Kritik

Der schwarze Peter

„Der schwarze Peter“ // Deutschland-Start: 24. Juni 1965 (Kino)

Vor allem wegen des Drucks seiner Eltern beginnt der 17-jährige Peter (Ladislav Jakim) eine Lehre als Verkäufer in einem kleinen Lebensmittelladen. Jedoch betraut ihn dessen Besitzer vom ersten Tag an mit der recht undankbaren Aufgabe des Ladendetektivs, sodass Peter die meiste Zeit nur im Laden herumsteht und sein Bestes versucht bei der Beobachtung der Kunden so unauffällig wie nur möglich zu sein. Allerdings zeigt bereits sein erster Versuch einen vermeintlichen Dieb, einen älteren Herren, zu stellen, dass es dem jungen Mann an Mut fehlt, denn statt diesen zu konfrontieren, verfolgt er ihn durch die Straßen der Stadt, ohne Ergebnis. Speziell von seinem strengen Vater (Jan Vostrčil) erntet Peter hierfür sehr viel Kritik. Zusätzlich zu seiner Arbeit beschäftigt Peter die gutaussehende Pavla (Pavla Martínková), die er, als er all seinen Mut zusammennimmt, bei einem Ausflug zu einem See endlich zu einer gemeinsamen Verabredung überreden kann. Der Abend verläuft dann aber anders als geplant, denn Peter kann durch Tanzkünste wenig Eindruck bei der Angebeteten schinden und wird dann auch noch von zwei Gleichaltrigen immer wieder belästigt, die sich durch sein Auftreten beleidigt fühlen. Schließlich ist Peter ratlos, denn nicht nur kann er niemandem etwas recht machen, alles, was er tut, endet in scheinbar noch größerem Pech für ihn.

Geschichten einer verlorenen Jugend
Auch wenn er vor Der schwarze Peter schon einige Filme an der berühmten Prager Filmschule FAMU gedreht hatte, gilt dieses Werk aus dem Jahre 1964 als Miloš Formans Debüt. Der Film gilt unter anderem als eines der wichtigsten Werke der Tschechoslowakischen Neuen Welle und zeichnet sich durch Formans genaue Beobachtungsgabe für Menschen aus, deren Schwächen und Verfehlungen er zeigt, die er aber zu keiner Zeit bloßstellt. Entgegen der sozialistischen Propagandafilme der Zeit, behandelte sein Kino, wie auch das von Jiří Menzel oder Juraj Herz, das Leben und die Menschen, wie sie sind und nicht wie sie die Ideologie des Staates sehen wollte. Gerade diese Herangehensweise brachte Forman und seinen Kollegen oftmals in Konflikt mit den staatlichen Obrigkeiten, machen aber den Charme seiner Filme aus, auch derer, die er im späteren Verlauf seiner Karriere in den USA drehen sollte.

Im Zentrum dieser ersten Filme Formans stehen meistens junge Menschen, ihre Sorgen und Interessen, aber vor allem ihre Orientierungslosigkeit. Schon die ersten Minuten des Films, die den von Ladislav Jakim mit einer gewissen Naivität und Unschuld gespielten Peter zeigen, wie er versucht seine Arbeit so gewissenhaft wie nur möglich zu machen, betonen den tiefen Zwiespalt dieser Figur. Ist sich die ältere Generation, vertreten durch Peters Eltern wie auch den Besitzer des Ladens, sicher in ihrem Bild der Geschlechter, der Arbeit und des konformen Verhaltens, wirken die jugendlichen Akteure wie Peter oder Pavla hin- und hergerissen zwischen dem Ideal ihrer Eltern und der Freiheit, die sie in der Musik, beim Tanzen oder in der Natur spüren. Auf der einen Seite nervt das Moraldiktat der Eltern, wie Peter seiner geliebten Pavla an einer Stelle beichtet, aber ein Ausbruch von Zuhause zieht auch eine gewisse Konformität mit sich, eine Anpassung wie sie die Welt der Arbeit erfordert.

Die Möglichkeit des Kollektivs
Bezeichnend für das frühe Kino Miloš Forman ist das scheinbare Fehlen einer Ideologie. Das Kollektiv des Sozialismus spielt bestenfalls eine untergeordnete Rolle oder wird ironisch hinterfragt, wie beispielsweise in den etwas widersprüchlichen Predigten von Peters Vater. Für Peter und Pavla gibt es keine „wahre“ Ideologie, sind sie doch noch in der schwierigen Phase der Entscheidungsfindung für ihr Leben und müssen ihre eigene Identität noch finden. Der fast schon dokumentarischen Ansatz in den Bildern Jan Nemeceks verfolgt diese ersten Gehversuche, wenn man sie so nennen will, wie zum Beispiel, wenn sich Peter, hinter einer Säule versteckt, versucht einige Tanzschritte beizubringen, damit er sich vor Pavla nicht gänzlich blamiert. Sein Nebenbuhler, ein Jugendlicher namens Čenda, gespielt von Vladimír Pucholt, sucht die Bestätigung seines Ausbilders, fragt diesen nach seinem Rat, doch schläft bezeichnenderweise ein, bevor dieser seinen Rat geben kann.

Zusammen mit seinem ebenfalls sehr gelungenen zweiten Film Die Liebe einer Blondine (1965) zeigt Miloš Forman den Mikrokosmos der Jugend, ihr Suchen und Finden in der Welt der Erwachsenen. Dies sind nicht die jungen, mit einem entschlossenen Blick in die Zukunft schauenden Menschen wie sie der Sozialismus zeigt, dies sind Menschen aus Fleisch und Blut und gerade deswegen sind sie dem Zuschauer auch viel sympathischer.

Credits

OT: „Černý Petr“
Land: Tschechoslowakei
Jahr: 1964
Regie: Miloš Forman
Drehbuch: Miloš Forman, Jaroslav Papoušek
Musik: Jiří Šlitr
Kamera: Jan Nemecek
Besetzung: Ladislav Jakim, Pavla Martínková, Jan Vostrčil, Božena Matušková

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Der schwarze Peter
„Der schwarze Peter“ ist ein Film über das Erwachsenwerden mit vielen gelungenen Einfällen und Alltagskomik. Abseits der politischen Facetten des Films findet sich auch heute in dem Debüt Miloš Formans ein authentisches, weil sehr humanes Porträt junger Menschen, die noch nicht wissen, wie sie in der Welt zurechtkommen sollen und auf der Suche nach Antworten sind.
7von 10

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