Der Doktor aus Indien

Der Doktor aus Indien

Der Doktor aus Indien
„Der Doktor aus Indien“ // Deutschland-Release // Kino: 23. August 2018

Einen Puls? Klar, den haben wir, den kennen wir, den fühlen wir. Wir fühlen ihn, wenn wir aufgeregt sind, vielleicht bei Schmetterlingen im Bauch oder einem besonders spannenden Horrorfilm. Wir fühlen ihn beim Sport, beim Abstrampeln auf dem Fahrrad zum Beispiel. Wir fühlen ihn in Notfallsituationen, sollte es etwa zu einem Unfall gekommen sein. Dass es aber mehrere Pulse gibt oder zumindest geben soll, das dürfte vielen vor dem Film Der Doktor aus Indien nicht bewusst gewesen sein.

„Vata 2, Pitta 3“ diktiert Dr. Vasant Lad, der besagte Doktor aus dem Titel, seinen Assistenten, so als wäre damit bereits alles gesagt. Die Idee dahinter: Wer die verschiedenen Pulse des menschlichen Körpers ertastet, kann auf diese Weise spüren, was mit ihm nicht stimmt. Die indische Heilmedizin Ayurveda verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der besagt, dass der Mensch mit seinem Körper in Harmonie sein müsste. Ist er das nicht, entstehen Krankheiten. Seine Kunst ist es, eben diese Störungen zu erkennen, schnell und ohne den Einsatz teurer Maschinen. Jahrtausende alte Überzeugungen aus Indien sei Dank.

Der Kampf um Anerkennung
Dem darf man natürlich skeptisch gegenüberstehen. Tatsächlich handelt Der Doktor aus Indien auch davon, wie sehr Lad gegen Vorbehalte aus dem Westen kämpfen musste, immer wieder. Die Dokumentation ist deshalb nicht nur Erläuterung einer erst in den letzten Jahren populärer gewordenen Alternativmedizin und Porträt eines Mannes, der sich in den USA für deren Verbreitung stark machte. Sie handelt gleichzeitig davon, wie sehr sich die Verhältnisse geändert haben, daheim und in der Ferne, eine kleine Geschichte des Ayurveda, wenn man so will.

Das ist natürlich jede Menge Stoff, gerade auch, wenn einem nur die handelsüblichen anderthalb Stunden zur Verfügung stehen, um diese Geschichte zu erzählen. Tatsächlich scheitert Der Doktor aus Indien dabei, die verschiedenen Aspekte gleichberechtigt und doch mit Tiefgang zu würdigen. Für einen Film, der selbst sehr viel von Balance spricht, fehlt ihm diese auf erschreckende Weise. Regisseur Jeremy Frindel verpasst es, den eigenen Ansprüchen und auch dem Thema gerecht zu werden.

Enttäuschend ist beispielsweise, wie sehr bei der Vorstellung von Ayurveda nur an der Oberfläche gekratzt wird. Bei besagter Puls-Szene oben wagt er einen kleinen Exkurs, was die Heilkunst eigentlich umfasst. Das ist noch drollig mit einigen Animationen hinterlegt, die jedoch kaum dabei helfen, das Konzept wirklich zu erläutern. In einem Kurzabriss werden Begriffe in den Raum geworfen, das Publikum anschließend damit allein gelassen. Hier mehr Zeit zu investieren hätte dem Film sicherlich gut getan.

Wenn Bewunderung das Maß verliert
Stattdessen entschied sich Frindel, seinen Protagonisten bei der Arbeit zu zeigen. Auch der Ansatz hat etwas für sich, „show don’t tell“ lautet die Devise. Das Ergebnis ist jedoch wenig überzeugend. Erklärungen spart sich Der Doktor aus Indien aus. Vielmehr sehen wir, wie Lad Diagnosen erstellt und ihn alle andere verwundert und bewundernd anschauen. Wie konnte er das nur so schnell erkennen? Dass eine der Interviewpartnerinnen ihn dann noch als Hellseher bezeichnet, hilft auch nicht unbedingt dabei, das für sich in Anspruch genommene Fundament der Überzeugung aufzuzeigen.

Aber das wollte der Film wohl auch gar nicht. Stattdessen ist Der Doktor aus Indien ein Porträt, das zunehmend dokumentarische Prinzipien über Bord wirft und zu einem reinen Werbefilm degeneriert. Das ist bei Werken, die nur einer Person gewidmet sind, natürlich keine Seltenheit. Bedauerlich ist es aber schon, wie sehr hier zu Lasten des Informationsgehaltes derart stark auf wohlfeile Bewunderung gesetzt wird, die mehr Kult als tatsächliche Auseinandersetzung ist. Begleitet wird dies von konstantem Klaviergeklimper, das den Eindruck verstärkt, man wolle mithilfe einer filmischen Meditation das Publikum einlullen und überzeugen, ohne groß etwas dafür zu tun.



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Echte Medizin oder bloßer Hokuspokus? „Der Doktor aus Indien“ wagt einen kurzen Streifzug durch die Geschichte des Ayurveda und demonstriert anhand eines praktizierenden Arztes den Kampf um Anerkennung. Das ist als Thema spannend, lässt hier jedoch jeglichen Tiefgang und kritische Distanz vermissen. Stattdessen verkümmert die Dokumentation zunehmend zu einem reinen Werbevideo.