Kritik

Betrogen The Beguiled Clint Eastwood

„Betrogen“ // Deutschland-Start: 20. Juli 1973 (Kino) // 18. Oktober 2007 (DVD)

Es sah nicht gut aus für  John McBurney (Clint Eastwood). Der Nordstaatensoldat wurde während des amerikanischen Bürgerkriegs schwer verwundet und liegt nun hilflos mitten im Feindesland. Zu seinem Glück wird er jedoch nicht von den gegnerischen Truppen gefunden, sondern von der 12-jährigen Amy (Pamelyn Ferdin), die ihn mit zu ihrem Mädchenpensionat nimmt. Deren Leiterin Martha Farnsworth (Geraldine Page) ist alles andere als begeistert über die Ankunft des Fremden, beschließt aber, diesen erst einmal Unterkunft zu gewähren, um ihn gesund zu pflegen. Schließlich ist sie eine gute Christin. Dabei ahnt sie jedoch noch nicht, welches Chaos sie damit in dem reinen Frauenhaushalt heraufbeschwören wird …

Clint Eastwood, das bedeutete in Filmen meist harte Kerle, echte Obermachos, denen keine anderen Männer etwas anhaben konnten und denen die Frauen zu Füßen lagen. Es war daher durchaus mutig von ihm, als er sich vor bald 50 Jahren dazu entschlossen, in der Adaption des Buches A Painted Devil von Thomas P. Cullinan mitzuspielen. Ein harter Kerl ist er auch dort, zudem das Objekt der Begierde. Nur wird er tatsächlich zu einem Objekt reduziert, das sich anfangs zwar geschickt der Begierden der Frauen bedient, ihnen jedoch auch völlig ausgeliefert ist, wie er mit der Zeit feststellen wird.

Eine etwas andere Kooperation
Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Betrogen von Don Siegel inszeniert wurde, mit dem Eastwood mehrere Male zusammenarbeitete. Tatsächlich erschien der Film nur wenige Monate vor Dirty Harry, der vierten von fünf Kooperationen. Während ihm seine Rolle als abgebrühter Polizist aber Weltruhm verschaffte und der Actionfilm mehrere Fortsetzungen nach sich zog, ging die Literaturverfilmung ziemlich unter. Das lag sicherlich auch an den nicht erfüllten Erwartungen, die das Image Eastwoods mit sich brachte, ebenso das Plakat, welches ihn mit einer Kanone zeigt. Von einem Actionstar ist er hier weit entfernt. Wie auch, wenn er verletzt den Großteil des Films nur in Betten liegt?

Die Waffen von McBurney, das sind seine Verführungskunst und sein gutes Aussehen, dazu die notwendige Verschlagenheit, um das auszunutzen. Das ist nicht unbedingt das, was seine Fans sehen wollten. Als Held geht der Soldat auch nicht gerade durch. Interessant wird Betrogen, wenn mit der Zeit die Situation immer angespannter wird. Ein Haus voller Frauen, fernab von jeglichen Männern, das bedeutet natürlich jede Menge unterdrückter sexueller Gelüste. Da spielt auch das Alter keine echte Rolle, tatsächlich entsteht nach und nach einiges an Spannung, gerade innerhalb der weiblichen Reihen, wenn konkurrierende weibliche Bedürfnisse immer lauter werden.

Die Komik der Übertreibung
Leider wird diese Spannung anderweitig jedoch wieder zerstört. Einiges ist dabei natürlich auf Sehgewohnheiten zurückzuführen, die sich in den letzten Jahrzehnten geändert haben. Der Hang zur Theatralik mit leichtem Overacting, das würde man heute so nicht mehr sehen. Gleiches gilt auch für den später eingebauten holprigen, letztendlich überflüssigen Flashback, der wie so manches hier unfreiwillig komisch ist. Oder sollte das doch komisch sein? So genau weiß man das hier nie: Während Betrogen die meiste Zeit zwischen erotisch aufgeladenem Drama und Thriller angesiedelt ist, lassen manche Passagen auf eine schwarze Komödie schließen.

Das ist grundsätzlich bei dem 2017 erschienenen Remake Die Verführten von Sophia Coppola ähnlich, eine ganz eindeutige Einteilung in ein Genre war dort ebenfalls nicht möglich. Die Neuauflage war in der Hinsicht jedoch stimmiger, präziser, entschlossener. Betrogen ist hingegen ein eigenartiger Fiebertraum, der im einen Moment lächerlich, im nächsten verstörend sein kann, manchmal auch als Parodie auf Erotikfilme durchginge. Das hat durchaus seine interessanten Szenen, ist letztendlich aber eher grob als verführerisch, entwickelt weder die Konfliktsituationen noch das Gefühl der Auslieferung stark genug.

Credits

OT: „The Beguiled“
Land: USA
Jahr: 1971
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Albert Maltz, Irene Kamp
Vorlage: Thomas P. Cullinan
Musik: Lalo Schifrin
Kamera: Bruce Surtees
Besetzung: Clint Eastwood, Geraldine Page, Elizabeth Hartman, Jo Ann Harris, Darleen Carr, Mae Mercer, Pamelyn Ferdin

Bilder

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Betrogen
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Betrogen
„Betrogen“ zeigt Clint Eastwood mal nicht als harten Helden, dem sich alle unterwerfen, sondern als verwundeten Soldaten, der einer Reihe zunehmend lüsterner Frauen ausgeliefert ist. Das ist als Idee interessant, die Literaturverfilmung hat auch durchaus ihre Momente, ist an zu vielen Stellen aber unfreiwillig komisch, als dass daraus richtig viel Spannung entstünde.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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