Past Life

Past Life

(OT: „Past Life“, Regie: Avi Nesher, Israel/Polen, 2016)

Past Life
„Past Life“ läuft im Rahmen des 23. Jüdischen Filmfests Berlin & Brandenburg (2. Juli bis 12. Juli 2017)

Es ist eine höchst eigenartige Erfahrung, die Sephi Milch (Joy Rieger) da macht. Und eine unangenehme noch dazu. Als die aufstrebende Komponistin und Sängerin für einen Auftritt nach Berlin fährt, lernt sie dort nicht nur Thomas Zielinski (Rafael Stachowiak) kennen, sondern auch deren Mutter. Und die behauptet doch glatt, Sephis Vater Baruch (Doron Tavory) sei ein Mörder. Irritiert, verstört, aber doch auch neugierig darüber, wovon die Frau da spricht, beschließen sie und ihre Schwester Nana (Nelly Tagar) daheim in Israel der Sache ein wenig nachzugehen. Die Suche nach der Wahrheit führt sie weit zurück in die Vergangenheit, in den Zweiten Weltkrieg. Und plötzlich müssen sie sich fragen, ob sie ihren Vater jemals wirklich gekannt haben.

Es ist schon ein etwas seltsamer Film, den Avi Nesher da abgedreht hat. Nicht dass es ungewöhnlich wäre, wenn in Familien dunkle Geheimnisse lauern, über die man eines Tages stolpert. Wenn es sich bei der Familie um Überlebende des Holocausts handelt, dann versteht es sich praktisch von selbst, wenn dort tragische Ereignisse zu finden sind. Ereignisse, über die heute niemand mehr nachdenken, geschweige denn sprechen mag. Insofern befindet sich der israelische Regisseur und Drehbuchautor eigentlich in bester Gesellschaft. Und doch: Da stimmt so einiges nicht.

Das Glück ist aus
Im Grunde ist es ein Drama, was uns Nesher da in Past Life präsentiert. Oder besser: Dramen. Unglückliche Erfahrungen hat hier schließlich jeder gemacht. Eigentlich gibt es überhaupt niemanden hier, der ein normales Leben führt. Von glücklich ganz zu schweigen. Das Trauma von Thomas’ Mutter, Misshandlungen in der Familie Milch, eine tödliche Krankheit, kaputte Ehen, dazu Frauendiskriminierung und enttäuschte Liebe – man hat hier oft das Gefühl, der Film will seine Figuren für irgendetwas bestrafen. Und den Zuschauer gleich mit.

Das passt sehr gut zum Drumherum: In dem Beitrag vom 23. Jüdischen Filmfest Berlin & Brandenburg ist alles düster, die Kleidung, die Wohnung, die Straßen. Während alle den Blick in die Vergangenheit richten, um alte Wunden aufzureißen, scheint nie jemand hier in der Gegenwart zu leben. Oder auch nur leben zu wollen. Niemand hat Spaß, niemand genießt, Wärme und Zuneigung, das gibt es bei dem in den späten 70ern spielenden Film nicht. Teilweise ist das schon ein bisschen sehr dick aufgetragen, immer wieder hat man die Befürchtung, erdrückt oder erstickt zu werden. Warum Nesher hier so wahnsinnig viel hineinpacken wollte, das bleibt das größte Geheimnis in dem Drama, zumal diverse Nebenhandlungen nie so recht ihr Ziel erreichen.

Ein Drama im schlecht sitzenden Thrillergewand
Etwas unverständlich ist auch, weshalb Past Life so sehr darauf besteht, eben kein reines Familiendrama sein zu wollen, sondern sich auch regelmäßig als Thriller tarnt. Das wird in einer Szene unfreiwillig komisch, wenn die anschwellende Musik höchste Not und Spannung suggeriert, wo sie gar nicht ist. Wo es sie auch gar nicht gebraucht hat. Wie kann ich Menschen verzeihen, die mir Unglück zugefügt haben, lautet eine der zentralen Fragen des Films. Aber auch: Was machen grausame Ausnahmesituationen wie der Krieg und der Holocaust aus dem Individuum? Kann man anschließend noch ein normales Leben führen? Das ist spannend genug, um über den wenig geglückten Mystery-Teil und die enttäuschenden Auflösungen hinwegsehen zu können. Wenn wir hier zwei ungleichen Schwestern in die Vergangenheit folgen, dann können wir nie sicher sein, ob wir noch einmal wirklich zurückkommen. Ob man der Vergangenheit je wirklich entkommt.



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Zwei Schwestern stolpern zufällig über ein dunkles Familiengeheimnis – das ist Stoff für ein düsteres Drama. „Past Life“ will aber mehr sein und packt Thrillerelemente in die Geschichte. Die passen grundsätzlich zwar schon zu der finsteren Atmosphäre, sind insgesamt aber wie so einiges hier unnötig übertrieben.
6
von 10