Erst reagierten die anderen verwundert, später verärgert: Als in Gott existiert, ihr Name ist Petrunya (Kinostart 14. November 2019) die 31-jährige Arbeitslose Petrunya in einen Fluss springt, um ein Kreuz zu fangen, das der Priester zuvor hineingeworfen hat, bricht sie eine alte Tradition: Nur Männer dürfen an diesem Ritual teilnehmen. Und das wollen sie sich auch nicht von einer dahergelaufenen Frau nehmen lassen. Basierend auf einer wahren Geschichte erzählt Teona Strugar Mitevska von patriarchischen Strukturen in Nordmazedonien und dem Kampf einer Einzelnen gegen die Massen. Wir haben die Regisseurin beim Bimovie Frauenfilmfest 2019 getroffen, wo sie die preisgekrönte Tragikomödie dem Publikum persönlich vorstellte.

Du erzählst in deinem Film eine sehr ungewöhnliche Geschichte. Wie bist du auf sie gekommen?
Sie basiert auf einer wahren Geschichte. Vor fünf Jahren sprang eine Frau in Štip ins Wasser, um das Kreuz zu bekommen. In einem Interview, das sie danach gab, erzählt sie, dass sie ins Wasser gesprungen ist, weil sie schneller schwamm als alle Männer. Außerdem fragte sie, ob sie nicht auch ein Recht darauf hätte, ein glückliches Jahr zu haben. Denn das ist es, was dieser Brauch sagt: Wer das Kreuz bekommt, der hat ein glückliches Jahr.

Und war es ein glückliches Jahr für sie?
Überhaupt nicht. Die Stadt war danach völlig im Aufruhr. Wie kann diese Frau es nur wagen, sich das Kreuz zu nehmen! Den Medien war das Thema dagegen egal, es gab im Anschluss keinerlei Diskussion. Die schrieben nur: Schaut mal, da hat eine Frau mitgemacht, wie lustig! Da frage ich mich dann, was das für eine Gesellschaft ist, in der noch nicht einmal darüber diskutiert wird, was sie getan hat und aus welchen Gründen. Niemand hat das ernst genommen. Also entschlossen wir uns, wenigstens einen Film zu dem Thema zu machen und auf diese Weise eine Diskussion zu starten, über die patriarchische Gesellschaft und die Frustration von Frauen, die in einer solchen Gesellschaft aufwachsen.

Im Fall dieser Frau war es demnach eine bewusste Entscheidung? Bei Petrunya hat man ja eher das Gefühl, dass das eine sehr spontane Sache war.
Bei der realen Frau war es das absolut. Leider habe ich sie nie persönlich getroffen und kenne sie selbst nur aus den Nachrichten. Die Frau konnte später auch nicht mehr in der Stadt leben und hat sich deshalb ein Visa für England besorgt. Jetzt lebt sie in London. Vielleicht versucht sie die traumatische Erfahrung noch zu verarbeiten und ist deshalb nicht erreichbar.

Wenn ihr die Frau nie getroffen habt, wie habt ihr dann die Figur von Petrunya entworfen?
Es gab dazu viele Diskussionen bei uns, auch zu der Frage, ob der Sprung ins Wasser eine bewusste Entscheidung sein sollte oder doch eine spontane. Wir haben uns dann entschieden, dass es für das Publikum eine befriedigendere Erfahrung ist, mit dem Charakter zusammen zu wachsen. Wir wollten keine typische Feministin aus ihr machen, sondern jemand, mit dem sich das Publikum leicht identifizieren kann. Denn was Petrunya will, das ist Gerechtigkeit. Und es ist dieser Kampf um Gerechtigkeit, der sie im Laufe des Films stärker werden lässt.

Du meintest vorhin, dass die Medien kaum auf den Vorfall reagiert hatten. Wie waren die Reaktionen auf deinen Film? Kam es dadurch zu Diskussionen?
Am Anfang wurde der Film ignoriert. Ich denke, dass die Leute einfach nicht wollten, dass man ihnen einen Spiegel vorhält. Der Film war einfach zu nah an ihnen dran. Also sind wir einige Monate durchs Land gefahren und haben den Film persönlich vorgestellt, einem ganz gewöhnlichen Publikum. In Nordmazedonien gibt es heute kaum noch Kinos, weil die alle geschlossen wurden, weswegen wir den Film anderweitig zeigen mussten. Wir haben kaum Eintritt für diese Veranstaltungen verlangt, nur so viel, dass alles bezahlt werden konnte. Und das hat sehr gut funktioniert. Tatsächlich ist derzeit ein anderer Film in Nordmazedonien auf einer ähnlichen Tour durch die Orte. Vielleicht haben wir damit ja einen neuen Trend gesetzt? Auf jeden Fall ist es eine großartige Methode, um das Kino wieder zurück zu den Menschen zu bringen und dem nordmazedonischen Film wieder Aufschwung zu verleihen.

Das wäre wünschenswert. Ich muss gestehen, dass ich kaum einen Film aus Nordmazedonien bisher gesehen habe …
Gott existiert, ihr Name ist Petrunya ist auch der erste Film aus Nordmazedonien seit 27 Jahren, der in Deutschland in die Kinos kommt.

Und direkt die Woche drauf startet mit Land des Honigs gleich ein zweiter.
Ja, 2019 war ein fantastisches Jahr für das nordmazedonische Kino. Wir haben gleich zwei Filme, die durch die Welt reisen. Das ist das erste Mal in unserer Geschichte.

