Photograph

„Photograph“ // Deutschland-Start: 8. August 2019 (Kino)

Rafi (Nawazuddin Siddiqui) hat sie alle fotografiert: Wenn er an den Wahrzeichen von Mumbai wartet, findet er eigentlich immer jemanden, der sich gern von dem Straßenfotografen ablichten lässt. Eines Tages läuft er dabei auch der schönen Miloni (Sanya Malhotra) über den Weg, die derzeit studiert und deren Familie zur Mittelklasse gehört. Unter normalen Umständen würden sich die beiden eigentlich nicht mehr wiedersehen. Doch nachdem Rafi ihr Bild an seine nörgelnde Großmutter (Farrukh Jaffar) geschickt hat, die ihn endlich unter der Haube sehen will, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach ihr zu machen. Dabei wurde Miloni längst jemand anderem versprochen.

Liebesgeschichten aus Indien, da werden die meisten natürlich erst einmal an Bollywood denken: überlange Musicals mit rauschenden Kleidern, geradezu blendend vor Farben, getränkt in jeder Menge Kitsch. Aber es geht auch anders, wie immer wieder Filmemacher und Filmemacherinnen des asiatischen Großstaates beweisen. Letztes Jahr ließ Die Schneiderin der Träume ganz behutsam und leise erste Gefühle zwischen einem Mann und einer Frau verschiedener Klassen erblühen. Nun tut es Photograph dem Kollegen gleich, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen: Sie entstammt der Oberschicht, er der Arbeiterklasse.

Die Frau, das Wesen zweiter Klasse
Das macht das Szenario einerseits etwas progressiver, wenn hier mal die Frau das höhere Ansehen genießt. Gleichzeitig ist Photograph dadurch auch irgendwie bitter. Denn eigentlich spielt es keine Rolle, dass Miloni klug ist, selbstbewusst, aus einer wohlhabenderen Familie stammt. Zu sagen hat sie trotzdem nichts. Nicht zu Hause, wo die anderen darüber bestimmen wollen, was sie mit ihrem Leben anzufangen hat. Nicht beim Studium, wo sie trotz ihrer glänzenden Noten von ihrem Dozenten als hübsches Objekt angesehen wird, über das er nach Belieben verfügen kann. Eine der ersten Szenen zeigt, wie er das von Rafi geschossene Foto an sich nimmt und behält. Weil er es kann.

Diese gesellschaftlichen Aspekte fließen immer wieder in die Geschichte mit ein, bleiben meistens aber eher im Hintergrund. Stattdessen hat Regisseur und Drehbuchautor Ritesh Batra (Lunchbox, Vom Ende einer Geschichte) eine zumindest teilweise sehr klassische Romanze gedreht, die unabhängig von dem indischen Setting und der konkreten Zeit funktioniert. Photograph steht da durchaus in der Tradition von Märchen, wo sich die reiche Prinzessin in den Straßenjungen mit dem Herz aus Gold verliebt – siehe zuletzt in Aladdin. Nur dass der Junge hier schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, es dadurch einen beträchtlichen Altersunterschied gibt.

Ein leises Liebeslied
Was Photograph, das auf dem Sundance Film Festival 2019 Premiere hatte, aber wirklich unterscheidet, ist die starke Zurückhaltung. Wo Romanzen manchmal gern etwas dicker auftragen und sich in Pathos und großen Worten baden, da ist das hier mehr ein leises Flüstern. So leise, dass man teilweise gar nicht ganz verstehen kann, was da eigentlich gesagt wird. Warum sich Miloni beispielsweise darauf einlässt, als Verlobte zu posieren, sagt sie zu keinem Zeitpunkt. Und auch sonst scheut das Drama das Konkrete, gibt sich schüchtern, schwebt in einer losgelösten, märchenhaften Atmosphäre vor sich hin.

Das ist manchmal sehr schön, gerade zum Ende hin. Auch der eine oder andere skurrile Nebenstrang hilft dabei, hier nicht vor lauter Glückseligkeit wegzudösen. Doch trotz der Absage an die Bollywood-Paraden und der dezenten gesellschaftlichen Exkurse, etwa zur Tradition: Photograph ist ein bisschen zu gefällig, zu nett, zu harmlos. Batra will das Publikum träumen lassen, gibt dabei aber nicht genügend mit, an das man sich nach dem Aufwachen noch zwangsweise erinnern müsste. Nicht einmal die Figuren geben so viel her, dass der Drang groß wäre, bei ihnen mitzufühlen und auf ein Happy End zu hoffen. Gibt es eins, ist das schön. Und wenn es keins gibt, ist das auch in Ordnung.

Photograph
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Photograph
„Photograph“ lässt einen ärmlichen Straßenfotografen und eine junge Studentin aus gutem Haus zusammentreffen und leise Gefühle entwickeln. Das ist teilweise skurril und märchenhaft, hat auch ein bisschen was über die aktuelle Gesellschaft in Indien zu erzählen, bleibt letzten Endes aber zu nett und losgelöst, um wirklichen Eindruck zu hinterlassen.
6von 10

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