Was passiert, wenn deine große Liebe plötzlich fort ist? Und ist das Leben vorbestimmt oder das Ergebnis unserer Handlungen? Das deutsche Drama Mein Ende. Dein Anfang. (Kinostart: 28. November 2019) kombiniert eine tragische Geschichte mit einer ungewöhnlichen Erzählstruktur und regt auf mehr als eine Weise zum Denken an. Wir haben Regisseurin und Drehbuchautorin Mariko Minoguchi zum Interview getroffen und sie zu ihrem Spielfilmdebüt, eigenen Inspirationen und den Herausforderungen des Drehs befragt,

Wie bist du zu der Idee für deinen Film gekommen?
Prinzipiell will man ja irgendwann seinen ersten Spielfilm machen und die Hauptherausforderung besteht darin, wie man den passenden Stoff findet. Dann läuft man durch die Welt und denkt vielleicht, jetzt hat man ihn gefunden, hat ihn aber doch noch nicht. Bei dem Stoff war es so, dass mein Bruder mich besucht hatte. Der ist Quantenphysiker und hat sich so richtig Zeit genommen mit dem Versuch, mir zu erklären, was er da so macht und was eigentlich der Unterschied zur klassischen Physik ist. Ich hab das dann ein bisschen verstanden und mich danach sehr damit beschäftigt, weil ich den philosophischen Aspekt dahinter interessant fand. Wenn wir über Zufall oder Determinismus reden, dann ist das immer etwas sehr Abstraktes. In der Wissenschaft ist das toll, weil es eben nicht mehr abstrakt ist, sondern ganz real. Das war der Grundstein der Geschichte.

Und wie wurde aus diesem Grundstein dann die Geschichte um Nora, Aron und Natan?
Das Paar Aron und Nora gab es für mich von Anfang an, ebenso die letzte Szene in der U-Bahn. Die war schon da, bevor die Geschichte selbst stand.

Das Ende war also dein Anfang.
Genau. Und es ist gleichzeitig der Anfang der Geschichte. Und von dort aus ist alles langsam zusammengekommen. Ich entwickle nicht im klassischen Sinne und schreibe keine Exposés, sondern fang einfach an. Dadurch ist es glaube ich immer sehr lange im Kopf. Mir war auch von Anfang an klar, dass gleich zu Beginn etwas Großes geschieht, wodurch man als Zuschauer hineingezogen wird. Es sollte auch um Tod gehen. Ein paar Zutaten gab es also schon früh. Die Sache mit der Zeit kam dadurch, dass ich in Taiwan geschrieben habe. Ich bin dabei über Shanghai geflogen und musste am Flughafen acht Stunden warten. Und ich war zu dem Zeitpunkt ohnehin schon sehr müde, ganz schrecklich. Während ich da auf der Bank lag, stellte ich mir vor, wie ich schon in das Flugzeug hineingehe und es später verlasse. In dem Moment hat sich dieses Vorstellen so real angefühlt, als wäre es eine Erinnerung. Dadurch kam ich auf die Idee für die Gleichzeitigkeit in dem Film. Ab da war es ganz einfach und ich konnte alles runterschreiben, weil ich immer fühlen konnte, was als nächstes passieren muss.

Hast du das dann chronologisch runtergeschrieben oder in der Form, in der es am Ende im Film war?
So wie im Film. Die Szenen zwischen Aron und Nora waren dabei die schwierigsten. Die musste ich erst einmal ein wenig ausklammern, weil sie kein konkretes Ziel hatten. Am Ende habe ich alles natürlich noch einmal überarbeitet. Aber der Film ist fast genauso wie das Drehbuch oder sogar die erste Fassung. Es gab auch nicht allzu viele Fassungen.

Und nie die Befürchtung gehabt, dass du dich ein bisschen verzetteln könntest mit diesen Zeiten, wenn du ständig hin und her springst?
Eigentlich nicht. Für mich war das immer alles ganz klar. Bei den Schauspielern gab es natürlich schon Momente, wo sie erst einmal ein bisschen durcheinander kamen. Aber das ging dann schon. Und bei den Zuschauern habe ich auch keine Befürchtungen, weil ich die immer für ziemlich schlau gehalten habe. Ich mag das ja auch selber gerne, wenn ich bei einem Film als Zuschauer etwas gefordert bin. Bei 21 Gramm von Iñárritu damals dauert es ja auch ziemlich lange, bis man etwas checkt. Aber das ist egal, weil die Szenen so stark sind und man sich total freut, wenn man nach und nach das Puzzle zusammensetzt. Bei Memento ist es ähnlich.