Du meintest vorhin, dass der Film zu nah an den Leuten ist. Gott existiert, ihr Name ist Petrunya spielt in einer kleinen Stadt und erzählt eine ganz eigene Geschichte. Wird diese Geschichte auch in den größeren Städten Nordmazedoniens oder gar im Ausland verstanden?
Total. Die Geschichte lässt sich problemlos auf die anderen Balkanstaaten übertragen. Ich denke auch, dass die Geschichte weltweit funktioniert, im einen Land mehr, im anderen weniger. Patriarchische Gesellschaften und Strukturen gibt es schließlich überall. Natürlich sind Geschlechterfragen in Deutschland oder Skandinavien weniger ausgeprägt. Als wir den Film finanzieren wollten, hat unser schwedischer Produzent immer wieder versucht, eine Förderung zu erhalten. Aber in Schweden hat man den Film nicht verstanden, weil die Geschichte so dort gar nicht möglich wäre. Als er jedoch bei der Berlinale gezeigt wurde, waren im Anschluss die ersten Käufer die Skandinavier. Das ist das Schöne an einem kulturellen Austausch: Am Ende konnten sie sich doch in dem Film wiederfinden, auch wenn die Situation so nicht bei ihnen möglich wäre.

Wie würdest du das heutige Nordmazedonien beschreiben?
Es ist ein sehr komplexer Ort. Aufgrund des Namensstreites mit Griechenland und des Embargos war das Land sehr in sich geschlossen. Doch nach und nach ändert sich das jetzt. Wir haben eine neue Regierung und öffnen uns langsam für das Ausland. Ich denke, dass es ein wunderschöner Ort ist, der aber ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Als wir von Europa zurückgewiesen wurden, wurde es sehr finster. Manche wurden dann auch größenwahnsinnig. Es gab viel Nationalismus. Dabei müssen wir gar nicht die besten von allen sein. Es reicht, wenn wir unser reiches kulturelles Erbe annehmen. Und das geschieht gerade. Wir haben beispielsweise mehr und mehr Festivals. Doch die arbeiten noch sehr alle für sich, anstatt miteinander zu arbeiten. Das wäre dann der nächste Schritt, die Vernetzung.

Bist du selbst gläubig?
Ja, ich glaube an die Menschheit.

Man kann an die Menschheit glauben, ohne an einen Gott zu glauben.
Als ich 17 Jahre alt war und mein letztes Jahr der High School hatte, war ich als Austauschschülerin in den USA. In einem Aufsatz über Existenzialismus stellte ich die Frage, ob Gott existiert. Dafür bekam ich ein F. Wie kannst du es wagen, die Existenz Gottes in Frage zu stellen! Aber so ist das in den USA. Als ich meinen Vater fragte, was er dazu meinte, sagte er, dass er nicht weiß, ob es Gott gibt und dass das eigentlich auch nicht wichtig ist. Wichtig ist vielmehr die Idee, dass es etwas gibt, das größer ist als man selbst. Denn das bringe ihn dazu, mehr über sich nachzudenken und ein besserer Künstler zu sein. Wenn du Gott also als etwas auffasst, das größer ist als der Einzelne, dann ja, bin ich eine Gläubige.

Aber keine Gläubige in dem Sinn, dass du in die Kirche gehst?
Das nicht. Außer auf Reisen. Ich reise sehr gern und schaue mir alles an, auch Kirchen oder Moscheen. Ich liebe es, Traditionen zu beobachten. Und ich habe auch nichts gegen Menschen, die Religionen folgen. Jeder sollte die Wahl haben, woran er glauben möchte.

In den letzten Jahren wurde viel über Frauen im Film gesprochen, sowohl vor wie auch hinter der Kamera, über die Ungleichheit. Hast du das Gefühl, dass sich seither etwas verbessert hat?
Auf jeden Fall. Als ich meinen ersten Kurzfilm gedreht habe, musste ich wirklich dafür kämpfen, ernst genommen zu werden. Es ist unglaublich, was sich seither getan hat, gerade auch in den letzten drei bis vier Jahren.

Aber ist das auch genug? Auf den großen Filmfesten gibt es immer noch deutlich weniger Regisseurinnen als Regisseure. Und es sieht auch nicht so als, als würde man das gezielt ändern wollen.
Da muss tatsächlich noch deutlich mehr getan werden. Ich bin hier sehr für eine positive Diskriminierung, dass also auch gezielt Filme von Frauen gezeigt werden. Andernfalls werden wir es vermutlich nie schaffen, dass es irgendwann einmal normal sein wird. Mir ist auch bewusst, dass auf diese Weise anfangs eventuell vereinzelt schlechte Filme gezeigt werden. Aber das ist ein Risiko, das wir eingehen müssen, um Frauen die Möglichkeit zu geben, ihre Geschichten zu erzählen. Ich sage auch immer jungen Filmemachern und Filmemacherinnen: Findet euren Raum, um euch ausdrücken zu können. Selbst wenn das am Anfang schief gehen sollte, am Ende wird die Qualität steigen. Wir müssen nur irgendwo anfangen.

Teona Strugar Mitevska

Zur Person
Teona Strugar Mitevska wurde am 14. März 1974 in Skopje, Nordmazedonien geboren. Sie sammelte als Kind schon erste Erfahrungen vor der Kamera. Später absolvierte sie eine Ausbildung zur Grafikdesignerin und studierte Film an der Tisch School of the Arts in New York. Ihr erster Kurzfilm Veta erschien im Jahr 2001, drei Jahre später erfolgte mit How I killed a Saint der erste Spielfilm. Ihr aktueller Spielfilm Gott existiert, ihr Name ist Petrunya (2019) über alte patriarchische Traditionen in Nordmazedonien feierte auf der Berlinale Premiere und wurde dort mit dem den Preis der Ökumenischen Jury und dem Gilde Filmpreis ausgezeichnet.



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Teona Strugar Mitevska [Interview]
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