Blumen sind eigentlich etwas Schönes, können uns ein bisschen den Alltag verzaubern. Ein bisschen zu sehr, wenn es nach Jessica Hausner geht: In Little Joe – Glück ist ein Geschäft (Kinostart: 9. Januar 2020) erzählt sie von einer Zuchtblume, die ungeahnte und ziemlich unheimliche Auswirkungen auf die Menschen hat. Wir haben die österreichische Regisseurin und Co-Autorin während des Fantasy Filmfests gesprochen, wo der Film als Center Piece lief, und sie zu Inspirationen und die ewige Suche nach dem Glück befragt.

In Little Joe erzählen Sie von einer Blume, die glücklich machen soll und dabei die Persönlichkeit der Menschen verändert. Wie sind Sie auf die Idee zum Film gekommen?
Die ursprüngliche Idee war, eine weibliche Frankenstein-Geschichte zu machen und dabei eine Mutter-Sohn-Beziehung zu erzählen. Die Wissenschaftlerin, die ein Monster erschafft, das sich anders verhält als geplant war. Das eine Monster ist die Blume. Gleichzeitig erschafft sie aber noch ein zweites Monster, nämlich ihr Kind. In der Beziehung zwischen der Mutter und ihrem Kind ensteht eine Veränderung – eine Entfremdung. Diese Angst, sich von dem eigenen Kind zu entfernen, fand ich sehr spannend und wollte ich erzählen.

Warum haben Sie dies als einen englischsprachigen Film umgesetzt? Es war ja Ihr erster.
Die Frage ist eher: Warum hätte ich ihn auf Deutsch drehen sollen? Auf Französisch habe ich schon gedreht bei Lourdes. Da war das aber auch naheliegend, da Lourdes in Frankreich liegt. Ich hätte es aber nicht naheliegend gefunden, einen Film, der mit dem Genre spielt, auf Deutsch oder Französisch zu drehen. Das Genre, mit dem sich Little Joe beschäftigt, ist in Amerika entstanden und diese Filme wurden auf Englisch gedreht. Der zweite Grund ist bestimmt auch, dass es mir Spaß macht, über den Tellerrand zu blicken und mich weiterzuentwickeln. Ich hatte auch einfach Lust, mit englischen Schauspielern zu arbeiten.

Was waren die Herausforderungen dabei, das jetzt auf Englisch zu machen?
Die größte Herausforderung war glaube ich, in England mit Leuten zu arbeiten, die wir alle nicht kannten. Ich bin selbst Teil einer Produktionsfirma in Wien, coop 99, und wir haben Partner in Frankreich und Deutschland, mit denen wir schon öfter zusammengearbeitet haben. In England hatten wir bis jetzt keine Erfahrung, haben aber mit The Bureau sehr gute Co-Produzenten gefunden. Trotzdem mussten wir erst lernen, was es heißt, in England Filme zu machen. Was sind die Regeln? Was sind die Codes? Klar gab es auch Dinge, die wir erst mal falsch gemacht haben. Aber alles in allem hat das gut funktioniert.

Am Anfang des Films wird erzählt, dass Blumen heute so gezüchtet werden, dass sie möglichst wenig Pflege brauchen, mit dem Ergebnis, weniger zu duften als früher. Sind wir insgesamt zu bequem geworden?
Vermutlich schon. Mir ging es aber mehr um das Thema Glück. Was verbinden wir damit? Was soll Glück eigentlich sein? Das war der Punkt, der mich interessiert. Der Wellness-Gedanke, der in unserer Gesellschaft so schrecklich überbetont wird, lässt uns uns so sehr nach Perfektion und Glück sehnen, dass wir andere wichtige Punkte wie Krankheit, Tod oder eben Unperfektion an den Rand der Wahrnehmung drängen.

In Little Joe empfinden die Menschen dann aber doch Glück aufgrund der Blume und finden auch zueinander. Was ist daran falsch?
Eben, vielleicht ist das ja ok so. Der Film soll ja auch bewusst ambivalent sein. Eine meiner Lieblingsstellen ist, wenn der Leiter des Planthouse sagt, dass es keine Beweise dafür gibt, ob jemand echte Gefühle hat, und noch hinzufügt: Wen interessiert’s? Und das ist der Punkt. Wir können gar nicht völlig authentisch sein. Jeder Mensch ist in dem, was er denkt und empfindet, sehr stark beeinflusst von der Gesellschaft, in der wir leben. Denn die suggeriert immer, was wir denken und fühlen sollen. In all meinen Filmen geht es deshalb weniger um den originellen Teil von Personen, sondern darum, wer wir sein sollen und welche gesellschaftliche Rolle wir zu spielen haben. In Little Joe ist deshalb auch die ironische Frage, was unsere echten Gefühle sind. Ich würde nicht behaupten, dass Alice oder Joe am Ende glücklich sind. Aber vielleicht sind sie es auch.

