Tal der Skorpione

„Tal der Skorpione“ // Deutschland-Start: 20. Juni 2019 (Kino)

Die Reputation eines Films – egal ob gut oder schlecht – hängt diesem meist ein Leben lang an. Natürlich gibt es auch Werke, die zur Erscheinung unter dem Radar liefen und erst im Laufe der Zeit Kultstatus erlangten. Oder auch die umgekehrte Dynamik, bei denen etwa der traditionelle Zeitgeist der Entstehung irgendwann überholt wirkt und der Film heute unreflektiert mit hochgezogenen Augenbrauen abgetan wird. Doch meist ist die Reputation unumkehrbar – mit allen erdenklichen Auswirkungen. Ein gutes Drehbuch kann in die Annalen der Dramaturgien eingehen, eine Performance mit Preisen überhäuft werden und der Schauspieler darf sich fortan seine Traumrollen selbst aussuchen. Eine geschickte Inszenierung kann einen Freifahrtschein des Regisseurs für die nächsten Werke bedeuten und eine gelungene Vermarktung den Produzenten Millionen bescheren. Natürlich können die Auswirkungen jedoch auch alles andere als rosig sein, nämlich wenn das Genannte ins Negative verkehrt wird: Ein hanebüchenes Drehbuch mit Dialogen zum Fremdschämen wird von Laiendarstellern oder Schauspielern vorgetragen, die auf den zweiten, dritten und vierten Schauspielfrühling noch vergeblich warten. Und ein Regisseur kann sich seine gesamte Karriere verbauen, ohne dass diese überhaupt erst begonnen hat.

Nun muss ein Werk nicht zwangsläufig die von Rezensenten, Filmwissenschaftlern und auch Fans üblich angewendeten Kriterien eines „guten Films“ aufweisen, um unterhaltsam zu sein. Es gibt genügend Beispiele, in denen der Dilettantismus auf einer oder mehreren inszenatorischen Ebenen überhaupt erst den Unterhaltungswert ausmachen. Oft spricht man dann von einem Film, der so schlecht ist, dass er schon wieder gut ist. Und dann gibt es Werke wie Tal der Skorpione.

Es folgt ein Trauma in drei Akten:

  • Das Drehbuch

Actionfilme brauchen meist keine ausgeklügelte Handlung, um zu überzeugen. Die Story von Tal der Skorpione ist zwar simpel, aber es gibt genügend andere Werke, die aus selbiger Ausgangssituation heraus ein eindrucksvolles Actionfeuerwerk entfacht haben. Filme, in denen es um Menschenjagd geht, sind vor allem durch Die Tribute von Panem – The Hunger Games salonfähig geworden und nicht mehr allein auf bluttriefende FSK18-Action beschränkt, auch wenn das einer gewissen Ironie nicht entbehrt. Viele Regisseure und Drehbuchautoren haben es in der Vergangenheit geschafft, dem simplen Kern ihrer Geschichte etwas Interessantes zu entlocken. Sei es der 80er-Jahre B-Movie-Charme von Insel der Verdammten, die rabenschwarze Sozialkritik in Battle Royale oder einfach nur die kurzweilig inszenierte, handgemachte Action von Die Todeskandidaten – Menschenjagdfilme müssen, egal mit welchem Budget, nicht schlecht sein. Wenn eine simple Story jedoch von Dialogen begleitet wird, die selbst ein Gespräch von Dieter Bohlen und Pietro Lombardi intellektuell erscheinen lassen, dann ist das keine gute Grundlage.

2) Die Schauspieler

Martin Semmelrogge, Ralf Richter, Claude-Oliver Rudolph. Noch könnte es eine sehr späte Kritik zu einem der besten deutschen Filme der letzten 40 Jahre werden. Doch wenn die Besetzungsliste mit Anouschka Renzi, Bert Wollersheim und Micaela Schäfer fortgesetzt wird, könnte es auch in einem Softporno enden. Im Gegensatz zu den Letztgenannten hatten die ersten drei Mimen wenigstens mal eine Karriere – hatten. Und wenn ich eingangs vom Thema Reputation sprach, muss man sich als Zuschauer auch fragen, ob diese drei kernigen Typen nicht gerade dabei sind, ihr filmisches Erbe zu zerstören. Klar, ihren Credit in Das Boot kann ihnen keiner mehr nehmen, doch irgendwie kommt bei diesem Bauerntheater schon die Frage auf, ob Semmelrogge, Richter und Rudolph damals wirklich gut gespielt haben oder es nur Wolfgang Petersen zu verdanken ist, dass man nicht schon 1981 den Kopf voller Mitleid geschüttelt hat. Dass diese „Performances“ jedoch trotzdem die besten des Films sind, lässt erahnen, wie es um den Rest der Besetzung steht. Hauptdarsteller Bartholomäus Kowalski teilt sich nur den Namen mit der Barry Newman-Figur aus Fluchtpunkt San Francisco, leider nicht das Charisma. Wie im Schultheater stolpert er durch die Szenen, trägt seine Sprüche stakkatoartig vor und lässt darüber nachdenken, ob man nicht ein deutsches Äquivalent zur „Goldenen Himbeere“ ins Leben rufen sollte. Kowalski hätte gute Chancen, die „Goldene Kartoffel“ abzuräumen.

