„Marona’s Fantastic Tale“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es ist das Ende eines kurzen, aber doch sehr bewegten Lebens: Eigentlich wollte die Hündin Marona nur über die Straße, wird dabei jedoch von einem Auto erfasst. Während sie nun da liegt, in den Armen ihrer Freundin, und der Tod immer näher kommt, blickt sie zurück. Auf ihre harte Kindheit, das Ergebnis einer unerwünschten Liebe. Auf die verschiedenen Herrchen und Frauchen, die sie im Laufe der Zeit hatte, die damit verbundenen Situationen und Schwierigkeiten. Und natürlich auf die vielen Namen, die man ihr gegeben hat.

Tiere, die sprechen können? Das ist bei Animationsfilmen keine Seltenheit. Gerade Hunde als beste Freunde des Menschen hatten immer mal wieder die Gelegenheit, dem Publikum ihre Sprachkenntnisse zu demonstrieren – siehe etwa die diversen Disney-Zeichentrickfilme Susi und Strolch, 101 Dalmatiner oder Oliver & Co. Inzwischen wurde die Technik zwar ausgetauscht, nun haben am Computer generierte Vierbeiner das Sagen (Pets). An der Beliebtheit solcher Filme hat sich aber nichts getan. Einen ähnlichen Erfolg wie die Titel oben wird Marona’s Fantastic Tale mit Sicherheit nicht einfahren. Das hängt jedoch weniger an der Qualität, die es durchaus mit der von den besagten Werken aufnehmen kann, sie teilweise auch übertrifft.

Am Anfang war der Tod
Vielmehr ist das Werk inhaltlich wie optisch so anders, so ungewöhnlich, dass dieses es schwer haben wird, sich gegen die festgefahrenen Erwartungen durchzusetzen. Ein Film, der ideal ist für Festivals, von Kritikern auch geschätzt werden dürfte, beim Massenpublikum aber eher wenig Chancen hat – obwohl die Zielgruppe ebenfalls etwas jünger angesetzt ist. Wo Familienfilme üblicherweise jedoch Abgründe lieber mit reichlich Zuckerguss zukleistern und jegliche Nachdenklichkeit mit lauten Popnummern übertönen, da ist Marona’s Fantastic Tale überraschend düster. Wie oft kommt es in dem Segment schließlich schon vor, dass ein Titel mit dem Tod der Protagonistin beginnt?

Was folgt ist die Rückschau, ein Erinnern an das, was war und was alles hätte sein können. Da wird der eine oder andere vielleicht an das Anime-Meisterwerk Die letzten Glühwürmchen denken. Auch dort geht es mit dem Tod der Hauptfigur los, in dem Fall ein Junge, der mit seinem kleinen Bruder während der katastrophalen Zustände des Zweiten Weltkriegs immer weiter ins Elend abrutscht, bis er schließlich einsam und missachtet auf der Straße stirbt. Ganz so tragisch wie dort geht es in Marona’s Fantastic Tale nicht zu. Zwar wird es auch hier unglückliche Abschnitte geben, wenn die junge Hündin von einem Besitzer zum nächsten wandert. Doch immer wieder wird sie auf jemanden treffen, der sich ihrer annimmt, ihr ein Zuhause und Liebe gibt. Ein bisschen wie in dem Kinohit Bailey – Ein Freund fürs Leben, nur mit weniger Kitsch und eben als Animationsfilm.

Ein wilder Farb- und Stilmix
Die Bilder sind hier dann auch schon Grund genug, warum Anhänger des Genres einmal hineinschauen sollten, sofern sie die Gelegenheit haben. Anders als die meisten Animationsfilme westlichen Ursprungs, die sich an derselben Form des Realismus versuchen, da ist Marona’s Fantastic Tale, das beim Annecy Animationsfestival 2019 Weltpremiere hatte, ganz anders, mutiger, bunter auch. Der erste menschliche Besitzer der Hündin, der sie auf den Namen Anna tauft, ist in Orange und Gelb gehalten. Auch andere Figuren nutzen eine etwas eigenwillige Farbpalette. Und das ist nur der offensichtlichste Unterschied zum Animationseinerlei: Ob es die Kombination mehrerer Techniken ist, die eigenwilligen Perspektiven oder auch die Figurendesigns an sich, das ist alles irgendwie ziemlich schräg – in mehr als einer Hinsicht. Als hätten sich ein Kleinkind und ein surrealistischer Maler zusammengetan und ein Blatt Papier geteilt.

Der Inhalt ist nicht ganz so extravagant wie die Verpackung, bietet aber ebenfalls genug, um aus Marona’s Fantastic Tale einen kleinen Geheimtipp zu machen. Der Film ist mal Gesellschaftsporträt, mal Satire, hat ebenso viel über die Zwei- wie die Vierbeiner zu erzählen. Denn sie alle haben ihren eigenen Zugang zu der Hündin, wollen etwas anderes in ihr sehen, was sich auch in den verschiedenen Namensgebungen zeigt. Ehrliche Zuneigung und Objektivierung gehen Hand in Hand, während wir gleichzeitig durch die Voice overs erfahren, was das alles für die Protagonistin bedeutet. Stärker als die vermenschlichten Versionen der üblichen Animationstiere rückt die Geschichte von Marona – trotz der starken Stilisierungen – auf eine realistische Weise unsere Beziehung zu Tieren in den Mittelpunkt. Wer sind sie für uns? Wie gehen wir mit ihnen um? Wie sollten wir mit ihnen umgehen? Das Ergebnis ist ein Werk, das bei allem Spaß dem jungen Publikum noch ein wenig mehr mit auf den Weg gibt.



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Marona’s Fantastic Tale
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Marona’s Fantastic Tale
„Marona’s Fantastic Tale“ greift zwar wie viele andere Animationsfilme auch auf sprechende Tiere zurück, ist dabei jedoch ganz anders – optisch wie inhaltlich. Die Bilder sind knallbunt, schlicht und doch kreativ. Und auch die Geschichte um eine junge Hündin, die im Laufe ihres Lebens viele Herrchen und Frauchen kennenlernt, verweigert sich den üblichen Erwartungen, beleuchtet die Mensch-Tier-Beziehung neu und stellt sie teilweise in Frage.
7von 10

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