In seinem Debütfilm Cat Sticks erzählt der indische Regisseur Ronny Sen eine Geschichte über seine Heimat, eine über Ausgestoßene und über Drogensucht. Gegen Ende der 90er Jahre beobachtete er wie viele andere den Aufstieg einer Droge, die schnell den Beinamen „Brown Sugar“ bekam. Mit dem Anstieg der Drogensüchtigen stieg mit der Zeit auch die Zahl der Drogentoten sowie derer, die sich von der Gesellschaft wegen ihrer Sucht abgrenzten. Für Cat Sticks ernteten Sen und sein Team international bereits sehr viel Lob. Als einziger Beitrag seines Heimatlandes feierte der Film im Januar 2019 im US-amerikanischen Slamdance Festival seine internationale Premiere und nimmt seitdem an vielen weiteren Festivals teil. Zuletzt war er Teil des Programms des Filmfestivals Oldenburg. In dessen Rahmen sprachen wir mit dem Regisseur über seinen Film, dessen Entstehung und dessen Bild von Drogensucht sowie dessen Aktualität.

Cat Sticks erzählt eine Geschichte über Sucht und Drogenabhängige. Was halten Sie von dem Umgang ihres Heimatlandes bzw. der Gesellschaft im Allgemeinen mit Sucht?
Leider nicht sehr viel. Sucht und Süchtige werden immer im Rahmen von Psychologie betrachtet. Wie psychisch gestörte Menschen werden Drogenabhängige in Nervenheilanstalten gesperrt, wo Ärzte und Psychologen meinen, sie wüssten, was einen Süchtigen oder einen gestörten Menschen ausmache. In unserer modernen Welt bilden wir uns ein, wir können diese Menschen heilen von ihrer Krankheit, ihrer Sucht und ihnen ein normales Leben ermöglichen. Das Leben eines normalen Menschen, so wie wir eben diesen definieren. In Ländern wie den Philippinen oder in weiten Teilen Asiens gibt es kein Verständnis von Abhängigkeit oder Alkoholismus. Auf den Philippinen tötete die Regierung Hunderte Drogensüchtiger, ein Massenmord im Namen des Kampfes gegen Drogen. In der ganzen Welt wissen wir eigentlich nichts über Drogensucht. Drogensüchtige müssen sich mit der Gesellschaft und den damit verbundenen moralischen Werten auseinandersetzen, aber auch mit Wissenschaft, mit psychotropischer Medizin und Psychiatern, die ein Geschäft machen wollen, indem sie Patienten wie sie einer Behandlung unterziehen, die nicht immer einwandfrei ist. Ein guter Weg dem Süchtigen zu begegnen, ist ihn in die Gesellschaft aufzunehmen, denn die meisten von ihnen sind sehr einsam. Viele primitive Stämme beispielsweise begegnen ihren Mitgliedern mit mehr Liebe und Empathie, als es unsere moderne Gesellschaft tut. In ihnen erfährt man mehr Güte und Gnade als es in vielen modernen Gesellschaften der Fall ist. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Wir denken heute vielfach, dass wir mit Sucht und Abhängigkeit umgehen können, aber eigentlich können wir das nicht. Unsere Gesellschaft kann das einfach nicht.

Glauben Sie, dass sich diese Mentalität auf den Süchtigen übertragen hat? Die Charaktere in Cat Sticks suchen letztlich auch immer die Distanz zur Gesellschaft oder ziehen sich an Randbezirke zurück.
Sie müssen sich von der Gesellschaft entfernen, weil sie ihrer Sucht nachgehen. Um Drogen zu konsumieren und zu kaufen, ist der Süchtige gezwungen, sich in irgendeiner Weise kriminell zu betätigen oder sich in anderer Weise antisozial zu verhalten, wenn es darum geht die eigene Sucht zu finanzieren. Sie müssen den Unterschied zwischen Befriedigung und Gewohnheit verstehen. Ersteres ist, wenn ich alles tue, um den sozialen Normen nicht zu entsprechen, aber Gewohnheiten sind etwas völlig anderes. Der Drogensüchtige gewinnt immer eine gewisse Befriedigung, wenn er oder sie gegen die sozialen Normen verstößt, wohin gegen ein normaler Mensch eher durch Gewohnheiten geprägt ist, deren Natur eine andere ist. Dies ist gleichzeitig auch Teil der Entwicklung eines Süchtigen oder einer Sucht, bei der man sich von Droge zu Droge, von Rausch zu Rausch bewegt. Irgendwann hat man dann seine „Lieblingsdroge“ gefunden und man bleibt dabei. Dieser Prozess beginnt sehr früh. Der Typ im Film, der in dem verlassenen Flugzeugwrack Drogen nimmt, hat vielleicht oder sehr wahrscheinlich Geld von seinen Eltern gestohlen, als er noch sehr klein war und in die Schule ging. Vielleicht hat ihn das befriedigt. Oder er hat sich während des Unterrichts Pornos ohne Ton auf dem Handy angesehen. Oder er schloss sich auf Schultoilette ein, um dort zu rauchen. Hier haben wir einen Prozess vorliegen, bei dem die Droge zunächst einmal sekundär ist und das Gefühl der Befriedigung im Vordergrund steht.

