Schon seit vielen Jahren verschlägt es Regisseur Rainer Komers an Orte auf der ganzen Welt, immer auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, was nach der Industrialisierung kommt. Seine Dokumentarfilme wie Nome Road System (2004), Milltown, Montana (2009) oder jüngst Barstow, California (2018) begehen Orte, die vergessen, oft verödet oder gar von großen Konzernen oder gar der Politik eines Landes beraubt worden sind. Gegen alle Vorurteile, mit denen man diesen Plätzen und Menschen seiner Filme begegnet, wendet sich Komers’ Kamera, die Momente des alltäglichen Glücks und der Wehmut einfängt. Zugleich interessiert sie sich für das Leben an jenen Orten, dessen Grundlage, Vergangenheit und mögliche Zukunft. Anlässlich des Kinostarts von Barstow, California am 3. Oktober 2019 haben wir uns mit dem Regisseur zusammengesetzt und mit ihm über seine Art des Filmemachens, seine Vorgehensweise bei der Recherche von Orten und Menschen sowie über die Welt nach der Industrialisierung gesprochen.

In einem anderen Zusammenhang haben Sie einmal einen Satz des Schweizer Fotografen Robert Frank zitiert, der lautet, dass man zuerst mit den Augen zuhören sollte, bevor man hinsieht. Ausgehend von diesem Zitat frage ich mich, was „hört“ denn Ihr Auge, wenn es durch Orte wie Barstow, Nome oder Milltown zieht?
Der Ausgangspunkt für dieses Zitat war der Wunsch, die filmischen Mittel zu reduzieren. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre hatte ich einen Film mit einem sehr hohen Materialverbrauch für den WDR gedreht und fühlte mich danach deswegen unwohl und überlegte, wie ich das Ruder um 180 Grad herumreißen könne. Am Anfang dieser Überlegungen standen Haikus, japanische Kurzgedichte, die ich in Andreij Tarkowskis Buch Die versiegelte Zeit, einer Sammlung von Essays über Film und Kunst, entdeckt hatte. Diese dreizeiligen Gedichte wirkten auf mich wie kurze Dokumentarfilme.

Der Prozess des Überlegens ging weiter, bis ich eines Tages in dem fantastischen Studio für akustische Kunst im WDR 3, das es seit Jahrzehnten gibt, ein Soundscape von Luc Ferrari hörte, mit Mikrofon und Tonband aufgenommen von ihm an der kroatischen Küste. Aus den Geräuschen – vom Meer, den Möwen oder was die Menschen dort gerade verrichten – konnte ich meine eigenen Erinnerungen und Bilder kreieren. Fast jeder von uns in Mitteleuropa war ja schon einmal am Meer, so wie ich mit meiner Familie auch. Die Geräusche in diesem Film haben mich so sehr angeregt, eigene Bilder im Kopf zu produzieren, dass ich spontan auf die Idee kam – weil ich in meinen Filmen die Kamera selber mache –, meine Bilder mit Soundscape zu verbinden.

Anschließend musste ich „nur“ noch ein Thema finden, an dem ich dieses Konzept ausprobieren konnte und bin darauf gekommen, mich entlang einer Straße zu bewegen. Um die Logistik erst einmal klein zu halten, habe ich eine Straße in Nordrhein-Westfalen, die B 224, gewählt. Die alte B1 durchs Ruhrgebiet fiel aus, weil die visuell sehr eintönig ist, während die B 224, von Norden von Raesfeld kommend, das Münsterland und das Ruhrgebiet durchkreuzt, um schließlich im Bergischen Land bei Wuppertal und Solingen zu enden. Gleichzeitig musste ich die Logistik  wieder enorm erhöhen, weil ich auf 35 mm drehen wollte und mit Stereoton, was mit 16 mm, in dem Format, in dem ich davor gearbeitet hatte, gar nicht gegangen wäre. Aber was den Materialverbrauch betrifft, war es Minimierung total, weil wir nur ein ganz kleines Drehverhältnis hatten. Ich habe mich da bewegt wie ein Fotograf um 1847 mit einer Plattenkamera: Vor  Auslösen musste ich jede Einstellung genau überlegen, das Bild sorgfältig einrichten, und es durfte keine Sekunde zu lang sein.

