„Rosie & Moussa“, Belgien, 2018
Regie: Dorothée van den Berghe; Drehbuch: Michael De Cock; Vorlage: Michael De Cock, Judith Vanistendael; Musik: Le Motel
Darsteller: Savannah Vandendriessche, Ruth Beeckmans, Titus de Voogt, Imad Borji

Rosie und Moussa

„Rosie & Moussa“ läuft im Rahmen des 36. Filmfests München (28. Juni bis 7. Juli 2018)

So richtig weiß Rosie (Savannah Vandendriessche) ja nicht, was das alles soll. Warum müssen sie und ihre Mutter Lilly (Ruth Beeckmans) umziehen? In so ein komisches Hochhaus auch noch. Außerdem vermisst sie ihren Papa (Titus de Voogt). Aber der ist ja weg, in irgendeinem fernen Land. Wo genau, das will ihr jedoch keiner sagen. Allgemein will Lilly nicht über ihren Mann sprechen, blockt die Fragen ihrer Tochter ab. Einsam ist Rosie zum Glück trotzdem nicht. Schließlich ist da der dicker Kater, der ihr kurz nach dem Einzug über den Welt läuft. Dessen Herrchen ist der Nachbarsjunge Moussa (Imad Borji), der davon träumt, später einmal als Lokführer zu arbeiten, und hilft mit seiner Familie dabei, dass die Neuankömmlinge sich schnell heimisch fühlen.

Woanders neu anzufangen, umziehen zu müssen, niemanden zu kennen – das ist nie besonders einfach. Umso mehr, wenn dabei gleichzeitig deine Familie auseinandergerissen wird und dir niemand erklärt warum. Der belgische Autor Michael De Cock nahm dies als Ausgangslage für seine mehrbändige Kinderbuchreihe Rosie & Moussa, die von einer ganz besonderen Freundschaft handelt. Die Bücher sind schon seit Längerem hierzulande erhältlich, auf dem Filmfest München 2018 feiert die erste Filmadaption nun Deutschlandpremiere.

Sympathisch und fantasievoll
Regisseurin Dorothée van den Berghe schafft es dabei gut, die Vorlage von De Cock – der hier auch das Drehbuch schrieb – in ein anderes Medium umzusetzen. Auch wenn Rosie zunächst ein bisschen zurückhaltend ist, Moussa trotz seiner Freundlichkeit auf Abstand hält, die Sympathien des Publikums sind ihr sicher. Wobei es eben die Freundschaft der beiden ist, die das Herz von Rosie & Moussa ausmacht. Es ist ungemein charmant, wie die zwei durch die Gegend streifen und sich ihren Träumen hingeben. Die werden teilweise visualisiert, durch Farben, manchmal auch kleinere Fantasien.

Gleichzeitig ist in Rosie & Moussa aber nicht alles eitel Sonnenschein. Auch unabhängig von der unerfreulichen Ausgangssituation der kleinen Titelheldin lugt der belgische Film immer mal wieder in Abgründe hinein. Sie sollen sich besser von den Leuten im 10. Stock fernhalten, erfahren Rosie und ihre Mutter anfangs von dem Hausmeister, der sich unbeobachtet gern mal kleineren Stepptanzeinlagen hingibt. Was er damit meint, ist klar: Es sind Ausländer. Farbige. Leute, denen man nicht trauen kann, die nur Ärger verursachen. Und wenn man sich Moussa anschaut, mit seinem umgedrehten Cappy und den Hip-Hop-Allüren, versteht man, worauf er hinauswill.

Das Hochhaus ist für alle da!
Dass es aber ausgerechnet diese Leute sind, welche die neuen Nachbarn willkommen heißen und mit offenen Armen empfangen, straft nicht nur ihn Lügen, sondern ist auch ein Plädoyer für mehr Offenheit. Der kleine alltägliche Rassismus, der zuletzt im Westen wieder salonfähig geworden ist, in dem etwas heruntergekommenen Hochhaus hat er keinen Platz. Rosie & Moussa, das ist die Geschichte einer Freundschaft zweier Kinder, gleichzeitig aber auch mehr als das. Es geht um Hilfsbereitschaft, den Einsatz für andere. Es geht um Ehrlichkeit, die Kunst des Verzeihens und den schwierigen Weg ins Erwachsenenalter.

Das ist sympathisch, gut gemeint und gibt dem jungen Zielpublikum das eine oder andere mit auf den weiteren Lebensweg – darunter die traurige Erkenntnis, dass im Leben nicht alles so läuft, wie man es gern hätte. Ein bisschen tritt Rosie & Moussa dabei aber schon auf der Stelle, die diversen Nebenhandlungen werden oft nicht so richtig ausgebaut. Und auch die Ausflüge in die Fantasie, wenn Rosie die Welt ein wenig bunter macht, hätten etwas konsequenter ausgeführt werden können. Die Magie verpufft so schnell wieder, als hätte sie es gar nicht gegeben. Aber es bleibt ein süßer Film, dem es zu wünschen wäre, dass er parallel zu den Büchern auch noch regulär seinen Weg nach Deutschland findet.



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Rosie & Moussa
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Rosie & Moussa
Basierend auf der gleichnamigen Kinderbuchreihe erzählt „Rosie & Moussa“ von einer traurigen Ausgangslage und einer ganz besonderen Freundschaft. Das ist einfühlsam und charmant, wird zwischenzeitlich auch zu einem Plädoyer für mehr Offenheit, selbst wenn manche Nebenhandlungen nicht wirklich ausgeführt werden und der Film manchmal etwas auf der Stelle tritt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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