(OT: „The Snowman“, Regie: Tomas Alfredson, UK, 2017)

Schneemann

„Schneemann“ läuft ab 19. Oktober 2017 im Kino

Für Polizist Harry Hole (Michael Fassbender) gibt es derzeit nicht wirklich viel, das ihm Freude bereitet. Seine Beziehung zu Rakel Fauske (Charlotte Gainsbourg) ist gescheitert. Und auch wenn das Verhältnis zu ihr, ihrem Sohn Oleg (Michael Yates) und dem neuen Partner Mathias Lund-Helgesen (Jonas Karlsson) gut ist, sonderlich oft sehen sie sich nicht. Bei der Arbeit sieht es nicht besser aus, Oslo hat nun einmal eine geringe Mordrate. Immerhin, da scheint eine seltsame Entführungsreihe ihren Anfang genommen zu haben. Also macht er sich auf, mit seiner neuen Kollegin Katrine Bratt (Rebecca Ferguson) Licht ins Dunkle zu bringen. Die Suche nach Spuren führt sie auf die unterschiedlichsten Fährten. Hat der Unternehmer Arve Støp (J. K. Simmons) etwas damit zu tun? Und was hat es mit dem Polizisten auf sich, der sich vor Jahren das Leben genommen hat?

Dass skandinavische Filme gern einmal für den englischsprachigen Markt neu gedreht werden, das haben wir das eine oder andere Mal beobachten dürfen. Auch Tomas Alfredson hat diese Erfahrung gemacht, als sein Vampir-Coming-of-Age-Drama So finster die Nacht zu dem US-Remake Let Me In führte. Dieses Mal ließ es sich der schwedische Regisseur aber nicht nehmen, gleich selbst eine englische Fassung von Jo Nesbøs Roman zu inszenieren. Warum auch nicht? Bei Dame, König, As, Spion zeigte er schon einmal Talent bei der Umsetzung eines Thrillerbuches. Von der Vorlage des norwegischen Erfolgsautors (Doktor Proktors Pupspulver) ist jedoch nicht viel geblieben. Nicht nur, dass die Geschichte fleißig umgeschrieben wurde, man gab sich zudem sichtlich Mühe, beim Casting jede Nation außer Norwegen zu berücksichtigen. Die beiden Ermittler stammen aus Irland und Schweden, in den weiteren Rollen finden sich die Französin Gainsbourg, diverse Amerikaner und Engländer. Lediglich Tausendsassa Jakob Oftebro darf in einer winzigen Rolle als Polizistenstatist doch noch mal das Herkunftsland vertreten.

Kein Platz für Tiefgang
Andererseits: Großen Raum zur Entfaltung bekommen hier nur die wenigsten Figuren. Es ist sogar nahezu kriminell, wie viele große und talentierte Schauspieler hier für Sekundenauftritte verheizt werden. Tun und sagen dürfen sie nicht viel, sind wohl in erster Linie dazu da, das Ensemble größer erscheinen zu lassen, als es letztendlich ist. Die geringe Bedeutung der Künstler liegt auch in der zerfaserten Geschichte begründet. Wie es sich für einen Krimi gehört, finden sich an allen Ecken und Enden neue Spuren und Hinweise, denen nachgegangen werden muss. Das lässt zumindest Neulinge tatsächlich rätseln, um was es hier eigentlich geht, hat aber eben den Nachteil, dass vieles nicht vertieft werden kann. Immer wieder blitzt hier etwas auf, das Neugierde weckt, im Anschluss aber gleich wieder vergessen wird.

Aber auch bei den Hauptfiguren mangelt es an Tiefgang. Dass in skandinavischen Krimis und Thrillern Ermittler immer einen Schritt von der Gosse entfernt sind, das sind wir inzwischen gewohnt. Was vor Jahren noch eine willkommene Abwechslung war, wird hier aber zu einem reinen Pflichtprogramm degradiert. Harry trinkt, weil er eben trinkt, nicht weil es sich irgendwie aus einer Persönlichkeit ergeben würde. Dass Fassbender gebrochene Figuren beherrscht, das hat er unzählige Male bewiesen – etwa in dem Sexsuchtdrama Shame oder zuletzt auch in Das Gesetz der Familie. Hier bleibt das jedoch reine Behauptung, so wie auch Mängel und Eigenheiten anderer Charakter mitten im Raum stehen, ohne dem Film etwas zu geben.

Außen hui, innen pfui
Grundsätzlich ist der Inhalt sowieso die ganz große Schwäche von Schneemann. Seichte Figuren sind in einem Krimi nicht unbedingt ein Problem, das hat Agatha Christie oft genug bewiesen. Die Menschen in ihren Romanen waren zweitrangig, wenn es darum ging, die Puzzles zu lösen. Doch ausgerechnet hier scheitert die Adaption von Nesbøs bekannter Reihe. Vieles ist zu weit her geholt, verlässt sich auf faule Zufälligkeiten, ist an manchen Stellen zu plump, an anderen zu umständlich. Das ist anfangs noch sehr spannend, wird mit der Zeit aber immer abstruser und unbefriedigender. Und dann wäre da noch das Finale, das viel zu abrupt ausfällt, geradezu absurd, und den absoluten Tiefpunkt darstellt – gerade für Thriller eher kontraproduktiv, die normalerweise aus nervenzerreißenden Showdowns ihr Renommee beziehen. Das ist schade. Schade um die talentierten Schauspieler. Schade um die wunderbaren Aufnahmen eines winterlichen Norwegens. Schade um diverse gelungene Einfälle zum Thema Schneemann. Und es ist schade um die verschwendeten zwei Stunden, die der Film dauert. Das Drumherum bringt alles mit für erstklassige Unterhaltung. Aber das hilft eben nur bedingt, wenn unter der frostigen Hülle nur ein mäßiger TV-Krimi wartet.

Schneemann
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Schneemann
„Schneemann“ ist sicher eine der größten Enttäuschungen des Kinojahres 2017. Das Ensemble ist prominent und talentiert, die wunderbaren Aufnahmen eines winterlichen Norwegens liefern eine atmosphärische Kulisse. Und zumindest eine Weile ist die Bestsellerverfilmung auch spannend. Doch je länger die Mördersuche andauert, umso abstruser und ärgerlicher wird sie. Zudem werden viele Elemente und Figuren komplett verschwendet.
5von 10

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