In einem längeren Montageprozess haben Bert Schmidt (Schnitt) und Michael Busch (Ton), zwei Freunde aus Frankfurt, mit mir dieses erste, man könnte sagen cine poem gemacht. Ein rein audiovisuelles Werk, ohne Sprache und Musik. Auf der Tonebene gab es nur die Geräusche, die in der jeweiligen Szene zu hören waren. Der fertige Film mit dem Titel B 224 hat den Hessischen Filmpreis gewonnen, und er ist auf vielen Festivals gelaufen. Das gab mir den Antrieb zu der Trilogie ErdBewegung, die mich zu zwei weiteren Projekten, zu zwei weiteren Straßen geführt hat.

Den zweiten Film habe ich in Nome (Alaska) an der Beringstraße gemacht und in Super 16 (Kodak) gedreht, also mit einer kleineren und leichteren Kamera, mit der wir auch Synchronton aufnehmen konnten. Das ging mit 35 mm nicht, weil die stumme ARRI dafür zu laut war. Anders als bei  B 224 und 35 mm konnte ich mit mehr Filmmaterial aufnehmen, Handkamera machen und mehr beobachten. Nome Road System hat 2014 den Deutschen Kurzfilmpreis erhalten.

Der dritte Film wurde auf DV gedreht entlang der Grand Trunk Road in Indien, oder dem National Highway 2, wie die Straße offiziell heißt. In diesem Teil Indiens ist die Landschaft wenig attraktiv, weshalb ich mit einer kleinen Videokamera drehen und so die Logistik klein halten konnte. Bei diesem Film ging ich mit der Kamera, schon wegen des dürftigen Sucherbilds, näher an die Menschen heran, es gibt mehr Nahaufnahmen als in den anderen beiden Filmen.

Gibt es bei Ihrer Art Filme zu machen eine Art Plan, oder lassen Sie sich eher durch die Orte und die Menschen treiben?
Bei Milltown, Montana, dem zweiten Teil der The American West-Trilogie, bin ich systematisch vorgegangen, ähnlich wie bei den anderen dialogfreien Filmen. Ich habe zunächst geschaut, von was die Leute dort leben, wo die größten Arbeitgeber sind, wenn es überhaupt welche gibt. Montana ist ein sehr dünn besiedelter Staat, in dem es kaum größere Arbeitgeber gibt, und es besteht aus Land, welches Europäer besetzt und gestohlen haben. Bei Recherchen habe ich herausgefunden, dass die ersten Europäer dort Franzosen waren, die  Pelztierjagd betrieben haben. Pelze waren zu der Zeit in Europa sehr in Mode. Diese Jäger haben später Edelmetalle gefunden, was einen Strom von Gold- und Schatzsuchern nach sich zog. In der Folge wurden größere Lagerstätten entdeckt, beispielsweise in Butte, wo Gold, Silber und Kupfer industriell abgebaut wurden. Das Kupfer aus Butte, das einst „the richest hill on earth“ genannt wurde, ist im Ersten Weltkrieg vor allem zur Herstellung von Patronen benutzt worden. 1862, als die erste Eisenbahntrasse verlegt und der erste Saloon eröffnet waren, erließ die Regierung in Washington den „Homestead Act“, der den nachrückenden Farmern das geraubte Land übereignete.

Wir haben auf einer der größten Farmen in Montana, der Deer Lodge Prison Farm, gedreht. Auf diese von Gefangenen betriebene Ranch wurde ich aufmerksam, als ich sie während der Recherche nachts auf der Interstate 90 zusammen mit Andy Smetanka (einem begnadeten Animationsfilmer aus Missoula) passierte, und Andy mir erklärte, dass in dem Staatsgefängnis auch Montanas Autokennzeichen angefertigt werden. Ich stellte mir vor, wie die Gefangenen Tag für Tag hinter Gittern den Montana-Slogan „Big Sky Country“ auf diese Schilder drucken müssen. Mir war klar, dass ich da unbedingt hin muss. Auf ähnliche Weise habe ich versucht, die einzelnen Besiedlungsstufen Montanas, sofern sie heute noch sichtbar sind, abzubilden. Nach diesem Konzept waren wir auch in der Blackfeet Reservation und wurden dort Zeuge des ersten Spatenstichs für ein Erweiterungsgebäude des Browning Community College.

