Seemannslieder? Wer hört das denn heute noch? In England erstaunlich viele, denn dort wurde ein Fischerchor vor einigen Jahren zu einer Charts-Sensation. Die Musikkomödie Fisherman’s Friends – Vom Kutter in die Charts erzählt ein wenig von den Hintergründen und nimmt uns mit in das Originaldorf, wo der Chor herkam. Nachdem der Film in England selbst ein riesiger Erfolg war, läuft er am 8. August 2019 auch in den deutschen Kinos an. Wir haben Regisseur Chris Foggin während der Deutschlandpremiere beim Filmfest München getroffen und ihn zu seinem Überraschungshit befragt.

Dein Film handelt von einem Fischerchor, der auf einmal landesweit bekannt wird. Wann bist du auf diese Gruppe aufmerksam geworden?
Das war vor einigen Jahren über das Drehbuch. 2013, damals war ich gerade mit einem anderen Film beschäftigt und das Studio hatte damals einige Filme auf ihrer Liste. Ich bin diese Liste durchgegangen und war auf Anhieb von Fisherman’s Friends begeistert. Ich liebte die Geschichte einfach. Also habe ich die Produzenten und Autoren angebettelt, dass ich das Drehbuch verfilmen darf. Ich habe also zuerst das Drehbuch gelesen und erst danach die Fishermen gehört.

Das heißt, du hattest damals nichts davon mitbekommen, als sie so populär wurden?
Genau. Das habe ich irgendwie verpasst und musste das nachholen, nachdem ich das Drehbuch gelesen habe.

Wie erklärst du dir ihren großen Erfolg damals?
Die Musik war damals neu und so ganz anders als das, was man sonst so hörte.

Wirklich neu war die Musik aber nicht.
Das stimmt natürlich. Und ein bisschen peinlich war mir das auch. Eigentlich bin ich jemand, der sich gut mit Musik auskennt, dachte ich immer. Da war es peinlich zugeben zu müssen, dass ich diese Seemannslieder vorher nicht gehört hatte. Aber das hat vermutlich zu dem Erfolg beigetragen, weil die Leute dadurch die Gelegenheit haben, eine Musik kennenzulernen, die es schon so lange gibt, mit der sie sonst aber keine Berührungspunkte mehr haben.

Welche Musik hörst du denn selbst so?
Ich habe eigentlich einen sehr breiten Musikgeschmack, von den Beatles über die Arctic Monkeys bis zu den Manic Street Preachers. Aber ich höre auch aktuelle Popmusik, weil ich zwei kleine Kinder habe. Da laufen dann auch des Öfteren mal Disney-Lieder. Mein Bruder arbeitet in der Musikindustrie und ist dafür ständig unterwegs, in Los Angeles, in London. Durch ihn bleibe ich auf dem Laufenden, was gerade gut und angesagt ist.

Was waren die Herausforderungen, als du das Drehbuch für die Leinwand adaptiert hast?
Da gab es eigentlich keine besonders großen Herausforderungen. Ich hatte das große Glück, dass ich schon so ein tolles Drehbuch hatte, das quasi fertig war. Es war eine so tolle Erfahrung, in das Dorf zu fahren, wo die Fischer immer noch leben. Sie waren so einladend und reizend. Wir konnten zu ihnen gehen und alle möglichen Fragen stellen. Sie haben uns auch beim Film sehr unterstützt, wenn wir beispielsweise geeignete Locations suchten. Alles was du im Film siehst, ist authentisch und gibt es dort wirklich. Die Pubs, die Häuser, die Straßen, die Kirche. Sie haben auch die Schauspieler eingeladen, damit sie mit ihnen singen und üben konnten.

Hatten die Schauspieler denn Erfahrungen beim Singen?
Nicht wirklich. So viel wie jeder andere auch. Das war wohl auch der Anreiz, einfach hinzugehen und Seemannslieder zu singen.

Fishermans Friends

Wurde komplett an Originalschauplätzen gedreht: die Musikkomödie „Fisherman’s Friends“ über einen Fischerchor, der im Vereinigten Königreich riesige Erfolge feierte

Es gab also nie Probleme mit den tatsächlichen Fisherman’s Friends, wenn ihr beispielsweise deren Geschichten geändert habt?
Nein, gar nicht. Sie haben uns so gern geholfen und waren so glücklich darüber, wie der Film am Ende geworden ist. Sie haben nie gesagt, dass etwas so nicht geht oder dass sie etwas anders haben wollten. Es war eine großartige Erfahrung, vom Anfang bis zum Ende.

Waren sie denn beim Film involviert?
Sie sind immer mal wieder zum Set gekommen oder sind am Vorabend des Drehs mit uns in die Pubs gegangen, um die Lieder zu singen.

Der Film handelt auch von den Unterschieden zwischen dem Leben in der Stadt und dem auf dem Land. Bist du ein Stadtmensch?
Ich lebe schon in einer Stadt. Aber ich komme aus dem Norden Englands, wo alles etwas ruhiger ist. Ich bin sehr gerne in der Stadt und denke, dass sie dir wahnsinnig viele Möglichkeiten gibt. Aber nach der Geburt unserer Kinder sind meine Frau und ich an den Stadtrand von London gezogen, wo es mehr Grünflächen gibt, mehr Platz. Mit dem Alter werde ich vielleicht noch weiter rausziehen. Es war großartig in Port Isaac, wo wir den Film gedreht haben. Du musstest nirgends hinfahren, es gab keine U-Bahn. Du konntest einfach aus deinem Bett rollen und ins Dorf laufen. Nach dem Dreh konnten wir ganz bequem etwas essen gehen oder in den Pub. Das war alles ganz nah beieinander.

