Jeremias
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Jeremias – Zwischen Glück und Genie

(OT: „El Jeremías“, Regie: Anwar Safa, Mexiko, 2016)

Jeremias
„Jeremias – Zwischen Glück und Genie“ ist seit 20. Oktober 2017 auf DVD und Blu-ray erhältlich

Dass Jeremías (Martín Castro) anders ist als die übrigen Kinder, das weiß eigentlich jeder. Niemand lacht über seine Witze, richtige Freunde hat er nicht, dafür aber regelmäßig Ärger mit den anderen Kindern. Erst als er zwei älteren Männern begegnet und das Schachspiel lernt, fühlt er sich zum ersten Mal verstanden. Denn Jeremías ist seinem Alter voraus, weit voraus sogar. Mit einem IQ von 160 ist er nicht nur seinen Mitschülern überlegen, sondern auch seiner eigenen Familie. Die weiß dann auch nicht so recht, was sie mit ihm anfangen soll. Während seine Mutter Margareta (Karem Momo Ruiz) ihn gern fördern würde, um ihm auch ein besseres Leben zu ermöglichen, ist sein Vater Onésimo (Paulo Galindo) skeptisch. So viel Lernen kann einem Kind doch gar nicht guttun.

Wunderkinder? Einen IQ von 160? Nein, damit dürfen nur die wenigsten prahlen. Auch wenn manch einer sich oder den eigenen Nachwuchs dafür hält, wahre Genies sind rar gesät. Zum Glück möchte man meinen, nachdem man Jeremias – Zwischen Glück und Genie gesehen hat. Während Intelligenz meistens als echtes Geschenk angesehen wird, zeigt der mexikanische Film, dass solche auch eine echte Belastung sein kann. Wer mehr versteht als andere, versteht gleichzeitig oft weniger. Und anders sein macht das Leben immer komplizierter, selbst wenn wir uns über unsere Eigenheiten freuen sollten.

Oh ja, das kenn ich …
Jeremias ist deshalb auch für Nicht-Genies durchaus bekömmlich: Der Film nimmt zwar Intelligenz als unterscheidendes Mittel. Das Ergebnis ist aber so alltäglich, um nicht zu sagen gewöhnlich, dass sich die meisten Zuschauer darin wiederfinden dürften. Wer war nicht schon mal in der Situation, dass er sich von dem Rest der Welt unverstanden gefühlt hat? Vor allem Kinder und Jugendliche können davon ein schmerzhaftes Lied singen, wenn die Suche nach einem eigenen Platz im Leben in die Irre führt. Manchmal auch in die vollkommene Orientierungslosigkeit.

Es ist daher klassisches Coming-of-Age-Material, welches der Beitrag vom Internationen Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2017 da für das Publikum bereithält. Letzteres ist hier tendenziell auch eher jünger angesetzt. Nicht nur, dass der Protagonist zarte acht Jahre alt ist, die mexikanische Komödie geht auch recht sanft mit ihm um. Selbst ernste Themen wie Mobbing werden hier bunt und fröhlich verpackt. Nichts, was dem kleinen Jeremías widerfährt, ist wirklich schlimmer Natur. Zudem gibt es auch das obligatorische Happy End, wenn nach langem Suchen und Schlingern alle wissen, wo sie hingehören. Wissen, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Auch ein Genie darf mal nicht weiter wissen
Für einen Film, der so viel von Möglichkeiten und Genie spricht, ist Jeremias daher schon ein wenig eingeschränkt und banal. Und doch ist der kleine mexikanische Streifen auch sympathisch. Die etwas schrägen Familienmitglieder – darunter die stumme Oma – sorgen immer wieder für kleine humorvolle Unterbrechungen. Nett ist auch Jeremias Besessenheit mit anderen bekannten Genies, denen er nacheifern will. Musik, Medizin, Schach – dem Jungen ist alles recht, wenn er nur endlich weiß, was er werden will und kann. Dass offensichtlich selbst die intelligentesten Menschen nicht immer wissen, was sie mit sich anfangen sollen, macht es doch ein wenig einfacher, die eigene Orientierungslosigkeit zu verkraften. Da sich Hauptdarsteller Martín Castro zudem mit einem unwiderstehlichen Lächeln durch das Dickicht des Aufwachsens kämpft, dürfen hier nicht nur Altersgenossen vorbeischauen.



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Fazit: Ein kleiner Junge ist ein wahres Genie, wird aber von allen missverstanden. Das ist eigentlich eher traurig, wird aber wie alle ernsten Themen in „Jeremías“ im Rahmen einer gut gelaunten, sanftmütigen Komödie verpackt. Große Überraschungen gibt es da nicht, dafür aber ein paar schräge Figuren und ein sympathisch orientierungsloses Wunderkind.
6
von 10