Kritik

Der Blonde

„Der Blonde“ // Deutschland-Start: 29. November 2019 (DVD)

Am Rande von Buenos Aires zieht Gabriel (Gaston Re) in das freie Zimmer von seinem Arbeitskollegen Juan (Alfonso Barón). Offiziell sind beide hetero, niemand weiß von der Anziehungskraft, die beide füreinander empfinden und die sie sich auch nicht so recht eingestehen wollen. Und so bringt Juan immer wieder seine weiblichen Eroberungen mit nach Hause, provoziert Gabriel aber gleichzeitig mit verstohlenen Blicken und unauffälligen Berührungen. Könnte aus den beiden also vielleicht doch mehr werden also nur Mitbewohner?

Selten wird man von einem Film und einer Geschichte derart überrascht. Das Drama von Marco Berger, dessen DVD Cover sehr schlicht gehalten ist und kaum erahnen lässt, was sich hinter dem Titel Der Blonde verbirgt, ist bereits der sechste Langfilm des Argentiniers, der nicht nur Regie führt sondern auch alle seine Drehbücher konsequent selbst verfasst.

Nur schauen, nichts sagen
Thematisch greift Der Blonde wie seine Vorgänger Taekwondo oder Plan B homoerotische Beziehungen auf, und entführt den Zuschauer in eine Welt, in der Beobachtungen und Blicke mehr sagen als tausend Worte. Ähnlich schlicht wie das Cover gestaltet Berger zusammen mit seinem Kameramann Nahuel Berger seinen neuen Film und kreiert damit ab der ersten Minute ein intensives Gefühl von Authentizität, Nahbarkeit, aber auch zum Teil unerträgliche Anspannung.

Oft ist die Kamera dabei ganz nah an den beiden Hauptdarstellern dran, fast könnte man meinen kriecht sie in sie hinein und lässt uns die Momente aus ihrem Blickwinkel erleben. Mitsamt dem Gefühlschaos, in das sich sowohl Gabriel und Juan stürzen. Dabei bleibt der Blick auf das Szenario aber immer fokussiert und ruhig. Schnelle Bewegungen wird man hier kaum vorfinden. Stattdessen entwickelt die Starrheit und das Ruhen im Raum einen faszinierenden Beobachtungscharakter, der den Zuschauer in den intimsten Momenten fast voyeuristisch in den Bann zieht. Jede einzelne noch so kleine Gefühls- und Stimmungsänderung überträgt sich damit innerhalb von Sekunden automatisch auch auf das Publikum. Dass ein Film mit so einer kurzen Distanz zum Zuschauer arbeitet, kommt nicht oft vor und kann in anderen Fällen auch eine Gratwanderung zum Scheitern werden, da zu viel emotionaler Druck auch durchaus als störend empfunden werden kann. Marco Berger allerdings wird mit seiner Darstellung nie aufdringlich und löst Spannungen im richtigen Moment auf, auch wenn man sich damit wirklich auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle begibt.

Ein bewährtes Paar
Die beiden Hauptdarsteller Gaston Re, mit dem Berger bereits für den Film Taekwondo zusammenarbeitete, und Alfonso Barón agieren auf der Leinwand unglaublich gut zusammen, je weiter die Geschichte voranschreitet. Zu Beginn ist das Verhältnis beider Charaktere zueinander allerdings für den Zuschauer etwas irritierend und schwer zu durchschauen. Während Juan als passiv-aggressiv auftritt und Gabriel mit Berührungen und nackten Spaziergängen durch die Wohnung schon gewissermaßen provoziert und dabei scheinbar auch austestet, wie weit er gehen kann, ist sein neuer Mitbewohner sehr schweigsam, verzehrt sich mit Faszination nach ihm, bleibt aber in seiner Unsicherheit zurückhaltend. Hatten die beiden also schon eine gemeinsame Vergangenheit und wie gut kennen die beiden sich eigentlich schon? Diese und andere Fragen, die sich aus der Beobachtung heraus ergeben, weniger aus den spärlichen Dialogen, lässt der Regisseur jedoch weitestgehend unbeantwortet und überlässt es der Interpretation des Zuschauers, die Lücken zu füllen.

Umso deutlicher geht Berger mit Homophobie um und wie die alltägliche Situationen mit Freunden die Entscheidungen beeinflussen, die Juan trifft. Denn die Suche nach Normalität im Leben ist von sehr unterschiedlichen Vorstellungen der zwei Männer geprägt und prallt immer wieder hart aufeinander. Dabei spielt nicht nur Juans Beziehung zu einer Frau eine Rolle, auch dass Gabriel eine Tochter aus einer früheren Ehe hat, verkompliziert die Angelegenheit zusehends und lässt lediglich die Wohnung, in der die zwei immer wieder Momente allein erleben, zu einem erfüllteren Rückzugsort werden. Ein ruhiges und unglaublich intensives Romantik-Drama, das einen sprachlos und emotional bewegt zurücklässt.

Credits

OT: „Un Rubio“
Land: Argentinien
Jahr: 2019
Regie: Marco Berger
Drehbuch: Marco Berger
Musik: Pedro Irusta
Kamera: Nahuel Berger
Besetzung: Gaston Re, Alfonso Barón, Malena Irusta, Ailín Salas, Charly Velasco, Justo Calabria, Melissa Falter

Bilder

Trailer

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Der Blonde
4.53 (90.53%) 19 Artikel bewerten

Der Blonde
Wenn Bilder mehr ausdrücken, als es Worte jemals könnten, und Emotionen dabei zum Greifen nah sind. "Der Blonde" ist beeindruckend intensiv und fesselt den Zuschauer über die komplette Laufzeit. Lediglich das Vernachlässigen der Nebenfiguren hindert den Film gerade gegen Ende leider ein wenig daran, wirklich perfekt zu werden.
9von 10

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