Diese Gespräche mit deinem Bruder, wie sehr haben die deine Weltsicht beeinflusst? Haben sie das überhaupt?
Ja, auf jeden Fall. Für mich war das schon krass zu erfahren, dass die Welt ganz anders ist, als ich dachte. Wie sehr es mich beeinflusst hat in meinem Alltag, das ist natürlich schwer zu sagen. Aber so ein, zwei Jahre habe ich mich schon intensiv mit der Quantenmechanik beschäftigt. Die große Erkenntnis war aber die, dass es letztendlich keine Rolle spielt. Die Dinge passieren, wie sie passieren. Wenn jetzt beispielsweise jemand stirbt, kannst du nur überlegen: Tut es mir gut, das jetzt so oder es anders zu sehen? Es muss nicht zwangsweise das eine oder das andere geben, also Schicksal oder Determinismus.

Dein Vater ist ja Japaner. Gibt es in Japan eine andere Sicht auf das Schicksal als bei uns? Hat dich das irgendwie beeinflusst?
Das kann ich ehrlich gesagt so nicht beantworten. Was aber sicher nicht irrelevant war, ist, dass in Japan der Umgang mit dem Thema Tod ein ganz anderer ist. Der Tod ist dort weniger tabuisiert, auch im Alltag. Fast alle Familien haben einen Schrein zu Hause für ihre verstorbenen Verwandten. Meine Tante und mein Onkel stellen beispielsweise jeden Nachmittag um vier Uhr eine Tasse für meine verstorbene Cousine dorthin, machen ein Räucherstäbchen an und klingeln an einer Glocke. In Japan ist der Tod glaube ich nicht die Antithese des Lebens, so wie es bei uns oft der Fall ist. Da wird noch viel mehr so ein Zwischending zugelassen. Es gibt im Sommer auch immer ein Fest, wo die Seelen zurückkommen, und ich könnte mir vorstellen, dass mich das schon geprägt hat.

Hat dich auch das japanische Kino geprägt?
Wahrscheinlich hat es mich mehr geprägt, als ich es denken würde, weil ich jetzt schon des Öfteren von Leuten gehört habe, dass ihnen mein Film so japanisch vorkam. Ich durfte als Kind ganz viel Miyazaki gucken, weil das gleichzeitig immer den Japanisch-Lern-Effekt hatte. Danach fand ich auch Koreeda toll. Kurosawa ist natürlich auch spannend. Aber das war glaube ich nie auf einer so bewussten Ebene.

Mein Ende dein Anfang

„Mein Ende. Dein Anfang.“ mit Julius Feldmeier und Saskia Rosendahl erzählt von einer tragischen Liebe, folgenreichen Zufällen und dem Leben danach.

Wie sieht es bei dir mit dem Thema Déjà-vu aus? Wie gut kennst du das aus eigener Erfahrung? Du hast es vorhin kurz beim Flughafen erwähnt, im Film spielt es auch eine Rolle.
Ja, ich kenne es, hatte es aber schon echt lange nicht mehr. Ich vermisse es ein bisschen, weil es schon ein tolles Gefühl ist.

Erinnerst du dich an ein Beispiel für ein solches Déjà-vu-Erlebnis?
Ein richtiges Déjà-vu-Erlebnis kann ich gerade glaube ich keins abrufen. Aber es ist mir mal passiert, dass ich von einem Ort geträumt habe, den ich dann irgendwann später in einem Film gesehen habe. Das war der total krasse Moment für mich, weil es auch keine Sehenswürdigkeit oder so war.

Warum bist du Filmemacherin geworden?
Ich glaube einerseits, weil ich nicht so einen richtigen Plan B hatte. Andererseits ist es der schönste Beruf der Welt für mich. Gerade als Regisseur bist du immer von Leuten umgeben, die was besser können als du selbst, und von denen du dadurch viel lernen kannst. In so einem Schreibprozess kannst du dich immer mit Themen auseinandersetzen und für einen kurzen Moment so eine Expertise entwickeln. Und dann kannst du wieder was vollkommen Neues machen. Vor allem gefällt mir das Geschichten erzählen. Zu lesen oder eben auch einen Film zu schauen, das ist sehr wichtig für mich. Ein Kinobesuch, das ist wie anderthalb Stunden Urlaub. Ich habe mich dort Hunderte Male verliebt, habe Dinosaurier gesehen oder war im Weltraum.

Was sind Filme, in die du dich besonders verliebt hast?
Oh, da gibt’s sehr sehr viele. Es gibt Filme, die ich wirklich sehr oft anschaue. Das ist zum einen Titanic. Der ist für mich großartig, wobei ich meistens nur die erste Hälfte anschaue. Ich finde alle Filme von Christopher Nolan ganz toll. Auch die Filme von Denis Villeneuve sind großartig. Bei Sicario gibt es diese Szene beim Grenzübergang, die habe ich mir bestimmt schon 25 Mal angeschaut, weil ich es so genial finde, wie da die Spannung erzeugt wird. Davon kann man einfach wahnsinnig viel lernen. Oder von Arrival. Ich bin auch ein großer Fan von Die Tribute von Panem – The Hunger Games. Das kommt aber eher von den Büchern. Was ich auch immer wieder gerne gucke, ist Heaven von Tom Tykwer. Viele amerikanische oder australische Indie-Filme noch. Take Shelter zum Beispiel. Die Liste ist da endlos.

