Verteidiger des Glaubens

„Verteidiger des Glaubens“ // Deutschland-Start: 31. Oktober 2019 (Kino)

Wenn Dokumentarfilme einem einzelnen prominenten Menschen gewidmet sind, dann läuft es oft auf eine Art Heldenverehrung hinaus, eine Huldigung und fasziniertes Niederkien, gänzlich frei von einem kritischen Hinterfragen. Das lässt sich besonders bei Künstler-Porträts sehen, wo die Grenzen zwischen journalistischer Arbeit und persönlicher Bewunderung äußerst fließend sind. Aber auch bei anderen „Stars“ lässt sich das beobachten, siehe letztes Jahr Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes, in dem sich Wim Wenders zu einem Sprachrohr von Papst Franziskus degradieren ließ. Das klang alles so nett und versöhnlich, was dieser freundliche alte Herr da von sich gab. Der Versuch, diese Worte in einen Kontext zu stellen oder anhand von Taten zu messen? Gab es nicht. Wird schon stimmen.

Diese irritierende Befangenheit fällt umso stärker auf, wenn man Verteidiger des Glaubens dagegenhält. Auch hier wird ein Papst näher beleuchtet. Doch trifft es da eben nicht das amtierende Oberhaupt der katholischen Kirche, sondern dessen Vorgänger Benedikt XVI., im bürgerlichen Leben Joseph Ratzinger. Dessen Ernennung erfreute seinerzeit so manchen hierzulande, ein Deutscher auf dem Papststuhl! In Erinnerung geblieben ist er einem jedoch in erster Linie dadurch, dass er sein Amt aufgab. Während seine Vorgänger jahrhundertelang nur mit den Füßen voraus den Vatikan verließen, setzte er seinem himmlischen Dasein selbst ein Ende. Etwas, von dem man zuvor dachte, dass das gar nicht geht.

Das darf nicht sein!
Allerdings war seine Amtszeit ohnehin von dem Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit geprägt. Einst als progressiver Erneuerer aufgetreten wurde Ratzinger mit den Jahren immer konservativer, zuletzt ging es ihm darum, mit aller Macht das zu bewahren, was von der Kirche übrig war – eben ein Verteidiger des Glaubens. Dafür schaute er dann gern auch mal weg, wenn es Probleme gab oder machte diejenigen mundtot, die für Widerspruch sorgten. Ein bisschen wie Trump, nur ohne dessen Polemik. Eine der kuriosesten Aussagen des Dokumentarfilms sagt dann auch über ihn, dass das Amt des Papstes ideal für ihn war, da er auf diese Weise nicht mit der Welt draußen konfrontiert werden musste.

Doch das wurde ihm eben auch zum Verhängnis, als ausgerechnet in seiner Amtszeit das Missbrauchsthema in der Kirche so explodierte. Das war natürlich auch ein bisschen Pech, schließlich wurde jahrelang missbraucht, sie alle haben weggesehen, lange vor ihm. Zu seinem Unglück wurde das aber so groß, dass bloßes Ignorieren nicht mehr half. Bis heute ist auch umstritten, wie viel Benedikt XVI. eigentlich genau über die Vorfälle wusste. Wann hätte er einschreiten müssen? Hat er eventuell gar geholfen, die Geschichte zu vertuschen, war also nicht allein zu passiv, sondern ein aktiver Mittäter, der dafür eigentlich belangt werden müsste?

Die Hintergründe eines Versagens
Verteidiger des Glaubens legt dies zumindest nahe, auch anhand zahlreicher Interviews, die Regisseur Christoph Röhl führte. Sämtlicher Gesprächspartner*innen kommen aus dem klerikalen Umfeld, sind Theologen, Ordenspriester. Auch Erzbischöfe kommen zu Wort und geben Einblicke in das, was damals passiert ist. Der Dokumentarfilm, der bei der DOK.fest München 2019 Weltpremiere hatte, ist aber weniger darauf aus, Ratzinger als Mensch oder Papst zu verdammen. Das Anliegen ist vielmehr aufzuzeigen, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass der Vorsitzende der Kirche die Täter schützte und dabei die Opfer im Stich ließ. Dafür holt Röhl weit aus, erzählt viel von den Anfängen Ratzingers als junger Mann, der noch fortschrittlichere Ansichten vertrat – bis er von der Realität überholt wurde.

Der Geistliche wird bei Röhl so zu einer umstrittenen, aber auch irgendwie tragischen Gestalt, der es unbegreiflich war, wie Menschen, die Gottes Wort verbreiten sollten, zu solchen Schandtaten in der Lage waren. Denn das war in seiner Weltsicht gar nicht möglich. Und so wurde geleugnet, ignoriert, Ratzinger schaute lieber hinauf in den Himmel, anstatt sich der irgendwie lästigen Erde zu widmen. Das kann man verdammen oder bedauern, der konservative Theologe war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, konnte auf diese Weise seine Mission nicht zu Ende führen. Sofern es überhaupt eine richtige Zeit und einen richtigen Ort geben konnte für einen Mann, der so sehr mit sich selbst und seinem Glauben beschäftigt war, dass da für Abweichungen kein Platz war.



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Verteidiger des Glaubens
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Verteidiger des Glaubens
Ein Papst tritt freiwillig zurück? Geht das? „Verteidiger des Glaubens“ zeichnet den Weg von Papst Benedikt XVI. nach, der die Kirche unter allen Umständen bewahren wollte, dabei aber vom Missbrauchsskandal überrollt wurde. Die Geschichte seines Scheiterns zeigen eine weltfremde und doch auch tragische Figur, die nicht für eine Auseinandersetzung mit der Erde geschaffen war.
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