Inwiefern fühlen Sie sich als Drehbuchschreiber und Regisseur verantwortlich dieser Geschichte und diesen Themen gegenüber? Wie beeinflusst sie beispielsweise den visuellen Stil eines Films wie Cat Sticks?
Meine Stärke lag schon immer im Erschaffen von Bildern. In jeder Kunstrichtung, ob Malerei, Musik, Film oder Fotografie ist man der Geschichte des jeweiligen Mediums verpflichtet, insbesondere dessen Sprache. Man muss immer unterscheiden zwischen dem Inhalt und der Form. Im Falle von Cat Sticks kannte ich den Inhalt und das Thema schon, da ich mit Geschichten, wie denen im Film, aufgewachsen bin und sie damit Teil meines Lebens waren. Nichts basiert auf Recherche, sondern es ist meine oder, besser gesagt, unsere Geschichte. Die Form des Films ergab sich von selbst durch meine Arbeit mit Bildern, Ton und Schauspielern. Die Nacht, das Schwarz-Weiß und der ständige Regen ergeben ein Fundament, von welchem aus sich die Geschichte entwickelt. So wie beim Malen die Größe der Leinwand die Grundlage des Gemäldes bestimmt, definierten diese Aspekte die Grundlagen, die Umrisse und die Sprache der Geschichte, die ich erzählen wollte. Sie ergeben eine bestimmte Stimmung, eine Atmosphäre, welche die Grundvorausetzung eines jeden Filmes bildet. Alles andere ist zunächst einmal sekundär, wenn es darum geht, das Publikum für die Geschichte zu interessieren. Aus diesem Grund war es wichtig, zunächst einmal ein filmisches Vokabular, ein Fundament zu entwickeln, das eben diese Stimmung erzeugt und dem Zuschauer die Reise in die Welt des Films ermöglicht.

Diese Reise hat ja sehr verschiedene, sehr interessante Stationen wie zum Beispiel das bereits erwähnte verlassene Flugzeugwrack oder eben die verzweigten Straßen Kalkuttas. Wie haben Sie diese Orte gefunden und ausgewählt?
All diese Orte sind zwar in Kalkutta, aber ich wollte es vermeiden eben jene Plätze zu zeigen, die Kalkutta ausmachen. Das ist so, als würde man einen Film in Paris drehen und es vermeiden den Eiffelturm zu zeigen oder einen Film in New York City zu drehen, ohne eine Einstellung der Brooklyn Bridge. Solche Orte gibt es auch in Kalkutta, beispielsweise die Howrah Bridge oder das Victoria Memorial. Kalkutta war im 19. Jahrhundert einer der größten Städte der Welt und sieht heute einer Stadt wie Detroit sehr ähnlich. Über die Jahre hat sich die Stadt sehr zum Negativen hin verändert und ich wollte diese dunkle Seite Kalkuttas zeigen, aber es nicht explizit wie in Kalkutta aussehen lassen. Die Geschichten über Drogen und Sucht sind universell und sollten so gezeigt werden. Als jemand, der in Kalkutta aufgewachsen ist und viele dieser Geschichten oder ähnliche miterlebt hat, denke ich nicht, dass die erwähnten Plätze und Orte nicht dieses Kalkutta zeigen, was ich kennengelernt habe. Die Stadt definiert sich durch die Menschen, die dort leben und denen man auf der Straße begegnet. Wir haben deswegen versucht Drehorte zu finden, die neutral sind. Diese sind zwar in Kalkutta, könnten aber genauso in Deutschland, Belarus, Australien oder den USA sein. Da ist eine Straßenecke, die überall sein könnte, oder eine verlassene Fabrik, die wahrscheinlich jeder kennt, denn so eine steht in jeder Stadt.