Dein eigener Film ist ja nicht so ganz mit dem zu vergleichen, was wir sonst aus dem deutschen Kino kennen. Wie schwierig war es da, das Geld aufzutreiben?
Das war ehrlich gesagt erstaunlich einfach. Wir sind einen etwas unkonventionellen Weg der Finanzierung gegangen. Üblicherweise würde man zu einem Fernsehsender gehen. Das haben wir auch gemacht, das habe ich aber schon wieder verdrängt. Wir hatten aber das Glück, dass Telepool schon relativ früh von dem Projekt mitbekommen haben und dieses Projekt unbedingt machen wollten. Danach haben wir noch Förderung beantragt und auch bekommen. Ich denke, wir haben so ein halbes Jahr für die Finanzierung gebraucht.

Ein weiteres Thema des Films neben Schicksal und Déjà-vu ist die Liebe. Glaubst du an die große Liebe? Im Film gibt es schon die Frage, ob es nach dem Ende für Nora noch eine Liebe geben kann.
Klar. Ich glaube an große Lieben und bin sicher, dass Nora wieder einen tollen Partner findet, der dann für eine andere Lebensphase wichtig ist. Ich weiß auch nicht, ob Aron und Nora zusammengeblieben wären, wenn das nicht passiert wäre. Genauso weiß ich nicht, was gewesen wäre, wenn sich Nora und Natan früher begegnet wären, und unter anderen Umständen.

Was macht für dich eine große Liebe aus?
Das kann ich so genau nicht sagen. Dass man sie will und bereit ist, um sie zu kämpfen. Eine Mischung aus Geborgenheit und Freiheit.

Eine Sache, die ich schön am Film fand, war wie eines zum anderen führt, ohne dass man sich dessen immer bewusst ist. Dass sich Nora und Aron beispielsweise nicht begegnet wären, hätte es nicht ausgerechnet an dem Tag geregnet. Kannst du uns eine solcher Zufälligkeiten nennen, weswegen wir heute hier sitzen?
Wo fang ich da an … Vor vielen vielen Jahren saß ich im Kino und habe Lore angeschaut, von Cate Shortland mit Saskia Rosendahl in der Hauptrolle. Wenn es an dem Tag zum Beispiel geschneit hätte und ich wäre nicht ins Kino gegangen, hätte ich Saskia nie in dem Film gesehen und wäre nicht so begeistert gewesen, dass ich unbedingt mit ihr bei Mein Ende. Dein Anfang. arbeiten wollte. Vielleicht wäre ohne sie der Film so schrecklich geworden, dass du mich nicht treffen wolltest. Oder auch die Geschichte am Flughafen oder dass ich überhaupt nach Taiwan gefahren bin. Das war ein ziemlicher Zufall. Ich kannte dort niemanden und wusste nichts über den Ort. Aber ich habe vor vielen Jahren mal Taiwaner kennengelernt, die nett waren. Und seither dachte ich, das ist ein guter Ort.

Jetzt da der Film rum ist, was steht als nächstes an?
Ich will auf jeden Fall wieder einen Film machen und lese deswegen schon andere Stoffe, versuche aber parallel, etwas Eigenes zu entwickeln. Da bin ich aber noch in einem frühen Stadium. Was ich schon verraten kann: Es geht wieder um verschiedene Menschen und Welten, die sich kreuzen.

Das war’s auch schon von meiner Seite. Letzte Worte? Etwas, das du noch zu deinem Film loswerden möchtest?
Was ich schon immer mal sagen wollte: Ich glaube, dass Mein Ende. Dein Anfang. ein guter Date-Film ist, gerade auch wenn man sich noch nicht so gut kennt.

Mariko Minuguchi

Zur Person
Mariko Minoguchi wurde 1988 in München geboren. Ihr Vater ist Japaner, ihre Mutter Deutsche. Nach Beendigung der Schule absolvierte sie Praktika und Assistenzen in Produktion, Regie, Kamera und Szenenbild. Nach mehreren Kurzfilmen gab sie mit dem Liebesdrama Mein Ende. Dein Anfang. (2019) ihr Spielfilmdebüt. Ihr nächster Film wird der Science-Fiction-Thriller Haven: Above the Sky sein, für den sie zusammen mit Regisseur Tim Fehlbaum das Drehbuch schrieb. 



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Mariko Minoguchi [Interview]
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