Während ich den Milltown-Film auf der Basis einer Recherchereise vorbereitet und gedreht habe, war es bei Barstow, California anders. Ohne eine Recherche vor Ort machen zu können, hatte ich vor Drehbeginn lediglich die Adresse von Abraham Jackson, dem Bruder von Spoon Jackson, sowie eine Drehgenehmigung für das städtische Gefängnis im Gepäck. Außerdem hatte ich Tickets gebucht für die Box Tour, eine Bustour zum Trainingscenter Fort Irwin, wo den Besuchern eine Show und das Hantieren mit Waffen geboten wird. Ansonsten wurde der ganze Dreh vor Ort improvisiert und entwickelt, nach einer Methode, die ich „kalkulierter Zufall“ nenne. So arbeite ich eigentlich am liebsten, und die US-Amerikaner machen es einem dabei leicht, denn sie sind geborene Performer. (lacht)

Das wäre auch meine nächste Frage gewesen, nämlich, wie die Menschen auf die Kamera reagiert haben. Insbesondere das Militär, das Ihnen ja sogar erlaubte, eine Übung mitzufilmen.
Das war eine Übung, wie sie unter anderem zur Ausbildung von Eliteeinheiten dient, die im Mittleren Osten, in Afghanistan oder im Irak, eingesetzt werden. In unserem Fall waren wir Teilnehmer der Bustour eingeladen, jede Art von Aufnahmen zu machen. Unabhängig davon hatte ich im Vorfeld versucht, eine offizielle Drehgenehmigung zu erhalten und war dabei grandios gescheitert. Bei diesem vergeblichen Versuch war ich beim Film Department der US-Armee in Hollywood gelandet bzw. gestrandet, und solange man dort keine 50 Panzer bestellt, ist man für die völlig uninteressant. Witzigerweise, ein paar Tage nach der Bustour, erhielt ich einen Anruf des Pressesprechers von Fort Irwin, der anbot, mir das Trainingscenter noch einmal ausführlicher zu zeigen. So sind die übrigen Aufnahmen dort entstanden, die vom Hubschrauber und den Jeeps oder vom Wachposten am Checkpoint, der davon berichtet, welche Tiere er bei seiner Schicht zu Gesicht bekommt. Und es gab weitere Zufallsbegegnungen wie die mit der Geografin und ihren Studentinnen im Rainbow Basin oder dem alten Hippie in seinem Truck unter der baufälligen Eisenbahnbrücke in Barstow. Die fragten nicht groß, von woher man kommt. Das gegenseitige Abtasten läuft nonverbal. Man weiß sehr schnell, ob man was miteinander anfangen kann und legt dann los.

Mir hat insbesondere die Szene in der Kneipe imponiert und die Menschen, die Sie dort gefilmt haben. Die Wirtin zeigte Ihnen ja auch noch die Gedenkwand.
Das hat eine Vorgeschichte. Auf der Fahrt von Barstow nach Lancaster State Prison, wo ich Spoon (zum ersten Mal überhaupt) besucht habe, entdeckte ich ein stillgelegtes Kasernengelände und einen Flugzeugfriedhof. Dort haben wir angefangen zu drehen, nachdem Michel Klöfkorn mit dem Equipment eingetroffen war. Während ich schrottreife Jets und geparkte FedEx-Maschinen aufnahm, hielt ein plötzlich in einer Staubwolke ein Jeep vor uns an, und vier Deutsche stiegen aus. Der Fahrer, der die Restauration in Fort Irwin unter sich hat, und dem wir wir von unserem Vorhaben erzählten,  gab uns den Rat, doch mal nach Hinkley zu fahren. Wir sind seinem Rat gefolgt.

In Hinkley hat es einen der schlimmsten Umweltskandale der USA gegeben, dem viele Bewohner zum Opfer gefallen sind. Durch das Leck in einer Transformator-Station der PG & E (Pacific Gas and Electric) war Chromium 6 ins Grundwasser gelangt, an dem sich die Bewohner vergiftet haben. Geschildert wird dieser Fall in dem Hollywoodfilm Erin Brockovich mit Julia Roberts. In der Szene in Barstow, California sieht man links am Tresen einen alten Mann, der kein Wort sagt. Von ihm wusste ich, dass er von PG & E eine Entschädigung bekommen hatte. Zusammen haben die Betroffenen eine Entschädigung von etwa 300 Millionen Dollar erhalten, die größte Zahlung an Privatleute, die in den USA jemals in einem Gerichtsprozess erstritten worden ist.

Die Radfahrerin mit dem Schlapphut in der Bar war mir schon in Barstow aufgefallen, denn da fährt sonst keiner Fahrrad. (lacht) Jetzt trafen wir sie in Hinkley wieder, haben ein Bier getrunken, die Kamera aufgestellt und sie zusammen mit der Wirtin und den anderen Gästen gefilmt. Von denen kam übrigens der Tipp, die Vogelbabys draußen im Kaktus zu filmen. (lacht) Die Wand mit den Fotos der Verstorbenen hat die Wirtin von sich aus erwähnt. Sie sagte etwas zweideutig, dass die dort abgebildeten Gäste „aus dem einen oder anderen Grund“ gestorben seien. Bei einigen hatte deren Tod bestimmt etwas mit der Vergiftung des Grundwassers zu tun, aber die Wirtin wollte nicht daran erinnern, und ich habe auch nicht weiter nachgehakt.

