Kleine Germanen

„Kleine Germanen“ // Deutschland-Start: 9. Mai 2019 (Kino)

Gehört hat man von ihnen natürlich schon: Menschen, die auf befremdlichen Versammlungen gegen alle hetzen, die anders sind. Die ihr Kreuz brav bei der AfD machen. Die von einem aufrechten Deutschland träumen, wie es das früher einmal gegeben hat. Aber was sind das alles für Leute? Wo kommen die her? Wie sind sie zu dem geworden, der sie sind? Eine wirkliche Antwort kann man darauf natürlich nicht geben, zu unterschiedlich sind die Lebenswege, als dass man sie so einfach zusammenfassen könnte. Zumal man manchmal sehr weit zurückgehen muss, um zu verstehen, was da passiert ist.

Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger tun das, wenn sie in Kleine Germanen die Geschichte von Elsa erzählen. Die musste schon als kleines Kind Mein Kampf auswendig lernen, der Opa wollte es so. Die Eltern waren wohl nicht wirklich besser, wenn auch etwas weniger offensiv in der Außenwirkung. So oder so, ihre Überzeugungen und ihren Hass haben sie schon früh an das Mädchen weitergegeben. Die suchte sich später dann auch den passenden Mann dazu, Thorsten. Der begnügte sich jedoch nicht damit, Ausländer einfach nur zu beschimpfen. Der trat gern auch mal ein bisschen zu.

Die Realität als animiertes Bild
Ihr Schicksal ist sozusagen das Rückgrat des Films, zieht sich von Anfang bis zum Ende, von ihrer glücklichen Kindheit im Nazi-Haushalt bis zu den späten und tragischen Folgen, die dieser Lebensweg für sie bedeutete. Auffallend dabei: Kleine Germanen setzt dabei einen verstärkten Trend der letzten Zeit fort, Dokumentation mit Animation zu verbinden – siehe Chris the Swiss oder Another Day of Life. Wie so oft wird auf diese Weise eine kleine Distanz geschaffen, wenn die realen Personen durch gezeichnete Figuren ersetzt werden. Und doch ist es recht effektiv, weil die an und für sich idyllisch-naiven Bilder in einem starken Kontrast zum Inhalt stehen, zu der körperlichen Gewalt, zu der psychischen Gewalt.

Unterbrochen wird dieser Hauptstrang durch eine Reihe von Interviews, allesamt geführt mit ehemaligen oder aktuellen Vertretern der rechten Szene. Die Bandbreite dabei ist groß. Mal kommen tatsächliche Rädelsführer zu Wort, etwa Vertreter der Identitären Bewegung in Österreich oder eine Dame, die wegen Volksverhetzung angeklagt wurde – den Auftritten bei Pegida verschuldet. Andere sind eher unbedeutend, scheinen einfach nur irgendwie dabei zu sein, darunter eine Frau, die eine kuriose Vorliebe für die germanische Sagenwelt pflegt und selbst die christliche Kirche als undeutschen Zwangsimport beschimpft.

Richtungslos nach rechts
Eine ganz klare Linie fehlt in dem Film dann auch: Kleine Germanen, das auf der Berlinale 2019 Weltpremiere hatte, versammelt recht wahllos Rechtsgläubige. Es ist noch nicht einmal so, dass die Idee, was es heißt, in einem solchen Umfeld aufzuwachsen, konsequent verfolgt wird. Nur in manchen der Interviews geht es tatsächlich um das Thema Erziehung oder den Einfluss auf Kinder und Jugendliche. Der Titel der Dokumentation ist in der Hinsicht recht irreführend, das Ergebnis ist sehr viel weniger stringent, als man glauben und hoffen durfte.

Aber es finden sich doch genügend Beispiele und Szenen, die es einem eiskalt den Rücken hinunterlaufen lassen. Wenn beispielsweise ein Ehepaar sehr gewählt und reflektiert über die Lage in Deutschland spricht, dann ist das deutlich erschreckender als minderbemittelte Mitläufer, die sich einfach der Vorstellung von Reinheit und Kraft ergeben. Und auch das Interview mit der Pegida-Dame geht an die Nieren, wenn sie im einen Moment davon spricht, ihre Kinder positiv durch ihr Leben begleiten zu wollen, umgeben von Farben und Spielzeug, nur um im nächsten Moment ihre Hasstiraden loszuwerden. Doch die tiefsten Wunden hinterlässt am Ende besagte animierte Geschichte um Elsa, die zeigt, wie jemand in diesem Gedankengut verlorengehen, wie hoch schließlich der Preis sein kann, im falschen Elternhaus aufgewachsen zu sein.

Kleine Germanen
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Kleine Germanen
„Kleine Germanen“ spürt mittels Interviews Menschen aus der rechten Szene nach und befragt sie zu deren Ansichten, gerade auch im Hinblick Erziehung. Das ist insgesamt nicht so konsequent, wie es hätte sein können, schockierende Gespräche wechseln sich mit eher nichtssagenden ab. Den größten Eindruck hinterlässt die mittels Animation erzählte Geschichte eines Mädchens, das in einem Nazi-Haushalt aufwuchs und später in dem Milieu steckenblieb – mit tragischen Folgen.
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