„The Orphanage“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Afghanistan, Ende der 1980er: Kino, das ist die ganz große Liebe von Qodratollah (Qodratollah Qadri). Nicht nur, dass er ständig davon träumt, sich selbst auch als Protagonist farbenfroher Bollywood-Filme sieht. Er verdient sogar ein bisschen Geld damit, indem er Kinotickets billig einkauft und für einen höheren Preis verscherbelt. Oder er tat es zumindest bis vor Kurzem. Doch dann wird die Polizei auf ihn aufmerksam und steckt den jungen Afghanen in ein von den Sowjets geführtes Waisenhaus. Dort lernt er neue Freunde kennen. Aber nicht alle sind ihm wohlgesonnen, gerade die Älteren setzen alles daran, ihm das Leben schwer zu machen.

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass Shahrbanoo Sadats preisgekrönter Debütfilm Wolf and Sheep mit zweijähriger Verspätung in unsere Kinos kam, ein Film über eine Gruppe von Kindern, die in einer entlegenen Bergregion Afghanistans aufwachsen. Mit The Orphanage liegt nun der zweite Film der im Iran geborenen Afghanin vor. Und in vielerlei Hinsicht könnte man ihn als eine Fortsetzung ihres Erstlings betrachten. Erneut spielt Quodratollah Qadiri die Hauptrolle, erneut stehen Kinder in Afghanistan im Mittelpunkt. Und auch Anwar Hashimi, der damals Regieassistent war, ist wieder mit von der Partie, darf dieses Mal den Leiter des Waisenhauses spielen.

Persönliche Erinnerungen aus Afghanistan
Er ist es zudem, der die beiden Filme inspiriert hat, schließlich basieren sie – wie auch drei weitere geplante Werke – auf seinen alten Tagebüchern. Entsprechend authentisch wirkt The Orphanage, das in der Directors’ Fortnight von Cannes 2019 Weltpremiere feierte. Man nimmt dem Drama sowohl die Beziehungen innerhalb des Waisenhauses ab, ein komplexes Geflecht aus Freunden, Feinden und sonstigen Verhältnissen, wie auch das Szenario an sich, wenn wir mit Sadat 30 Jahre in die Vergangenheit reisen.

Das ist auch der große Unterschied zum ersten Werk der Filmemacherin: War Wolf and Sheep noch so von der Außenwelt abgeschnitten, dass man gar nicht genau sagen konnte, wann und wo es spielt, da ist The Orphanage sehr viel stärker in einen konkreten Kontext gebettet. Afghanistan, Ende der 80er, das war eine Zeit des Umbruchs. Die Sowjets begannen sich zurückzuziehen, die islamischen Guerillas nahmen immer mehr Teile des Landes ein – mit den bekannten Folgen. Letztere werden hier aber noch kaum gezeigt, das sich im Umbruch befindende Land dient eher als Spiegel eines Jungen, der sich selbst im Umbruch befindet. Da wäre beispielsweise das andere Geschlecht, welches plötzlich eine ganz eigene Anziehungskraft ausübt.

Ungewohnte Protagonisten mit gewohnten Gefühlen
Über weite Strecken ist The Orphanage dann auch klassisches Coming-of-Age-Material, nur eben in einem für uns ungewohnten Umfeld. Afghanische Kinder Ende der 80er, das sieht man doch eher selten als Protagonisten. Es ist auch realistisch dargestellt. Anders als Sadats erster Film, der sich immer wieder ins Mythische flüchtete, bleibt ihr neues Drama weitestgehend in der (damaligen) Gegenwart. Ganz kann es die Regisseurin und Drehbuchautorin aber nicht lassen mit den Fantastereien, dieses Mal sind es Qodratollahs Träume, wenn er zum Helden von Filmen wird, die das Geschehen unterbrechen.

Doch selbst diese Einschübe fügen sich ausgesprochen harmonisch in die Geschichte ein, sofern man überhaupt von einer Geschichte sprechen möchte. Erneut hat Sadat einen Film gedreht, der keinen rechten Fokus hat. Der eher eine Situation beschreibt, eine Gefühls- und Gedankenwelt, anstatt einer Handlung zu folgen. Das ist manchmal etwas spröde, kann sich auch ein wenig ziehen, wenn die Darstellung der vielen Bewohner allmählich zerfasert. Aber The Orphanage ist auch charmant, zumal Sadat dem Szenario entsprechend viel 80er-Jahre-Stimmung eingebaut hat, ohne gleich auf den Retro-Nostalgie-Zug aufzuspringen. Stattdessen hat sie eine eigene kleine Welt kreiert, real und abgehoben, ernst und doch auch warmherzig, die neugierig macht, was die späteren Tagebucheinträge von Hashimi noch alles ergeben werden.



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The Orphanage
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The Orphanage
„The Orphanage“ nimmt uns mit ins Afghanistan der späten 80er, wo ein Junge in einem von den Sowjets geführten Waisenhaus die Welt kennenlernt. Das ist teils klassisches Coming-of-Age-Material, verpackt in ein für uns ungewohntes Szenario, vermischt das Authentische und das Fantastische zu einem sehenswerten Film über einen doppelten Umbruch.
7von 10

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