Der Film hat für mich zwei Erzählstränge oder zeigt zwei Versionen der USA: zum einen die Version, die Ihre Kamera einfängt, und zum anderen die Version, die in den Erinnerungen und Gedichten Spoon Jacksons eine Rolle spielt. Als Sie ihn dann persönlich getroffen haben, welchen Mann haben Sie kennengelernt?
Die Vorgeschichte reicht zurück in das Jahr 2008 bis zu einem Symposium im Museum Ludwig in Köln, das ich damals zusammen mit Petra Schmitz von der Dokumentarfilminitiative NRW gemacht habe. „Sprache und Sprechen im Dokumentarfilm“ war das Motto, ein Thema, das mich von Anfang an beim Filmemachen beschäftigt. Bei diesem Symposium im Filmforum wollte ich unbedingt den Film Three Poems by Spoon Jackson (2003) von Michel Wenzer aus Stockholm zeigen, den ich bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen gesehen hatte. Im Film hört man Jacksons Stimme, sieht ihn aber nicht. Dazu hat Wenzer eine sehr poetische Bildmontage entworfen, teilweise animiert und unterlegt mit seiner eigenen Musik. Die Stimme Jacksons hat mich tief beeindruckt, hat mich buchstäblich mitgenommen. Daraufhin schrieb ich Spoon in einem Brief, ob es für ihn okay wäre, wenn wir auf dem Symposium seinen Film zeigen würden. Spoon, der zu der Zeit im New Folsom State Prison saß, antwortete postwendend. Daraus hat sich ein Briefwechsel entwickelt, der immer intensiver wurde.

2012 schrieb ich für die taz den ganzseitigen Artikel „Gedichte aus der Zelle“. Mein Ziel war es, Spoons Lyrik in Deutschland bekannter oder überhaupt bekannt zu machen. In der Folge habe ich eine Auswahl seiner Gedichte sowie Teile seiner Autobiografie „By Heart“ ins Deutsche übersetzt. Unter dem Titel „Felsentauben erwachen auf Zellenblock 8“ ist meine Übersetzung 2017 in der Dortmunder „edition „offenes feld“ erschienen, herausgegeben von Jürgen Brôcan. Parallel dazu hat sich die Idee entwickelt, Spoons Heimatort Barstow und die Mojave Wüste mit Kamera und Mikrofon aufzusuchen.

In Barstow, California werden zwei Gedichte Jacksons vorgetragen. Das erste, gelesen von Spoons Bruder Abaham, trägt den Titel „Longer Ago“. Es handelt von der Crooks Street und ihren Bewohnern und einem River Bottom genannten Viertel am ausgetrockneten Mojave River, wo die Jacksons einst lebten. Gleich bei meiner ersten Begehung bemerkte ich, dass dieser verlassene Ort ein magischer Ort ist.

Das zweite Gedicht liest Bushawn Carpenter. Er stammt wie Spoon aus Barstow und saß zusammen mit ihm im Gefängnis. Im Gegensatz zu Jackson, der dort zum Lyriker mutierte, wurde aus Carpenter ein Priester. Ich habe ihn gebeten aus Spoons Gedichtband „Longer Ago“ einen Text seiner Wahl vorzulesen. Er entschied sich für „Windowsill“, in dem die nächtliche Begegnung mit einem Frosch auf der Fensterbank der Gefängniszelle geschildert wird. Das ist übrigens auch eines meiner Lieblingsgedichte.