3) Die Inszenierung

Ich hätte nie gedacht, dass ich diese Worte einmal schreiben werde: Ein Film von Uwe Boll wäre mir lieber. Und zwar ausnahmslos jeder. Nach dem ersten Schreck über die bedeutungsschwangere, aber völlig sinnentleerte Eingangssequenz, des ersten bleireichen Shootouts und der hirnrissigen Einführung von Mathieu Carrière und seiner Model-Tochter, gibt es sogar einen ersten Lichtblick. Denn die durchaus hübschen Credits werden von einem gelungenen Song der The Voice-Teilnehmerin Coby Grant untermalt. Spoiler: Danach hat man den Höhepunkt hinter sich – zumindest den positiven. Tal der Skorpione wirkt stellenweise wie ein Film, den eine Handvoll Jugendliche in ihrer Freizeit gedreht haben. Möglichst billige Handlungsorte (Deponie, Wald) treffen auf schlechten Schnitt und dilettantische Ausleuchtung. Die Kamera ist stellenweise mit ihren Drohnenaufnahmen und Zeitlupen ganz in Ordnung, meist werden die Bilder jedoch durch gravierende Beleuchtungsfehler völlig zunichtegemacht. Wenn in einer totalen Einstellung Sonnenschein herrscht, ist es in der folgenden Nahaufnahme plötzlich dunkel. Von selbstverständlichen technischen Mitteln wie Color Correction (Farbkorrektur) scheinen die Macher noch nie gehört zu haben. Wenigstens einige Schusswechsel sind auf Effektebene durchaus gelungen, bei einem Pyrotechnikunternehmen als Co-Produzent auch kein Wunder.

Viele Zuschauer wie auch Kritiker könnten nach der Sichtung des 130-minütigen (!) „Films“ sicherlich ganze Bücher mit Analysen füllen. Doch in Anbetracht der kostbaren Lebenszeit, die einem bei der Sichtung auch immer wieder ins Gedächtnis gerufen wird, sollte Tal der Skorpione wohl am besten abgehakt und vergessen werden. Wenn es etwas Positives gibt, dann ist es wohl das Bewusstsein und die Wertschätzung von anderen Filmen und Serien, die tagtäglich in die Sender und Streamingplattformen gespült werden. Eigentlich ist das alles gar nicht so schlecht. Eigentlich können wir ganz zufrieden sein mit dem, was wir haben. Danke für diese Erkenntnis!

Tal der Skorpione
3.95 (78.92%) 37 Artikel bewerten

Tal der Skorpione
Mit den richtigen Leuten und den entsprechenden Getränken kann auch ein schlechter Film zu einem witzigen Abend führen. Doch selbst damit wird "Tal der Skorpione" nicht zu einem ertragbaren Film. Weder die actionversprechende Menschenjagd-Handlung noch die Besetzung von ehemaligen Schauspiel-Haudegen hilft bei diesem auf nahezu allen Ebenen misslungenen Machwerk. Selbst die in Teilen durchaus gelungene Bildgestaltung wird durch immense technische Mängel ruiniert. Dieser Film trägt nicht nur Gehirnzellen zu Grabe, sondern auch Karrieren - sowohl junge als auch alte.
2von 10

Eine Antwort

  1. Daniel

    Man merkt bei diesem Film auf jedenfall die Geisteshaltung der Macher. Richtig, richtig ekelhaft. Dass die ganzen „Schauspieler“ und C-Promis, die hier mitgewirkt haben, hinter solchen teilweise abartigen Aussagen stehen, die in diesem Film getroffen werden (egal ob im fiktiven Kontext oder nicht), ist wirklich schrecklich. Da sollten entsprechende Klatschblätter mal drauf schauen – damit könnte man wochenlang die Spalten füllen. o.O

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