Aber was ist dann für Sie wahres Glück?
Glück ist meiner Meinung nach eine Illusion. Glück ist wie Liebe. Das ist auch ein Idee, der wir nachjagen, selbst wenn unser Alltag ganz anders aussieht und uns die Personen, mit denen wir zusammen leben, vielleicht schon fremd geworden sind. Es hat mal jemand zu mir gesagt, dass er wüsste, was Glück ist: sein Ferienhaus. Er holte dann sein Handy heraus und zeigte mir das Foto von seinem Ferienhaus. Daraufhin habe ich zu ihm gesagt, dass das Glück nicht das Ferienhaus ist, sondern das Foto davon. Nicht das Gebäude an sich, sondern die Idee. Die Sehnsucht danach. Wenn du hinfährst, regnet es vielleicht, du stolperst, du hast den Schlüssel vergessen, es ist kalt. Aber die Vorstellung hinzufahren, die macht glücklich.

Der Alltag in Litte Joe ist ebenfalls eher unglücklich, im Bereich des Zwischenmenschlichen haben fast alle ihre Probleme. Bella ist isoliert, Alice vernachlässigt ihren Sohn, der wiederum nicht zu seinem Vater will. Verlieren wir als Gesellschaft das Zwischenmenschliche?
Nein, ich glaube eher, das war schon immer so. Menschen konnten früher auch nicht besser kommunizieren. Die Tatsache, dass jeder aneinander vorbeiredet und in seiner eigenen Welt lebt, halte ich für existenziell. Das ist wohl unumschiffbar.

Sie haben vorhin Frankenstein erwähnt. Der Eingriff in die Natur gehörte immer zu den Themen des Horrorgenres bzw. des Science-Fiction dazu. Heute ist der Eingriff völlig normal, dass wir Pflanzen und Tieren in unserem Sinne ändern. Ist das ein Thema, das Sie beschäftigt?
Ich fand es wie gesagt interessant, die Idee des Frankenstein auf eine Frau umzumünzen, die mit dazu beiträgt, dass ihr eigenes Kind sich verändert und sich ihr entzieht. Im Laufe der Recherche bin ich auf das Thema der Gentechnik gekommen und habe angefangen mich dafür zu interessieren. Was mich bei dieser Diskussion interessiert, ist die Ambivalenz. Durch die gentechnische Manipulation wird viel Gutes geleistet. Gleichzeitig ist die Sorge zu Recht gegeben, dass etwas nach hinten losgeht und wir Nebenwirkungen haben, von denen wir nichts wissen konnten. Das ist also schon ein zweischneidiges Schwert.

Was sind Ihre filmischen Vorbilder?
Maya Deren ist eine Regisseurin, die in den 40er Jahren Experimentalfilme in New York gemacht hat und die ich ganz toll finde. Sie hat mit einem Komponisten Teiji Itō zusammengearbeitet, dessen Musik ich auch in Little Joe verwendet habe. Diese eigenwillige japanische Trommelmusik stammt aus einer CD, die er schon vor langer Zeit aufgenommen hat. Dass ich die genommen habe, hat sicherlich auch mit Maya Deren zu tun, weil ich ihre Filme auf eine Weise unheimlich finde, die mich sehr berührt. Es sind Filme in der Tradition des Surrealismus.

Und was steht bei Ihnen selbst in der Zukunft an?
Ich habe eine neue Idee für einen Film im Kopf, die ich entwickle. Es wird auch in dem neuen Film um die Biegsamkeit von Persönlichkeiten gehen. Um die Frage: Wozu ist ein Mensch fähig? Wer ist ein Mensch wirklich? Wer kann er sein? Dieses Mal wird es um eine Sekte gehen, die sich mit Essverhalten beschäftigt.

Jessica Hausner

© Evelyn Rois

Zur Person
Jessica Hausner wurde am 6. Oktober 1972 in Wien geboren. Sie studierte an der Filmakademie Wien und gründete 1999 eine eigene Filmproduktionsfirma. Nach mehreren Kurzfilmen erlangte sie 2001 mit dem Jugenddrama Lovely Rita Beachtung. Seither war sie regelmäßig bei bedeutenden Filmfesten zu Gast, zuletzt in Cannes, wo sie 2019 ihr Science-Fiction-Werk Little Joe – Glück ist ein Geschäft vorstellte.



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Jessica Hausner [Interview]
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