Eine der Kernfragen Ihrer Arbeit ist, was nach der Industrialisierung kommt. Nun kann man sich als Zuschauer selbst ein Bild machen, wenn man die Filme sieht. Aber wie haben Sie denn für sich die Frage bisher beantworten können?
Vor B 224 und dem Indien-Film NH 2 habe ich mir überlegt, in welchem Zustand sich die Zivilisation heute befindet und habe die Vorgehensweise der Menschheit verglichen mit einer Gebetsmühle. Die Grundlagen der Industrialisierung und damit auch des Massenkonsums wurden im 19. Jahrhundert gelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Konsum noch einmal ordentlich angekurbelt – und an den Walzen der Gebetsmühle Konsum kurbeln die Menschen heute, anscheinend bis zur Bewusstlosigkeit, weiter. Das spiegelt sich auch in den Filmaufnahmen wider, wenn wir beispielsweise Bergbauszenen sehen und wie die Erde aufgebuddelt wird, was für mich eine starke Metapher für die Ausbeutung des Planeten durch den Menschen ist. Am liebsten würde offenbar eine Mehrheit ewig so weiter machen, obwohl ihr bewusst ist oder bewusst sein müsste, dass es nicht funktionieren kann. Dennoch bin ich kein Pessimist, denn die Menschen sind in der Lage oder werden in der Lage sein müssen, ihr Verhalten zu ändern. Für ein neues Projekt war ich kürzlich in Japan, in einer abgelegenen Bergregion nördlich von Kyoto, wo, was ganz überraschend für mich war, ich sah, wie die Bewohner immer noch ihr Reisfeld bestellen, was eine sehr mühsame Arbeit ist. Selbst in den größten Städten findet sich dieses Phänomen. Japan ist einerseits hochgradig technologisch zivilisiert, mehr noch als Deutschland, aber parallel dazu gibt es eine tiefe Naturverbundenheit, zu der die Menschen gezwungen sind, allein schon durch die Naturgewalten, die dort immer wieder zuschlagen. Man kann die Natur dort nicht ausblenden, dafür ist sie zu präsent.

Die Menschheit muss also lernen, sich von einem besinnungslosen Massenkonsum zu verabschieden und mit den Ressourcen nachhaltiger umzugehen. Das hat Konsequenzen für die Politik und das ganze kapitalistische System. Dass eine Form der Regulierung funktionieren kann, hat die Zeit im Zweiten Weltkrieg bewiesen. In Großbritannien gab es damals eine Planwirtschaft, alles hatte sich der Kriegswirtschaft unterzuordnen. Und heute hat sich alles der Erhaltung unseres Planeten und unserer Lebensgrundlagen unterzuordnen. Da aber die Politik langsamer als eine Schnecke ist, wenn es darum geht zu reagieren, oder sogar, wie im Falle der USA, den Rückwärtsgang einlegt, müssen die Menschen selber das Heft in die Hand nehmen. Da bin ich optimistisch. Man muss Mut machen, es bringt nichts, nur die drohende Katastrophe zu beschreiben oder sich auszumalen. Als ich neulich im Zug auf dem Weg nach Berlin war, habe ich einem Mitreisenden gegenüber das verantwortungslose Verhalten der Menschheit beklagt. In meinem Abteil saß ein gebürtiger Afrikaner, von Beruf  Industriedesigner, der mir antwortete: „Vergiss es! Wenn es den Menschen wirklich an den Kragen geht, werden sie ihr Verhalten schon ändern.“ Der Mann war in dieser Sache sehr optimistisch, aber mir fällt das manchmal schwer.

Um auf Ihre Filme zurückzukommen, werden diese als eine Art Abgesang auf den Amerikanischen Traum verkauft. Auch wenn dies eine naheliegende Idee ist, wenn man sich viele der Bilder ansieht, würde ich den Filmen dennoch einen positiven, sehr optimistischen und sehr menschlichen Grundton unterstellen.
Als Barstow, California auf der Viennale lief, war in der englischsprachigen Programmankündigung zu lesen, in Barstow sehe es aus wie nach einem Atombombenangriff, der nicht stattgefunden habe. In dieser „Vorhölle“ würden Leute leben, die es nicht geschafft hätten, rechtzeitig von dort wegzukommen. Zwar gibt es in Barstow eine hohe Armutsrate (36,4 %), aber nichts liegt mir ferner, als diesen Ort oder seine Menschen in ein negatives Licht zu setzen. Die Jackson-Brüder wurden durch das Leben dort geprägt und die meisten von ihnen haben die Stadt verlassen. Spoon wollte auch die weite Welt sehen und verpflichtete sich bei den Marines. Am Tag seiner Einschreibung hat er den Mord begangen. Wie alles im Leben ist auch Spoons Geschichte voller Widersprüche. So hat die Wüste wahnsinnig schöne Seiten, aber eben auch gottverlassene.

Vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch.

Zur Person
Rainer Komers wurde 1944 in Guben geboren. ErRainer Komers Interview studierte Film an der Kunstakademie Düsseldorf,  später arbeitete er zuerst als Kameramann für Klaus Wildenhahn, bevor er auch eigene Filme drehte. Heute lebt Komers als Regisseur und Autor in Berlin und Mühlheim an der Ruhr. Seine Filmprojekte führten ihn u. a. nach Alaska, Indien, Japan, Jemen, Lettland und Montana.

Rainer Komers [Interview]
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