenn man die zahlreichen Landschaftsaufnahmen im Film betrachtet. Immer wieder fängt Khasan Kydyraliyevs Kamera die Weite und die damit implizierte Freiheit ein, doch wie auch im Heimatfilm wird man diesen Eindruck im Laufe der Handlung korrigieren müssen. Nicht nur ist es der noch tief sitzende Aberglaube der Dorfbewohner, sondern auch ihre Vorbehalte gegenüber jenen, die „anders“ sind, welche die Freiheit zu einer Illusion machen und den Blick auf die Kargheit dieser Landschaft lenken.

Was zunächst wie eine Verirrung des Geistes wirkt, ergibt im Kontext der Handlung schnell Sinn oder lässt die Taten Centaurs in einem anderen Licht erscheinen. Dieser beruft sich nämlich auf die Geschichte der Kirgisien, auf eine Zeit also, in der man wirklich noch von einem freien Land sprechen konnte. Die wenn auch kurze Befreiung der Pferde, der Ausritt bei Nacht und die Geste der wie zur Umarmung offenen Arme betonen eine tiefe Sehnsucht nach diesem Begriff der Freiheit, die seine Mitmenschen immer mehr aus den Augen verlieren.

Über das Zähmen
Hinter diesen Bildern und Dialogen versteckt sich keinesfalls die Sehnsucht nach jenem Kriegervolk, sondern vielmehr die Frage, ob der Weg, den die Menschen heute beschreiten, der richtige ist. In einer Schlüsselszene erklärt Centaur dem nach einem Motiv suchenden Karabay, dass es falsch wäre von den Bewohnern des Dorfes, noch von einer Gemeinschaft zu reden, ziehen Aspekte wie Status, Glaube und Geschlecht doch tiefe Linien, die Menschen voneinander trennen. Bedenkt man, wie schnell die Bewohner im Fällen von Urteilen sind und andere ausgrenzen, kommt man nicht umhin, Centaurs Ausführungen zumindest in Teilen anzuerkennen.

Hierbei spielt zudem der Akt des Zähmens eine Rolle. Das Pferd, von jeher Teil der Geschichte der Kirgisen, dient nur noch als Nutzvieh oder als Investition wie das Rennpferd Karabays, ein Paradox, mit dem Centaur zu brechen scheint, wenn er diese für einen einsamen Ausritt in der Nacht befreit. Somit ist seine Tat auch ein Aufschrei gegen diese Entwicklung oder Ausdruck der Verzweiflung über etwas, das wohl auch Centaur für unausweichlich sieht.

Credits

OT: „Centaur“
Land: Kirgisistan
Jahr: 2016
Regie: Aktan Arym Kubat
Drehbuch: Aktan Arym Kubat, Ernest Adbyjaparov
Musik: Andre Matthias
Kamera: Khasan Kydyraliyev
Besetzung: Aktan Arym Kubat, Zarema Asanalieva, Nuraly Tursunkojoev, Bolot Tentimyshov, Ilim Kulmuratov

Bilder

Trailer

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Die Flügel der Menschen
"Die Flügel der Menschen" ist ein Drama über Freiheit und darüber, welchen Preis man zahlt, wenn man sich von seinem Ursprung als Mensch oder Volk entfernt. Aktan Arym Kubat ist ein stiller und bisweilen sehr trauriger Film über den Kampf eines Mannes gelungen, der sich an eine Zeit erinnert, in der eine Gemeinschaft noch zusammenhielt.
7von 10

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