Dieser Unterschied von Stadt und Land wird im Film auch genutzt, damit die Leute sich wieder auf das besinnen, was wirklich zählt. Das ist natürlich schön. Nur können wir nicht alle zurück aufs Land ziehen …
Das stimmt. Aber du kannst dir auch anders treu bleiben, egal wo du bist. Ich glaube fest daran, dass wenn du nett bist und hart arbeitest und nicht locker lässt und ein klares Ziel vor Augen hast, dann wirst du das auch erreichen. Als ich aus dem Nordosten nach London gezogen bin, habe ich mich schon fehl am Platz gefühlt und musste hart arbeiten, um mein Ziel zu erreichen. Deswegen kann ich mich auch mit Dany identifizieren, der unbedingt einen Schallplattenvertrag für die Fishermen besorgen will.

Die Fisherman’s Friends waren damals ein rein britisches Phänomen. Während sie daheim in den Top 10 waren, dürften außerhalb nur wenig davon gehört haben. Glaubst du, dass der Film trotzdem im Ausland funktionieren kann?
Ich hoffe es, da Musik etwas sehr Universelles ist. Und die Geschichte ist herzerwärmend. Wir hatten so viel Erfolg mit dem Film daheim. Er läuft jetzt schon seit 15 Wochen in den Kinos. Darüber bin ich sehr glücklich, natürlich auch für mich selbst, aber vor allem für die Crew, die so hart an dem Film gearbeitet hat.

Wie lange habt ihr an dem Film gearbeitet?
Das dürften so anderthalb Jahre gewesen sein. Wir haben im November 2017 angefangen, gedreht haben wir Mitte Juni 2018. Der Film kam dann im Frühjahr 2019 heraus. Es ging also recht schnell, elf Monate lagen zwischen der ersten Kamera und dem Zeitpunkt, als der Film in die Kinos kam.

Du hast vorhin gemeint, dass du von Anfang an von dem Drehbuch begeistert warst. Was genau fandest du so toll daran?
Schon als Kind habe ich es geliebt, mir Filme mit meiner Familie anzuschauen. Und ich liebe es immer noch. Mein Ziel als Filmemacher ist es deshalb, Filme mit richtig viel Herz zu drehen, die sich alle anschauen können und welche die Menschen zum Lächeln bringen. Ich will, dass sich das Publikum gut fühlt und ein bisschen dem Alltag entkommen kann. Und das war alles schon so im Drehbuch. Ich musste lächeln, als ich es gelesen habe und konnte es mir sehr gut bildlich vorstellen. Es ist diese Art Film, bei der ich es liebe mitzumachen.

Und welche schaust du selbst gerne?
Arthur mit Dudley Moore ist einer meiner Lieblingsfilme. Außerdem habe ich eine Schwäche für Sachen wie Notting Hill und Tatsächlich … Liebe. Filme von Paul Thomas Anderson und Spike Jonze. Das sind so fantastische Regisseure, an die ich nie herankommen werde.

Wolltest du schon immer Filmemacher werden?
Als ich jünger war, drehte sich bei mir alles um Fußball und Musik, obwohl ich in beidem nicht gut war. Filme habe ich auch gern gesehen, selbst drehen wollte ich aber keine. Ich komme aus dem Nordosten von England, da werden nicht wirklich viele Filme gedreht. In meiner Familie gab es auch keine Berührungspunkte damit. Deswegen habe ich damals nie wirklich darüber nachgedacht, etwas in die Richtung zu machen. Aber ich hatte das große Glück, nach dem Studium einen Job als Set-Runner zu bekommen. Dadurch habe ich Kontakte geknüpft und erkannt, dass ich Filme machen möchte. Später habe ich meine ersten Kurzfilme gedreht.

Weißt du schon, was du als nächstes machen wirst?
Ich werde eine Serie namens Cold Feet drehen und freue mich sehr darauf. Die Serie spielt in Manchester und handelt von einer Gruppe von Freunden und dem, was in ihrem Leben so los ist. Eine Tragikomödie. Mehr Drama als Komödie eigentlich, aber auch sehr lustig. Danach drehe ich einen Film, der auf The Radleys von Matt Haig basiert. Das Drehbuch stammt von Jo Brand, der ein fantastischer britischer Komiker ist. Ich hoffe, dass wir Anfang nächstes Jahr mit dem Dreh beginnen können. Da gibt es Vampire und Familie und ich freue mich wirklich darauf.

Zur Person
Chris Foggin wuurde 1985 geboren und studierte Medien und Film an der Northumbria Universität in Newcastle. 2011 führte er zum ersten Mal eigene Regie bei Kurzfilmen wie Friend Request Running (2012) mit Judi Dench und Tom Hiddleston. Sein erster Langfilm Kids In Love erschien 2015. Sein zweiter Spielfilm Fisherman’s Friends – Vom Kutter in die Charts (2019) basiert auf der wahren Geschichte eines Fischerchors, der im Vereinigten Königreich die Top 10 der Albumcharts erreichte.

Chris Foggin [Interview]
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