Wie haben sie eigentlich ihre Besetzung gefunden? Wie sah deren Vorbereitung auf die Rollen im Film aus?
Das sind alles ausgebildete und sehr professionelle Darsteller, von denen viele von Raja Chakravorty gelernt haben, der die Rolle Mannes spielt, der vor seinem Sohn raucht und sich nachts zu einem Transvestiten wird. Er gibt Schauspielkurse an der einzigen Filmschule in Kalkutta. Dann ist da Saurabh Saraswat, der in der größten Filmschule des Landes ausgebildet wurde. Tanmay Dhanania, der die Rolle des Byang spielt, studierte Schauspiel in London an der Royal Academy of Dramtic Art. In der Besetzung gibt es sehr viele gut ausgebildete Darsteller, aber wir haben trotzdem monatelang Workshops für die Besetzung angeboten, in denen sie sich kennenlernten. Viele von ihnen mussten stark abnehmen für ihre Rollen. Einige haben sogar ihre Wohnungen für die Zeit des Drehs aufgegeben, sind in kleinen, schäbigen Apartments in Kalkutta untergekommen oder haben auf der Straße gewohnt. Daneben sind wir in viele Entzugskliniken gefahren und haben mit den Süchtigen gesprochen, die gerade dort waren. Während wir den Film drehten, war es uns sehr wichtig, dass wir verstanden, wie sich diese Menschen fühlen, wie sie Drogen benutzen und ob es bestimmte Rituale beim Kaufen oder Spritzen gibt. Das sollte alles glaubhaft sein. Es gibt eine Szene im Film, in dem ein paar der Charaktere Sachen aus einem Laden stehlen. Die Schauspieler haben mir nachher gesagt, dass sie, um sich vorzubereiten, tatsächlich aus einem anderen Laden etwas gestohlen hatten. Sie machten es nur der Erfahrung wegen und haben nachher alles wieder zurückgebracht. (lacht)

Abgesehen von Ihrem Leben bekommt man oft den Eindruck, wenn man Cat Sticks schaut, dass Sie von einer sehr reichen Inspirationsquelle schöpfen, angefangen bei griechischer Kunst bis hin zum Independent-Kino eines John Cassavetes.
Vielen Dank. Für mich geht es nicht nur darum, einen humanistischen Standpunkt zu vertreten, denn für mich ist es eher etwas fast schon Ethnografisches. Der Film zeigt das Leben von Leuten auf der Straße, die „Brown Sugar“ rauchen. Diese Anteilnahme und Verantwortung sind mir sehr wichtig, definieren mich als Menschen. Deswegen glaube ich, dass es nicht nur die Mutigen sein sollen, die am Ende gewinnen oder es verdienen zu leben, sondern auch die Feigen. Die Armen und Schwachen haben genauso das Recht zu leben wie die Reichen und Mächtigen. Sie haben auch das Recht auf Würde. Westbengalen, wo ich herkomme, hat eine sehr reiche Tradition was Literatur und Film angeht. Ich wuchs auf mit Filmen, in denen man immer Anteil nahm an den Schicksalen der Charaktere. Deswegen ist diese Herangehensweise oder Sichtweise auf die Figuren in Cat Sticks nichts, wozu ich mich zwingen musste. Die Szene mit den zwei Süchtigen, die dann zu einer Art Tanz wird, haben wir in zwei oder drei Drehtagen gedreht, wobei das meiste, was im Film nun zu sehen ist, wahrscheinlich vom zweiten oder dritten Take ist. Wenn ich mit meinem Cast und der Crew arbeite, ist es wichtig, an plötzliche Wunder zu glauben. Diese muss man dann nutzen, so gut es geht.

Wie ist die Musik zu dem Film entstanden?
Moushumidi Bhowmik ist eine Legende in Kalkutta, so etwas wie die bengalische Joan Baez. Sie hat den Song gesungen, den man am Ende des Films hört. Sie hat mich mit dem britischen Komponisten Oliver Weeks bekannt gemacht, der die Musik für Cat Sticks machte. Meine einzige Anweisung an ihn war, dass Süchtige nur eine bestimmte Art Musik hören können, wenn sie Drogen nehmen. „Brown Sugar“ ist in etwa wie Heroin, also ein Downer, ganz anders als beispielsweise Kokain. Man assoziiert mit Heroin Grunge der 80er oder 90er Jahre, aber bestimmt keine Musik, die besonders schnell ist. Das war alles, was ich ihm sagte. Oliver ist übrigens auch hier in Oldenburg und er hat eine ganz bestimmte Beziehung zu dem Film und zu Kalkutta. Er lebte dort lange Zeit, kennt die Geräusche der Stadt und die bengalische Musik. Oliver ist nicht einfach nur ein Komponist, der einen Job verrichtet hat, sondern jemand, der in seiner Musik die Reise der Charaktere mitmacht und mitgestaltet.

Vielen Dank für dieses Gespräch und alles Gute.

Zur Person
Ronny Sen wurde 1986 in Silchar, Indien geboren. Er startete seine Karriere als Fotograf und veröffentliche zwei Bücher. Später drehte er mehrere TV-Dokumentationen für die BBC. Das Drama Cat Sticks (2019), in dem er sich mit verschiedenen Beispielen der Drogensucht auseinandersetzt, ist sein Spielfilmdebüt. Dafür erhielt er beim Slamdance Festival den Jury Honorable Mention Award.



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Ronny Sen [Interview]
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