Kritik

Vormittagsspuk

„Vormittagsspuk“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Er hat Grafiken erstellt, Bilder gemalt, in New York unterrichtet und geschrieben, Untätigkeit kann man Hans Richter also wirklich nicht vorwerfen. Eine seiner liebsten Tätigkeiten war jedoch das Drehen von Filmen, um auf diese Weise nach Herzenslust zu experimentieren und eine andere Form der Kunst zu schaffen. Rund zwanzig Werke hat er im Laufe seiner mehrere Jahrzehnte umfassenden Laufbahn angefertigt, die meisten davon nur wenige Minuten lang.

Alles möglich, außer Naturgesetzen
Eines dieser Miniwerke lautet Vormittagsspuk und stammt aus dem Jahr 1928. Einen wirklichen Inhalt hat der Kurzfilm nicht. Geschehen tut hier dafür umso mehr: Richter schnappte sich eine Reihe von Objekten, darunter Hüte und Teegeschirr, welche mithilfe der Tricktechnik ein Eigenleben entwickeln. Das ist aus heutiger Sicht natürlich antiquiert, was damals noch neuartig gewirkt haben mag, hat maximal den Charme eines Privatvideos, das man der eigenen Familie zeigt.

Und doch, irgendwie witzig ist es schon. Gemäß dem Titel geht es hier gespenstisch zu, wenn sich etwa Gegenstände von Geisterhand bewegen oder Sequenzen rückwärts abgespielt werden, womit vieles den Naturgesetzen trotzt. Tatsächlich unheimlich ist das nicht. Vielmehr ist dieser kleine Klassiker des Dadaismus ein humorvolles Spiel mit Sehgewohnheiten, eine willkürliche Aneinanderreihung von Bildern und Szenen, die weder für sich noch in Kombination Sinn ergeben – oder auch den Anspruch erheben. Aufgrund der historischen Komponente kann man sich das noch anschauen, zumal der Film den Nazis ein Dorn im Auge war. Mehr als eine kleine Kuriosität ist das hier heute aber nicht mehr.

Credits

OT: „Vormittagsspuk“
Land: Deutschland
Jahr: 1928
Regie: Hans Richter
Drehbuch: Hans Richter, Werner Graeff
Musik: Paul Hindemith
Kamera: Reimar Kuntze

Filmfeste

Locarno 1989
Rotterdam 1997

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Vormittagsspuk
„Vormittagsspuk“ ist ein kleiner Klassiker des Dadaismus, wenn Hüte durch die Luft fliegen oder Geschirr sich selbständig macht. Der experimentelle Kurzfilm ist dabei als historische Kuriosität witzig anzuschauen, auch wenn der Effekt auf ein heutiges Publikum eher gering sein dürfte.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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